Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2011

Wasserkrieg, faule Papiere und Ausbildungsmisere

ausbildung

"Die Ausbildung" Quelle: verleih

Über 300 Filme wurden auch dieses Jahr wieder in der Zeit vom 10. bis 20. Februar im Rahmen der Berliner Filmfestspiele gezeigt. Im Zentrum stand wiederholtermaßen das Thema Identitätsfindung, eine Vielzahl der Filme dokumentiert die Positionsbestimmung des Einzelnen angesichts der Wandlungen einer sich immer moderner gebenden Welt. Als Eckpunkte der Orientierung dienen dabei die Stellung des Individuums zur Familie oder kulturelle Gegebenheiten.

Transformationen der Arbeitswelt oder Konflikte rund ums Soziale, kurz: Gewerkschaftsthemen sind nicht unbedingt eine Hausnummer bei der Berlinale. Was nicht heißt, dass sie gar keine Rolle spielen; der Kampf der bolivianischen Stadtbevölkerung um den Grundbedarf wird dann eben als Geschichte eines Regisseurs erzählt, der angesichts bürgerkriegsähnlicher Zustände am Drehort in eine Identitätskrise gerät: Soll er mutig sein und mitkämpfen  - oder einfach abhauen?

So gesehen in dem französisch-spanisch-mexikanischen Film „También la Lluvia“, der den als „Wasserkrieg“ im Jahr 2000 in die bolivianische Geschichte eingegangenen Konflikt rund ums Grundwasser und seine Verfügbarkeit in der Stadt Cochabamba thematisiert.

Das Drehteam hat sich Bolivien der Löhne wegen als besonders günstigen Ort ausgesucht: Die Einwohner sehen prima aus - soll es doch um ein Filmprojekt gehen, das die Landung von Christoph Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent zeigt. Da braucht es jede Menge indigene Ureinwohner, die für wenig Lohn arbeiten.

Aber genau die kämpfen nicht nur im Film gegen die Konquistadoren, sondern auch ganz real gegen den britisch-amerikanischen Großkonzern, der ihnen den Wasserhahn abdrehen will. Das Filmteam und seine Dreharbeiten wird werden sukzessive Teil der Kämpfe.

In der Darstellung dieser Auseinandersetzung vermeidet der Film es nicht, die Schwierigkeiten der Kommunen zu benennen. Die haben kein Geld und können sich den Ausbau der Wasserversorgung nicht leisten. Dagegen stehen die Interessen der Menschen, die bisher selbst die Brunnen gebohrt haben und freien Zugang zu den Ressourcen hatten. „Sogar der Regen“ gehört neuerdings wem, wie der Titel andeutet.

Der Film entstand nach einem Drehbuch von Paul Laverty, der oft mit dem englischen, in Gewerkschaftskreisen gern gesehenen Regisseur Ken Loach zusammengearbeitet hat.

„También la Lluvia“. F/SP/MEX 2010. Regie: Icíar Bollaín, Darsteller: Luis Tosar, Gael García Bernal u.a.

Nächstes Thema: die Finanzkrise. Der Wettbewerbsbeitrag „Margin Call“ von JC Chandor inszeniert die Vorgänge im Herzen des Bösen: einem Geldinstitut nach Vorbild der Lehman Brothers Bank, die im Jahr 2008 über die so genannten faulen Papiere zu Fall kam. Man erinnere sich: Damals wurde ein schwunghafter Handel mit Hypothekenverschreibungen aus dem Immobiliensektor betrieben. Es entstanden massenweise neue Finanzprodukte, die nicht viel mehr wert waren als die Zettel, auf dem sie standen. Der Börsenhandel florierte trotzdem wie bekloppt.

Bis irgendwann mal einer nachrechnet. Da stellt sich dann ganz schnell heraus: die Billionen Dollar, die hier im Umlauf sind, gibt es so gar nicht. Die gesamte Finanzwirtschaft hantiert mit einer falschen Formel.

„Margin Call“: Der Titel bezeichnet verkürzt gesagt jenen Anruf, der nötig ist, um Kapital nachzuschießen, wenn das nur virtuelle Geschäft zufällig durchgeprüft wird - in diesem Zusammenhang natürlich der größte anzunehmende Unfall!

In den Morgenstunden, mit Beginn des Börsenhandels, werden alle Bestände flugs abgestoßen. Mit den bekannten Folgen: Einige Bankhäuser gehen pleite, aber weitaus weitreichender waren die Stützaktionen „systemrelevanter“ Banken durch die Staatsökonomie - wie etwa in Deutschland bei der Hypo Real Estate.

Chandor hat seinen Film spektakulär besetzen können: Demi Moore glänzt als Vize-Chefin, Kevin Spacey ist in der Rolle des alten Börsenhandel-Haudegens zu sehen. Jeremy Irons gibt eine hübsche Vorstellung als Firmenvorstand - mit einer der interessantesten Bemerkungen der Kinogeschichte, die es bei der Darstellung komplexer ökonomischer Vorgänge bisher im populären Film gegeben haben dürfte: „Erklären Sie mir das Problem wie einem Kind“, bittet er Peter Sullivan - jenen jungen Analysten, der den spektakulären Spekulationsfehler entdeckt hat. „Nein: Erklären Sie es mir bitte wie einem Golden Retriever.“

Den Börsennachwuchs gibt überzeugender- wie bezeichnenderweise Zachary Quinto - im letzten „Star Trek“-Film war er Mr. Spock!

Auch wenn es an dieser Stelle so aussieht, als seien Bankvorstände etwas zu doof für ihr Kerngeschäft: „Margin Call“ ist ein durchaus packender Film über die Weltwirtschaft und ihre Schaltzentralen - mit schönen Einstellungen: Etwa wenn an einem ganz normalen Arbeitstag das Räumkommando durch die Abteilungen geht, um Leute zu feuern. Handy könnse gleich hierlassen, Mister, den Mail-Account haben wir schon heute Nacht gesperrt. Da gab es noch gar keine Finanzkrise, das war der ganz normale Wahnsinn.

Prima auch die Dialoge, wenn sich die jungen Händler über Geld unterhalten: Sie verdienen eine Menge, was damit aber zu machen ist, wissen sie selbst nicht so genau. Ein dickes Auto kaufen? Oder doch alles gleich zum Eskort-Service schleppen, wie es der Abteilungsleiter mit seinen zwei Millionen im Jahr macht?

Und zum Thema Frauen in Führungspositionen hat der Film auch was beizutragen: Die einzige Dame, die es in die Chefetage geschafft hat, wird dafür benutzt, Leute zu feuern.

Interessanterweise erklärte Darsteller Kevin Spacey auf der Berlinale-Pressekonferenz gleich noch den Zusammenhang zwischen Banken-Crash und Filmindustrie: Seitdem sei es viel schwieriger geworden, Gelder für teure Kino-Großproduktionen herbeizuschaffen. Betroffenes Schweigen. Armes Hollywood. Und Regisseur Chandor sah das Börsenfiasko gar als Tragödie, in der die besten Köpfe - also die Banker - verheizt würden.

Was soll man sagen, er ist der Sohn eines - na, klar: Investmentbankers! Vielleicht ist sein erster Film deswegen so schön „nah“ am Thema.

„Margin Call“. USA 2010. Regie: JC Chandor. Darsteller: Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore u.a.

Und nun das absolute Highlight der Berlinale, es lief in der Sektion Perspektive Deutsches Kino: „Die Ausbildung“ des Kölner Regisseurs Dirk Lütter.

Der Film handelt von dem 20-jährigen Jan, der sich im letzten Ausbildungsjahr befindet. Sein Betrieb steht in einer nicht näher bezeichneten westdeutschen Stadt, ihr Umland bietet die richtigen Landstraßen, um den getunten Golf auszufahren.

Jans Betrieb verkauft Klimatechnik - und der junge Mann sitzt an der firmeneigenen Beratungshotline. Wie die Bank in „Margin Call“ ist auch diese Firma in ständigem Umbau.

Der Azubi wird vom Chef in Stellung gebracht, um die angeschlagene Abteilungsleiterin madig zu machen. Man wirft ihr vor, sie schlampe, halte Vorgaben nicht ein und mache Fehler. Der smarte Personalleiter stellt Jan eine Übernahme nach der Ausbildung in Aussicht, auch hier mit entsprechenden Bildern, die vom Hollywood-Film nicht weit entfernt sind: Der Benz des Chefs soll Jan an Luxus gewöhnen, wenn man schon sonst wenig Lebensinhalt hat.

Das wird in dem Moment anders, wo Jenny den Laden betritt. Alsbald verbindet eine Romanze die junge Zeitarbeiterin und den Azubi, man fällt gemeinsam in den Baggersee und tanzt zu spärlichen Techno-Klängen in der Großraum-Disko - alle Achtung, Regisseur Lütter.

So trostlose Bilder von der Jugend hat zuletzt Stanley Kubrick in „Clockwork Orange“ gefunden: Selten sah man so fade Innenräume, aufgefüllt mit statisch tanzenden Einzelmenschen, die aussehen, als könnten sie nicht das Geringste miteinander anfangen. Trotz aller bunten Lichter gehören diese Disko-Szenen zu den kältesten Einstellungen von angeblich fröhlichen jungen Menschen, die hier wie geklont herumwackeln - oder besser: wie Außerirdische.

Von der Ästhetik besserer Laune und Jugend - etwa à la „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ - ist dies eine ähnliche Anzahl Lichtjahre entfernt wie die Realität von den Rechenmodellen der Börsenhändler in „Margin Call“.

Die Entsprechung dieser Wochenend-Entfremdung findet sich am nächsten Arbeitstag unter umgekehrten Vorzeichen im Betrieb wieder. Als Einfall der Natur in ihrer brutalen Variante: als Körperverletzung. Denn Jans Mutter, die verrückterweise im selben Betrieb arbeitet, und zwar als engagierte Betriebsrätin, blutet. Gerade hat man ihr die Kündigung überreicht. Im Betrieb für Klimatechnik kann man zwar den Bienenstich nicht klauen, aber sie soll mit diversen kurzfristig anberaumten Betriebsfeiern auffällig geworden sein, in deren Verlauf auch Sekt konsumiert worden sein soll.

Als Reaktion fliegt sie erstmal die Treppe runter. Ein Vorfall, der Jan ebenso zerrüttet, wie die Entdeckung, dass die fehlerbehaftete Abteilungsleiterin nur deswegen hin und wieder unpässlich ist, weil sich ihr Mann von ihr getrennt hat. Und sie jetzt irgendwie allein mit dem behinderten Sohn zurechtkommen muss.

Die Konflikte an seinem Arbeitsplatz gehen durch seine Persönlichkeitsbildung mitten hindurch. Eigentlich müsste er schizophren werden, angesichts der Wünsche und Bedürfnisse, die er verspürt: Er möchte doch nur mit allen zurechtkommen.

Jan, das ist ein ganz normaler Junge, der nicht mal allzuviel will: Er gehe den Weg der Anpassung, des Konsums, nicht des Widerstands, teilt Regisseur Lütter mit. „Die Ausbildung“ sei als Coming-of-Age-Film der besonderen Art gedacht, der die Ökonomisierung zwischenmenschlicher Beziehungen in den Mittelpunkt stelle und mit Jan einen Protagonisten habe, der aktuelle gesellschaftliche Trends verkörpert.

Lütter hat sehr gut recherchiert - und all die Untoten des prekarisierten Arbeitsmarktes - Leih- und Zeitarbeit, befristete und Kettenverträge, fehlende Perspektive - sind hier gecastet worden. Im Gespräch mit GEGENBLENDE sagt Lütter, dass er großes Interesse habe, „Die Ausbildung“ in gewerkschaftlichem Umfeld zu zeigen: Der Arbeitsmarkt habe sich in den vergangenen rund 25 Jahren immer mehr verengt, die Menschen seien ängstlicher geworden, stünden mehr unter Druck. Er kenne das von sich selbst: Die Angst, keine Arbeit zu haben und daraus resultierend, nicht anerkannt zu werden.

Lütter beschreibt die Lebenswirklichkeit vieler junger Leute. Gerade ein Jahr wird er nach der Ausbildung übernommen, am anderen Standort. Große Perspektiven bietet der Job nicht - und am Ende wird er gar selbst noch Chef!

Mit Joseph Bundschuh, der die Rolle des Jan spielt, wurde ein hervorragender Darsteller gefunden; ebenso wie seine Partnerin Anke Wetzlaff kongenial ihren Part als Zeitarbeiterin Jenny umsetzt.

Dem Regisseur ist mit seinem ersten Kinofilm ein Generationen-Porträt gelungen, abseits von Studium und Hochschule: Die Personen in seinem Film hätten Stellvertreter-Funktionen, da er keine einzelnen Schicksale zeigen wolle, sondern Strukturen in unserer Gesellschaft, wie er sie wahrnehme, sagt Lütter.

„Die Ausbildung“. D 2011. Regie: Dirk Lütter, Darsteller: Joseph Bundschuh, Anke Retzlaff u.a.

Alle drei Filme haben noch keinen Starttermin, es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass sie bald in die Kinos kommen.


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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