Deutscher Gewerkschaftsbund

13.11.2019

Die Macht des Stammesdenkens

Im Sport wie in der Gesellschaft werden die Leistungen von Menschen mit migrantischem Hintergrund immer dann gern anerkannt, wenn sie zu Erfolgen für das Kollektiv, für die Nation führen. Doch als "Einheimische" werden sie längst noch nicht betrachtet. Das hat Mesut Özil erlebt, aber auch die Helden des Rugby-Sports in Japan und Südafrika.

 

Von Ian Buruma

Mesut Özil mit dem Ball am Fuß im Trikot von Arsenal London stürmt auf grünem Rasen voran.

Erst im letzten Jahr führte Mesut Özils Rücktritt aus der Nationanalmannschaft wieder zu einer heftigen Debatte über die Integration und Anerkennung von Sportlern mit Migrationshintergrund. DGB/Brian Sikorski/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Siya Kolisi hob vor wenigen Tagen in Yokohama, Japan, für sein Land den Webb Ellis Cup in die Höhe. Er ist der erste schwarze Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft (den Springboks). Die Sportart wurde früher nur mit weißen Südafrikanern in Verbindung gebracht. Kolisi selbst wurde in einem armen Township in der Provinz Ostkap geboren. Jean de Villiers, ein ehemaliger Springboks-Kapitän, bezeichnete den Sieg der Springboks als Erfolg „für das ganze Land“. Doch er war etwas, über das sogar Nicht-Südafrikaner jubeln konnten.

Viele Nationalspieler kommen ursprünglich aus dem Ausland und sichern Erfolge

Ein in gewisser Hinsicht sogar noch bemerkenswerteres Phänomen jedoch ist Michael Leitch, der Kapitän der japanischen Mannschaft (den Brave Blossoms). Wochenlang war Leitch, Kind eines neuseeländischen Vaters und einer fidschianischen Mutter, Aushängeschild eines Teams, das eine der am stärksten abgeschotteten und ethnisch homogensten Gesellschaften der Welt repräsentiert. Natürlich ist auch die japanische Bevölkerung alles andere als "reinrassig" oder monolithisch. Doch für die meisten Japaner sind Ethnizität und Nationalität untrennbar verknüpft. Japaner ist man über das Blut. Leitch, der erstmals als 15-jähriger Schüler nach Japan kam, scheint das Gegenteil zu beweisen. In Japan ist er nun offiziell als Leitch Michael bekannt: seine Namen werden also in japanischer Reihenfolge geschrieben.

Leitch ist nicht der einzige japanische Spieler, der aus dem Ausland stammt. Andere Mitglieder des Teams kommen aus Südafrika, Tonga, Neuseeland und Südkorea. Natürlich wohnt der Durchlässigkeit von Nationalmannschaften ein Element des Opportunismus inne, und die Regeln beim Rugby sind besonders großzügig. Länder haben es gern, wenn ihre Mannschaft gewinnt. Sie holen sich daher herausragende Spieler, wo immer sie sie kriegen können. Dieses Konzept reicht weit vor die Zeit internationaler Sportwettkämpfe zurück. Schließlich waren die meisten der Soldaten, die für den Herzog von Wellington kämpften und Napoleon besiegten, außerhalb der Britischen Inseln geboren. Viele sprachen nicht einmal Englisch.

Der Rugby-Spieler Michael Leitch stürmt mit einem Ball in der Hand voran, verfolgt von einem Mitspieler und einem Gegner.

Obwohl er der gefeierte Kapitän von Japans erfolgreicher Rugby Mannschaft ist, wird er im Land keineswegs von allen als Einheimischer anerkannt. Er ist nämlich Kind eines neuseeländischen Vaters und einer fidschianischen Mutter. DGB/Rugby Union

Trotzdem ist es interessant, wie rasch sich "Stammesgefühle" an neue Umstände anpassen können. Es ist noch nicht lange her, dass britische Fußballvereine – genau wie die Clubs in vielen kontinentaleuropäischen Städten – auf geografischer, ethnischer und sogar religiöser Grundlage mit unerschütterlicher Loyalität rechnen konnten. Fast alle Spieler stammten aus der unmittelbaren Umgebung. Einige Londoner Teams wurden mit irischen Fans in Verbindung gebracht, andere mit Juden. In Glasgow waren Rangers und Celtic erbittere Rivalen, weil ein Team angeblich protestantisch war und das andere katholisch. Doch hatte Ende des letzten Jahrhunderts eine britische Spitzenmannschaft Glück, wenn sie noch mehr als zwei britische Spieler oder gar einen britischen Trainer hatte. Der Treue der Fans tat das keinen Abbruch, und die Anhänger der unterschiedlichen Clubs prügelten nach wie vor mit Begeisterung aufeinander ein. Die ausländischen Spieler mögen Söldner sein, aber sie sind "unsere Söldner".

In Zeiten zunehmenden Stammesdenkens sah sich auch Özil rassistisch diskriminiert

Ein genauerer Blick auf diese Stammestreue jedoch ergibt rasch ein komplizierteres Bild, und das nicht nur im Sport. Ein ungarischer Jude erzählte mir einst, dass Juden von Antisemiten nicht als echte Ungarn betrachtet würden, bis ein jüdischer Schriftsteller den Nobelpreis gewinnt; danach "ist er einer von uns". Der deutsche Fußballstar Mesut Özil kritisierte im vergangenen Jahr, das er in den Augen von Leuten wie dem damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, "ein Deutscher ist, wenn die Nationalelf gewinnt, aber ein Migrant, wenn sie verliert". Dann sei er immer der Erste, der die Schuld dafür bekäme.

Die Japaner feiern die Erfolge der Tennisspielerin Naomi Osaka nur zu gern als nationale Triumphe – sie hat eine japanische Mutter und einen haitischen Vater und ist in den USA zur Schule gegangen. Aber das heißt nicht, dass viele Leute sie als echte Japanerin betrachten. Einer ihrer Sponsoren, der Nudelhersteller Nissin Foods, musste sich für eine Werbekampagne entschuldigen, in der er die dunkelhäutige Tennisspielerin als Comicfigur hellhäutig darstellte. Leitch hat seit 2013 einen japanischen Pass und spricht fließend Japanisch. Es ist allerdings fraglich, ob die meisten Japaner ihn abseits des Rugby-Felds wirklich als "einen von uns" betrachten.

Der Rugby-Spieler Siya Kolisi steht mit Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa und seinem Trainer Rassie Erasmus auf einem Balkon vor vielen Menschen und hält den WM-Pokal in die Höhe.

Der erste schwarze Kapitän von den südafrikanischen "Springboks" hält vor einer Woche den WM-Pokal mit Präsident Cyril Ramaphosa und Trainer Rassie Erasmus in die Höhe. DGB/GovernmentZA/Flickr/CC BY-ND 2.0

Doch ist selbst im engherzigen Japan eine Veränderung im Gange. In den 1950er-Jahren entwickelte sich ein japanischer Profi-Ringer namens Rikidozan zum Nationalidol, weil er regelmäßig viel größere und gewöhnlich sehr blonde kaukasische Gegner besiegte. Es war in diesen Kämpfen mehr als nur ein bisschen Effekthascherei dabei; sie begannen gewöhnlich damit, dass der blasse Riese den kleineren Asiaten traktierte, und endeten mit einem kathartischen Sieg, wenn der tapfere Japaner den Ausländer zu Boden rang. Durch die Niederlage im Krieg und die US-Besatzung gedemütigte japanische Männer im Besonderen genossen das Gefühl einer indirekten Rache, wenn sie Rikidozan im Fernsehen zusahen.

Die Integration im Sport macht immerhin noch kleine Fortschritte

Die Tatsache, dass der japanische Held in Wahrheit Kim Sin-rak hieß und in Nordkorea geboren war, blieb ein gut gehütetes Geheimnis. Ein paar Leute erinnern sich noch daran, wie er in seiner Wohnung einen kleinen Schrein mit einem Foto seiner Mutter, umgeben von verschiedenen koreanischen Artefakten, errichtete. Doch nur seine engsten Freunde wussten davon. In der Öffentlichkeit war er uneingeschränkt Japaner. Leider begab sich Rikidozan, der sich in fragwürdigen Kreisen bewegte, nach dem Messerstich eines Gangsters in einem Tokioter Nachtclub 1963 auf Sauftour statt ins Krankenhaus und starb wenige Tage später.

Leitchs Familienhintergrund ist offensichtlich kein Geheimnis. Schon wegen seines Aussehens hätte sich seine ausländische Herkunft nicht verbergen lassen. Aber genau das ist der Punkt. Rikidozan musste die (männliche) japanische Ehre retten, indem er vorgab, etwas zu sein, was er nicht war. An Leitchs Stammbaum ist nichts Japanisches. Viele Japaner betrachten ihn womöglich noch immer als Ausländer. Und doch wurde er zum Kapitän der Rugby-Nationalmannschaft gemacht so wie Siya Kolisi zum ersten schwarzen Kapitän der südafrikanischen Mannschaft. Man kann das als Opportunismus bezeichnen. Aber es ist zugleich ein Zeichen des Fortschritts.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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