Deutscher Gewerkschaftsbund

21.07.2010

Gelungenes soziales Kino

von Jürgen Kiontke

„Themba“ gewinnt den DGB-Filmpreis. Der Spielfilm über einen jungen Fußballspieler und seine Familie ist eine gelungene Darstellung der sozialen Herausforderungen in Südafrika. Und hat prominente Unterstützung: Weltklassetorhüter Jens Lehmann ist in einer Nebenrolle zu sehen. Am 5. August 2010 kommt der Film in die deutschen Kinos.

Südafrika und Fußball - diese Kombination ist in diesem Sommer wahrlich kein Wunder. Kann es wirklich sein, dass das Publikum des 21. Emdener Filmfests im Juni dieses Jahres so schwer von der Fußballweltmeisterschaft beeindruckt war? Es vergab den mit 5.000 Euro dotierten DGB-Filmpreis an den Fußball-Spielfilm „Themba“ - einen von vier in der Auswahl stehenden Filmen, die für die Auszeichnung in Frage kamen.

Möglicherweise haben sich die Zuschauer aber auch nur auf „ihren Auftrag“ besonnen: Denn der DGB, der das Preisgeld seit 1998 stiftet, will damit herausragendes soziales Filmschaffen fördern - zu der langen Reihe von Preisträgern gehören schließlich so engagierte Filmemacher wie die Gebrüder Reding, Nick Broomfield und Laurant Cantet.

„Themba“, die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Lutz van Dyk, reiht sich dort gut ein. Denn am Fußball wird hier deutlich gemacht, unter welchen sozialen Bedingungen Teile der südafrikanischen Bevölkerung leben. Und mit dem Weltklassetorhüter Jens Lehmann, der in „Themba“ John Jacobs, den Leiter einer Fußballschule, spielt, hat der Film auch ganz schön prominente Unterstützung. Dabei schlägt sich Lehmann ganz gut: Auf dem Platz verlerne man, nervös zu sein, sagt er. Und anders als im Stadion könne man beim Film ja jede Szene wiederholen.

Eine Paradedisziplin also. Nun ist Lehmann wichtig für den Film, aber er ist nicht die zentrale Figur. Der Star ist der südafrikanische Junge Themba (Emmanuel Soquinase als Kind/Junior Singo als Jugendlicher), der dem Werk den Namen gibt. Themba ist einerseits ein ganz normaler Junge, der mit seiner Mutter Mandisa (Simphiwe Dana) und Schwester Nomtha (Anisa Mhlungula) in einem kleinen Dorf lebt. Der Vater ist vor langer Zeit verschwunden, über seinen Aufenthaltsort gibt es höchstens Spekulationen. Zuletzt arbeitete er als Gewerkschaftssekretär bei einer Mine, dem Vernehmen nach genoss er einen guten Ruf bei den Arbeitern. Eines Tages jedoch tauchte er nicht mehr auf, so hat man es Thembas Mutter erzählt. Die kleine vaterlose Familie schlägt sich durch, die alleinerziehende Mutter Mandisa arbeitet viel.

Andererseits ist Themba ein Supertalent: Jede freie Minute steht er auf dem Fußballplatz und organisiert schon früh Spiele. Wie viele Jungs träumt er von der ganz großen Karriere als Profifußballer und vom ganz großen Geld. Nicht um dicke Autos zu sammeln, sondern um die Familie unterstützen zu können - und bald wird es mehr als deutlich: Wahrscheinlich ist dieser Weg für ihn der einzige aus der Armut.

Träumen ist erlaubt - sofern es die Wirklichkeit zulässt. Denn bald taucht Luthando auf, er gibt sich als Freund von Thembas Vater aus, auch er habe in der Mine gearbeitet, der Vater sei „einer von uns“ gewesen. Mandisa, die sich sehr einsam und oft überfordert fühlt, glaubt ihm. Mit Luthando sollen aber auch die Geißeln Afrikas das kleine Dorf erreichen - Arbeitslosigkeit, sexuelle Gewalt, Aids. Und so zeigt sich an Thembas Karriere nicht nur der unglaubliche Aufstiegswille des Jungen, sondern auch zugleich die Hindernisse, die einer ganzen Gesellschaft im Wege stehen.

Zunächst aber geht es blendend weiter: Themba hat es geschafft eine Mannschaft aufzustellen. Bei einem Jugendturnier erreichen die „Lion Strikers“ sogar das Halbfinale. Zufällig ist auch der Trainer von Ajax Kapstadt, John Jacobs (Jens Lehmann) vor Ort. Der Mann ist auf Talentsuche. Und Thembas Club gefällt ihm. Er verspricht der Mannschaft Fußballschuhe, denn die Jungs spielen barfuss. Und für eine Reihe Spieler sind es die ersten Schuhe überhaupt.

Jacobs macht einen guten Eindruck und hat eine schöne Visitenkarte. Es sieht also ganz gut aus. Dann verliert Mandisa ihren Job als Feldarbeiterin und muss in Kapstadt auf Arbeitssuche gehen. Schreibt sie anfangs noch regelmäßig nach Hause, so verliert sich alsbald auch ihre Spur. Nun sind die Kinder allein mit Luthando, der sich alsbald als alkoholsüchtig und gewalttätig erweist. In der Nacht belästigt der Volltrunkene zunächst Nomtha. Es kommt zum Kampf zwischen ihm und Themba, der bewusstlos geschlagen wird. Als der Junge wieder aufwacht, stellt er fest: Luthando hat ihn vergewaltigt. Noch am selben Tag laufen die beiden Kinder fort und schlagen sich nach Kapstadt durch, wo sie nach tagelanger Suche tatsächlich die Mutter finden. Schwer krank liegt sie in einem Holzverschlag am Rande eines Townships.

Im Krankenhaus erfahren sie die Diagnose: Mandisa ist an Aids erkrankt. Themba und seine Schwester sind verzweifelt. Er ruft Jacobs an, um ihn um einen Job zu bitten. Der lädt ihn stattdessen zum Probetraining ein. Dann geht’s schnell: Themba steigt in die Jugendmannschaft ein und auf. Der Mutter geht es alsbald besser, doch sie erzählt Themba, dass sie sich bei Luthando angesteckt hat. Bald sitzt der junge Fußballspieler auf der Ersatzbank der Nationalmannschaft und wird seinen ersten Einsatz haben. Auf einer Pressekonferenz verkündet er, was die Presse nicht unbedingt hören will: Auch er ist positiv auf HIV getestet worden.

„Themba“ ist gelungenes soziales Kino. Der Film verknüpft geschickt Soziales mit Populärem, erzählt gekonnt, was schwer vermittelbar scheint. Sie wolle mit dem Film etwas in Gang setzen, sagt Regisseurin Stefanie Sycholt: „Denn es ist immer noch ein großes Problem vieler Aidskranker, über ihre Krankheit zu sprechen.“ Sie habe schon lange überlegt, wie man das Thema Aids aufgreifen und gleichzeitig auch „Hoffnung hineinbringen“ könne.

Nun, in Lutz van Dyks Buch ist sie fündig geworden. Mittlerweile hat es eine Premiere in Südafrika gegeben, bei der auch Bischof Desmond Tutu anwesend war. Einen Teil des DGB-Preisgeldes stiftete Sycholt an drei Jugendorganisationen. Wie in vielen Staaten Afrikas südlich der Sahara haben Mediziner und andere Experten mit der heftigen Ablehnung wissenschaftlicher Ergebnisse über Aids zu kämpfen. Dabei gibt es dort weltweit den größten Teil der Infizierten: UN-Schätzungen zufolge tragen 5,7 Millionen der insgesamt rund 48 Millionen Südafrikaner das Virus in sich; darunter sind rund 280.000 Kinder. Die meisten von ihnen haben keinen Zugang zu Medikamenten oder einer Therapie. Aids wird neben Arbeitslosigkeit und Armut als Haupthindernisse bei der sozialen und politischen Entwicklung des Landes gesehen. Südafrikas Gewerkschaften, allen voran der Dachverband Cosatu, haben auf diesen Zusammenhang immer wieder hingewiesen. Nun erhalten sie Unterstützung aus dem Kinosaal.

„Themba“. D/SA 2009. Regie: Stefanie Sycholt, Darsteller: Junior Singo, Emmanuel Soqinase, Simphiwe Dana. Kino-Start: 5. August 2010


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten