Deutscher Gewerkschaftsbund

25.10.2019

Warum rebellieren Menschen in reichen Städten?

Die vielen Proteste in den wohlhabenderen Ländern zeugen von einer Politik, die die Bedürfnisse die Bürger*innen verkennt. Wirtschaftswachstum und Brutto-Inlandsprodukt als Kriterien für Wohlstand reichen bei weitem nicht aus. Jede Gesellschaft ist daher gut beraten, das Wohlbefinden gründlicher zu messen und die Ursprünge von sozialer Unzufriedenheit und Misstrauen in die Politik ernst zu nehmen.

 

Von Jeffrey Sachs

Ein Protestierender ist von drei Polizisten mit Helmen eingekeilt und wird mitgenommen.

Die Proteste in Santiago de Chile sind ebenso wie in Hongkong zwischenzeitlich eskaliert. Die Polizei ging mit übertriebener Härte gegen die Protestierenden vor. DGB/Santiago Sito/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

In drei der wohlhabendsten Städte der Welt ist es in diesem Jahr zu Protesten und Unruhen gekommen. Paris sah sich seit November 2018 – kurz nachdem der französische Staatspräsident Emmanuel Macron die Kraftstoffsteuer angehoben hatte – Protestwellen und Ausschreitungen ausgesetzt. Hongkong ist seit März im Aufruhr, nachdem Regierungschefin Carrie Lam einen Gesetzentwurf vorlegte, um Auslieferungen auf das chinesische Festland zu gestatten. Und in Santiago de Chile kam es in diesem Monat zu explosionsartigen Ausschreitungen, nachdem Präsident Sebastian Piñera die U-Bahn-Preise erhöhen ließ. Jeder Protest weist eindeutige lokale Aspekte auf, doch zusammen erzählen sie eine umfassendere Geschichte darüber, was passieren kann, wenn sich das Gefühl, unfair behandelt zu werden, mit einer allgemeinen Wahrnehmung geringer sozialer Mobilität verbindet.

Die Einwohner der teueren Städte vermissen oft Perspektiven für sich

Legt man die traditionelle Messgröße des BIP pro Kopf an, sind die drei Städte Musterbeispiele wirtschaftlichen Erfolgs. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in Hongkong bei rund 40.000 Dollar, in Paris bei über 60.000 Dollar und in Santiago, einer der reichsten Städte Lateinamerikas, bei etwa 18.000 Dollar. Im vom Weltwirtschaftsforum herausgegebenen Global Competitiveness Report 2019 rangieren Hongkong auf dem dritten, Frankreich auf dem 15. und Chile (als mit weitem Abstand bestes Land in Lateinamerika) auf dem 33. Platz.

Doch obwohl diese Länder nach herkömmlichem Standard relativ reich und wettbewerbsstark erscheinen, sind ihre Einwohner mit zentralen Aspekten ihres Lebens unzufrieden. Laut dem World Happiness Report 2019 fühlen sich die Bürger Hongkongs, Frankreichs und Chiles in wichtiger Hinsicht in der Sackgasse.

Jedes Jahr werden Menschen in aller Welt in der Gallup-Meinungsumfrage gefragt: „Sind Sie zufrieden oder unzufrieden mit der Entscheidungsfreiheit, die Sie über Ihr Leben haben?“ Während Hongkong beim BIP pro Kopf weltweit auf dem neunten Rang liegt, rangiert es, was die Wahrnehmung der Bevölkerung ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit über den eigenen Lebensweg angeht nur auf Platz 66. Dieselbe Diskrepanz wird in Frankreich (25. beim BIP pro Kopf, aber 69. bei der Entscheidungsfreiheit) und Chile (48. bzw. 98. Platz) deutlich.

Ein asiatisch aussehender Mann in blauem Anzug telefoniert mit einem Handy vor einer glitzernden Kulisse von Hochhäusern.

So präsentiert sich Hongkong gern, als boomende Großstadt mit anscheinend erfolgreichen Geschäftsleuten. Die Selbstwahrnehmung vieler Bürger*innen entspricht dem nicht. DGB/rawpixel/123rf.com

Ironischerweise stufen sowohl die Heritage Foundation als auch die Simon Fraser University Hongkong als weltweit als führend ein, wenn es um wirtschaftliche Freiheiten geht. Doch was ihre Freiheit angeht, über ihr Leben zu entscheiden, verzweifeln Hongkongs Bewohner. In allen drei Ländern verzweifeln junge Städter, die nicht aus reichen Familien stammen, weil sie etwa kaum Chancen haben, eine bezahlbare Wohnung und eine anständige Arbeit zu finden. Hongkongs Immobilienpreise gehören im Vergleich zu den Durchschnittsgehältern zu den höchsten der Welt. Chile weist in der OECD, dem Club der einkommensstarken Länder, die höchste Einkommensungleichheit auf. In Frankreich genießen die Kinder aus elitären Familien lebenslang enorme Vorteile.

Aufgrund der sehr hohen Wohnungspreise werden die meisten Menschen aus den zentralen Geschäftsbezirken verdrängt und sind in der Regel auf das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um zur Arbeit zu gelangen. Ein großer Teil der Bevölkerung reagiert besonders sensibel auf steigende Transportpreise, wie die explosionsartigen Proteste in Paris und Santiago zeigen.

Die Krise der sozialen Mobilität reicht weit über Länder wie Chile oder Frankreich hinaus

Hongkong, Frankreich und Chile sind durchaus nicht die Einzigen, die sich einer Krise bei der sozialen Mobilität und Beschwerden über die Ungleichheit ausgesetzt sehen. Die USA erleben derweil – in einer Zeit beispielloser Ungleichheit und des Zusammenbruchs des öffentlichen Vertrauens in die Regierung – steil steigende Selbstmordraten und andere Anzeichen sozialen Elends, wie etwa Amokläufe mit Schusswaffen. Und sie werden mit Sicherheit weitere gesellschaftliche Explosionen erleben, wenn es dort politisch und wirtschaftlich weitergeht wie bisher.

Um eine derartige Entwicklung abzuwenden, müssen wir Lehren aus den drei Fällen der jüngsten Zeit ziehen. Alle drei Regierungen wurden von den Protesten völlig überrascht. Sie hatten das Gespür für die Stimmung in der Bevölkerung verloren und sahen daher nicht voraus, dass ihre scheinbar bescheidenen politischen Maßnahmen (Hongkongs Auslieferungsgesetz, Frankreichs Erhöhung der Kraftstoffsteuer und höhere U-Bahn-Preise in Chile) eine massive gesellschaftliche Explosion auslösen würden.

Ranking des Welt-Glücksreports in einer graphischen Darstellung.

Das Ranking "glücklichsten" Länder. Die Farben markieren die unterschiedlichen Kriterien der Befragung (von links nach rechts): BIP, soziale Unterstützung, Lebenserwartung, Entscheidungsfreiheit über das eigene Leben, Toleranz, Korruption, Zukunftserwartung. DGB/World Happiness Report

Vielleicht am wichtigsten (und wenigsten überraschend) ist, dass die herkömmlichen wirtschaftlichen Messgrößen für das Wohlbefinden völlig unzureichend sind, um die wahre Stimmung innerhalb der Bevölkerung zu erfassen. Das BIP pro Kopf misst lediglich das Durchschnittseinkommen einer Volkswirtschaft. Es sagt nichts aus über die Einkommensverteilung – und auch nicht darüber wie Bürger*innen Fairness oder Ungerechtigkeit, das Gefühl finanzieller Anfälligkeit oder sonstige Umstände der Lebensqualität wahrnehmen. Rankings wie der Global Competitive Index des Weltwirtschaftsforums, der Index of Economic Freedom der Heritage Foundation und die Rangliste des Berichts Economic Freedom of the World der Simon Fraser University fangen viel zu wenig ein vom subjektiven Empfinden über gesellschaftliche Fairness, Entscheidungsfreiheiten über den eigenen Lebensweg, die Ehrlichkeit der Regierung und die Vertrauenswürdigkeit der Mitbürger*innen.

Um etwas über derartige Stimmungen zu erfahren, muss man die Bevölkerung direkt befragen. Nur so kann man mehr erfahren über ihre Zufriedenheit mit ihrem Leben, ihr Gefühl persönlicher Freiheit, ihr Vertrauen in die Regierung und in ihre Mitbürger und zu anderen Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens, die sich stark auf die Lebensqualität und damit die Aussichten gesellschaftlicher Unruhen auswirken. Das ist der Ansatz von Gallups jährlichen Befragungen zum Wohlbefinden, über die meine Kollegen und ich jedes Jahr im World Happiness Report berichten.

Wirtschaftswachstum ohne Fairness ist ein Rezept für Unfrieden und Protest

Die Idee der nachhaltigen Entwicklung, die sich in den 2015 von den Regierungen der Welt verabschiedeten 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) widerspiegelt, besteht darin, über herkömmliche Indikatoren wie das BIP-Wachstum und das Pro-Kopf-Einkommen hinauszugehen und zu einer deutlich umfassenderen Reihe von Zielen zu gelangen. Zu ihnen unter anderem gesellschaftliche Fairness, Vertrauen und ökologische Nachhaltigkeit gehören. So lenken die SDGs besondere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Einkommensungleichheit (SDG 10), sondern auch auf breiter angelegte Messgrößen für das Wohlbefinden (SDG 3).

Jede Gesellschaft ist gut beraten, das Wohlbefinden ihrer Bürger*innen zu messen und die Ursprünge von sozialer Unzufriedenheit und Misstrauen ernst zu nehmen. Wirtschaftswachstum ohne Fairness und ohne ökologische Nachhaltigkeit ist ein Rezept für Unfrieden, nicht für Wohlbefinden. Wir brauchen eine deutlich umfassendere öffentliche Dienstleistungen, eine stärkere Einkommensumverteilung von den Reichen zu den Armen und mehr öffentliche Investitionen in ökologische Nachhaltigkeit. Selbst scheinbar vernünftige politische Maßnahmen wie der Abbau von Subventionen auf Kraftstoffe oder die Erhöhung der U-Bahn-Preise, um diese kostendeckend zu machen, führen zu massiven Unruhen. Jedenfalls dann, wenn sie unter den Bedingungen geringen gesellschaftlichen Vertrauens, hoher Ungleichheit und eines weithin geteilten Gefühls mangelnder Fairness erfolgen.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2019

 


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Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
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