Deutscher Gewerkschaftsbund

15.01.2019

Rosa Luxemburg: "Ich war, ich bin, ich werde sein!"

Rosa Luxemburg war ungewöhnlich, unbequem und unwiderstehlich. Sie polarisierte und prägte die deutsche Sozialdemokratie. Daher wird ihr Wirken bis heute höchst kontrovers diskutiert. Ernst Piper hat ihr eine umfassende, scharfsichtige und elegant geschriebene Biographie gewidmet.

 

Von Daniel Haufler

Rosa Luxemburg auf einer Veranstaltung.

Rosa Luxemburg war nur 1,46 Meter groß und stand bei einer Rede daher gern mal auf einem Stuhl, so wie hier beim Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart 1907. DGB/Archiv

Rosa Luxemburg wird bis heute bewundert, verehrt und verklärt. Gern zitieren Politiker und Publizisten ihren berühmten Satz: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Doch erstaunlicherweise sind ihr Leben und Wirken bei weitem nicht so gut erforscht, wie man annehmen sollte. Die letzten großen Biographien sind vor Jahrzehnten erschienen. Zudem war Luxemburgs Wahrnehmung lange vom Ost-West-Gegensatz geprägt. Ein wenig davon kann immer noch spüren, wer an jedem zweiten Sonntag im Januar die unterschiedlichen Gruppen beobachtet, die mit roten Nelken in der Hand auf dem Berliner Sozialisten-Friedhof in Friedrichsfelde ihrer und Karl Liebknechts Ermordung am 15. Januar 1919 gedenken.

Umso erstaunlicher ist, dass nun am 100. Todestag lediglich eine neue Beschreibung von Luxemburgs Leben erscheint. Verfasst hat sie der Historiker Ernst Piper, der bisher mit Arbeiten über den Ersten Weltkrieg und den Nationalsozialismus hervorgetreten ist. Er konnte für seine Biographie zahlreiche Quellen und Publikationen auswerten, die seinen Vorgängern noch unbekannt waren. Entsprechend umfangreich und vor allem tiefgehend ist sein Werk geworden, das weit mehr erzählt als das Leben einer politischen Aktivistin und, ja, Sozialdemokratin. Seine Einordnung ihres Wirkens in die jeweiligen historischen Zeitläufte ist bemerkenswert, analytisch scharfsichtig und durchaus von Empathie getragen; nur gelegentlich geraten seine Exkurse ein wenig zu enzyklopädisch.

Das Panorama von Luxemburgs Leben ist überwältigend

Leider ist dem gleich am Anfang so, wenn Piper von Luxemburgs Familie und ihrer Geburt in Zamość berichtet und gleich nebenbei den Namensgeber der Stadt im 18. Jahrhundert vorstellt. Doch was dann folgt, ist ein beeindruckendes Panorama von Luxemburgs Leben: Von ihrer Kindheit in einer wohlhabenden jüdischen Familie, ihrem Verhältnis zum Judentum, ihrem Anteil an und Streiten in der polnischen Sozialdemokratie über ihre persönlichen und politischen Freundschaften, ihre Lieben und ihre Vorliebe für originelle Kosenamen, bis hin zu ihren Konflikten mit anderen sozialistischen Denkern beim Revisionismusstreit oder der Kontroverse zum Generalstreik, bei ihrer Ablehnung der Kriegskredite und der Kritik an Lenins Parteikonzept.

Zu allen Zeiten ihres Lebens hat sie einen nachhaltigen Eindruck auf ihre Umgebung gemacht. Als sie mit fünf Jahren aufgrund eines Hüftleidens für ein Jahr ans Bett gefesselt ist, nutzt sie die Zeit, um Lesen und Schreiben zu lernen und um sogleich ihre neuen Erkenntnisse an die Hausmädchen weiterzugeben, die in der Regel Analphabetinnen waren. Frühe politische Ideen offenbart auch ein kleines Gedicht der Siebenjährigen, das ihre Freundin Luise Kautsky in ihrem Gedenkbuch überliefert hat. Da heißt es unter anderem anlässlich eines Besuchs des deutschen Kaisers in Warschau: "Endlich werden wir Dich sehen, Mächtiger des Westens,/Das heißt, solltest du in des Sachsen Garten kommen,/Denn ich besuche Eure Höfe nicht./Es liegt mir nämlich an Euren Ehrbezeigungen gar nichts."

Gedenktafel an Luxemburgs Geburtshaus.

Auf Anordnung der nationalkonservativen PiS-Regierung wurde die Gedenktafel für Luxemburg in Zamość am 13. März 2018 entfernt. Die Maßnahme gehört zu dem groß angelegten Versuch, die polnische Geschichte nationalkonservativ umzudeuten. DGB/Archiv

Schon als Schülerin ist sie als politische Agitatorin tätig, wie Piper schreibt, was zur Folge hat, dass Luxemburg nach ihrem Abitur mit 17 Jahren Polen verlassen muss. Sie reist auf riskantem Weg in die Schweiz, die damals eines der liberalsten Länder Europas war. Besonders Russen wussten das zu schätzen. Wozu man wissen muss: auch der Teil Polens, aus dem Luxemburg stammt, gehörte damals zum Zarenreich. Zudem konnten Frauen in Zürich schon seit 1840 studieren. Im Jahr der gescheiterten Revolution von 1905 studierten an Schweizer Universitäten 2322 russische StudentInnen, mehr als ein Drittel davon Frauen.

Luxemburg liebt die Schweiz. Vor allem Genf bleibt für sie in all den Jahren ein Sehnsuchtsort. In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt sie noch 1917: "Jetzt habe ich ihn drei Jahre nicht gesehen. O dieser blaue traumhaft schöne Genfer See. (…) Wie Balsam gießt sich dort die Luft und Ruhe und Heiterkeit jedesmal in meine Seele. (…) Herrgott, wie schön ist die Welt und das Leben!" Sie hätte sich wohl auch vorstellen können, dort zu leben, eine Familie zu gründen und die Natur zu genießen. Doch letztlich opferte sie diese private kleine Utopie der politischen Arbeit.

Luxemburg hatte schon bei ihrer Ankunft in Berlin einen Aktionsplan für die SPD

All das kann Piper auch deshalb so schön illustrieren, weil Luxemburg unendlich viele Briefe verfasst hat. Allein die sechsbändige Ausgabe umfasst 2.700 Briefe und Karten. Fast 1.000 der publizierten Schreiben richten sie an ihren langjährigen Lebens- und Aktivistengefährten Leo Jogiches. Sie sind eine wichtige Quelle zur Geschichte der polnischen Sozialdemokratie, und sie geben Ausschluss über Luxemburgs Seelenleben. Der Philologe Walter Jens verglich ihre akribische Wahrnehmung von Gefühlsregungen sogar mit der frühexpressionistischen Prosa von Rainer Maria Rilke und Robert Musil. Während sie sich unvermindert in politischen Debatten engagierte, schrieb sie ihre Doktorarbeit. Ihr Doktorvater, der liberale Ökonom Julius Wolf, attestierte ihr trotz einiger kritischer Anmerkungen in seinem Gutachten 1897: "Der Arbeit ist nachzurühmen volle Beherrschung des Gegenstandes, große Sorgfalt, großer Scharfsinn."

Im Jahr darauf zieht sie nach Berlin und stattet voller Selbstbewusstsein dem Sekretär des SPD-Parteivorstands Ignaz Auer einen Besuch ab, bei dem sie laut einem Brief an Jogiches kühn sagt: "Ich möchte ihnen bei der Arbeit helfen, zu diesem Zwecke habe ich die (preußische, d. Red.) Staatsbürgerschaft erworben und bin gekommen, um mich aktiv zu beteiligen. Ich habe natürlich in dieser Hinsicht einen eigenen Aktionsplan, möchte jedoch nicht auf eigene Faust beginnen, ohne mich mit der Parteileitung zu verständigen." Auer ist durchaus beeindruckt und entsendet sie gleich mit einem schwierigen Auftrag nach Breslau, wo sie erstmals auf einer Wahlversammlung spricht.

Trauerzug auf dem Weg Rosa Luxembergs Beisetzung.

Dem Trauerzug für Luxemburg folgten Zehntausende Menschen, darunter allein 800 Abordnungen mit Kränzen. DGB/Bundesarchiv Bild 146-1976-067-25A/Gemeinfrei

Seit dieser Zeit ist sie an den entscheidenden Debatten auch der deutschen Sozialdemokratie beteiligt. So streitet sie mit Eduard Bernstein in der Revisionismusdebatte. Bernstein hielt die Ausrichtung auf Klassenkampf und Abschaffung des Kapitalismus für überholt. Das "marxistische Zentrum" um August Bebel und Karl Kautsky distanzierte sich davon – und Luxemburg kritisierte Bernstein derart unerbittlich, dass Auer sie in einem Brief an Bernstein eine "gescheite Giftnudel" nannte. Ähnlich kontrovers gestalten sich der Streit um den Massenstreit und die Kriegskredite, die sie für einen fundamentalen Fehler hält. Die (internationalistische) Sozialdemokratie ist bis dahin ihre eigentliche Heimat, weit mehr als Deutschland, wo sie letztlich immer eine Fremde bleibt. Am Ende jedoch wird sie auch von ihr im Stich gelassen. Im Dezember 1918 verfasst Luxemburg dann das Programm des Spartakusbundes, der im Januar 1919 in der Kommunistischen Partei Deutschlands aufgeht. Ob sie dort wirklich heimisch geworden wäre, darf man zumindest bezweifeln.

Schließlich hat sie auch entscheidende Konflikte mit Lenin ausgefochten. Dabei geht vor allem um die Rolle der Revolution und die Diktatur des Proletariats, die sie als eine Diktatur der Partei kritisierte. Piper schreibt zu Recht, dass „Luxemburg … der lebendige Beweis dafür (ist), dass ein Marxismus jenseits des Leninismus möglich ist. Wo Lenin Kontrolle verlangte, wollte sie Spontaneität“. Der ultrazentralistischen Richtung der russischen Partei setzte sie eine sozialdemokratische Zentralisation entgegen, die, wie sie schreibt, „nicht auf blindem Gehorsam, nicht auf der mechanischen Unterordnung der Parteikämpfer unter ihre Zentralgewalt basieren kann“. Sie hatte eine diachrone Vorstellung von der Revolution, die also ein Prozess ist, der nicht irgendwann endet – und immer wieder der demokratischen Zustimmung bedarf. Die Freiheit der Andersdenkenden ist diesem Kontext selbstverständlich konstituierend für die Freiheit.

Piper geht auch gründlich auf die Rezeptionsprobleme ein, die deshalb ausgerechnet der real existierende Sozialismus der DDR mit Luxemburg hatte. Zum ihrem 100. Geburtstag verfassten die Herausgeber ihrer Werke Annelies Laschitza und Günter Radczun eine Monografie, die auf der Linie der Staatsdoktrin lag und kunstvoll nachwies, dass mit dem Aufbau des Sozialismus in der DDR im Prinzip "Rosa Luxemburgs Vermächtnis erfüllt" sei.

Über die Frage, wer Schuld an Luxemburges Ermordung ist, spekuliert Piper nicht

Über die letzte Wochen und Tage ihres Lebens wird bis heute viel diskutiert. Piper lässt sich da auf keine Spekulationen ein und protokolliert primär die Ereignisse von Oktober 1918 bis Januar 1919. Er lässt offen, ob die SPD-Führung davon wusste, dass Liebknecht und Luxemburg ermordet werden sollten. Die Schuld des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Gustav Noske sieht er jedoch vor allem darin, "dass er sich – mit Wissen und Duldung durch Ebert – zu einseitig auf fragwürdige militärische Kräfte gestützt hat." Das sehen längst noch nicht alle Historiker so entspannt. In einem aktuellen Beitrag für die Frankfurter Hefte teilt Peter Brandt allerdings Pipers Position.

Am 13. Juni 1919 wird Rosa Luxemburg auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Der Leichenzug vom Friedrichshain durch die Stadt wird zu einem Massenereignis. Auf Bretterbühnen werden Reden gehalten, unter anderem von ihrer guten Freundin Clara Zetkin für die KPD und dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hugo Haase für die USPD. In seiner Totenrede sagt ihr Anwalt und Freund Paul Levi: „Sie haben den Leib getötet, aber der Geist ist nicht tot geworden!“ Warum das bis in unsere Zeit so ist, erzählt und erklärt Ernst Piper in seiner großartigen Biographie kundig und elegant. Wer künftig über Luxemburgs Leben und Wirken diskutieren will, muss sie gelesen haben.

 


 

Umschlag des Buches "Rosa Luxemburg. Ein Leben" von Ernst Piper

Blessing Verlag

Ernst Piper. "Rosa Luxemburg. Ein Leben", Blessing Verlag, München 2018, 832 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 32 Euro (27,99 Euro als E-Book).


Nach oben

Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai 2017 verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten