Deutscher Gewerkschaftsbund

13.06.2011

Deutscher Qualifikationsrahmen – Chancen und Risiken

Die Europäische Union hat 2000 das Ziel vorgegeben, Europa zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ zu machen“, die sogenannte Lissabon-Strategie. Sie beinhaltet auch eine explizite strategische Ausrichtung der Berufsbildungspolitik auf wirtschafts- und wettbewerbspolitische Ziele.

Resultat dieser Ausrichtung wäre, dass sich die Berufsbildung auf eine Teilstrategie der Sozial- und Wirtschaftspolitik reduzieren würde. Das wäre ein Paradigmenwechsel für die Berufsbildung, zu deren Leitzielen Humanisierung, Demokratisierung und Partizipation gehören.

Von den Lissabonzielen wurde insgesamt wenig erreicht, jedoch sieht die vorläufige Bilanz für den Bereich der Berufsbildung anders aus. Es gab und gibt eine lebhafte Debatte zu den Instrumenten, mit denen die Europäisierung der beruflichen Bildung vorangetrieben werden sollte. Von einer sozialen Bewegung in Europa kann noch lange nicht gesprochen werden. Aber immerhin: Alle Mitgliedsstaaten diskutieren, wie nationale Qualifikationsrahmen entwickelt werden können. Sie diskutieren die Umsetzung der Empfehlung des Europäischen Rahmens für Qualitätssicherung in der Beruflichen Bildung (EQARF), das europäische Leistungspunktesystem (ECVET) und nicht zuletzt gibt es eine Debatte über die Anerkennung von non formal und informell erworbenen Kompetenzen.

Etappen des Europäischen Qualifikationsrahmens

Die Mitgliedsstaaten sollen ihre eigenen nationalen Qualifikationsrahmen oder anderweitige Einordnungssysteme mit dem achtstufigen Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) verknüpfen. Ab 2012 sollen dann alle individuellen Qualifikationsbescheinigungen einen Verweis auf das zutreffende Niveau des EQR enthalten. Das haben die EU-Mitglieder verbindlich zugesagt. Dabei ist es schwierig, die unterschiedlichen Ausbildungssysteme der EU zu vergleichen. Die duale Berufsausbildung der Bundesrepublik Deutschland gibt es vergleichbar nur in Dänemark, Österreich und der Schweiz (nicht Mitglied der EU). Frankreich hat ein schulisch dominiertes Ausbildungssystem,  Großbritannien ein modularisiertes, in anderen Ländern gibt es Mischsysteme. Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) soll helfen, Transparenz und Mobilität zu fördern.

Lange  Zeit schien es so, als ob die Europäisierung der Berufsbildung im Sande verlaufen würde. Die Dynamik, die die Diskussion begleitet, ist mit dem Reformstau in der Berufsbildung zu erklären, der sich über Jahrzehnte aufgetürmt hat. Dies sind vor allem die Themen Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung.

Der deutsche Qualifikationsrahmen

Seit November 2010 liegt ein Vorschlag für einen Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) vor. Dieser DQR ist darauf ausgerichtet, strukturelle Transparenz, Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit von Bildungsprozessen, sowie individuelle Qualitäts- und Kompetenzentwicklung zu ermöglichen. Es ist zu erwarten, dass der DQR die Durchlässigkeit in und zwischen den Bildungsbereichen, insbesondere die Zugänge zum tertiären Bereich verbessert. Insgesamt geht es um mehr Chancengleichheit und die Herstellung der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung im Bildungssystem. Die weitgehende Abschottung beruflicher von akademischen Bildungsgängen, der nur in Ausnahmefällen mögliche Übergang von der Berufs- zur Hochschulbildung und die kaum bestehenden Möglichkeiten der Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen auf Studiengänge bedürfen längst einer Veränderung.

Der Qualifikationsrahmen ist bildungsbereichsübergreifend angelegt, d.h. alle Bildungsbereiche werden einem Rahmen und alle Qualifikationsprofile sollen acht Niveaus zugeordnet werden. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob berufliche Aufstiegsfortbildung wie Meister oder ein strategischer IT Professional auf gleichem Niveau wie Bachelor und Master zugeordnet werden. Bisher konnten sich alle Beteiligten darauf verständigen. Es sind die Voraussetzungen geschaffen worden, beruflich Qualifizierte auch den höchsten Niveaus zuzuordnen, ohne dass sie die Hochschule auch nur einen Tag von Innen gesehen haben. Das war aus gewerkschaftlicher Sicht eine unerlässliche Bedingung. Andere Mitgliedsstaaten sind in dieser Hinsicht nicht so weit. Dort dominieren Bachelor, Master und Doktoren die oberen Niveaus, ohne beruflich Qualifizierten Platz zu lassen. 

Hochschulreife vs. Gesellenbrief

Noch nicht abgeschlossen ist die Diskussion um das Verhältnis zwischen allgemein schulischen und beruflichen Bildungsgängen. Die KMK beharrt  auf einer Zuordnung des ‚deutschen Abiturs’ auf Niveau 5, während die Berufe nach Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung differenziert den Niveaus 3 bis 5 zugeordnet werden sollen. Dies ist nicht akzeptabel. Bei konsequenter Beachtung der für die Zuordnung relevanten Kompetenzbeschreibungen des DQR dürfen Fachgebundene und Allgemeine Hochschulreife nicht über drei und dreieinhalbjähriger Berufsausbildung eingeordnet werden. Das wäre fatal und würde die Attraktivität der Berufsausbildung erheblich beeinflussen.

Während die Spitzenverbände der Arbeitgeber die Kompetenzausrichtung von Qualifikationen eher am Bedarf der Wirtschaft und am Nutzen der Unternehmen ausrichten wollen, haben sich Gewerkschaften für einen Kompetenzbegriff stark gemacht, der berufliche, personale und gesellschaftliche Dimensionen beinhaltet. Er zielt auf berufliche Handlungsfähigkeit und persönliche Entwicklung unter Einschluss von Planungs-– und Entscheidungsfähigkeit. Bezugspunkte sind: ganzheitliche Arbeitsaufgaben, die Anforderungen des Arbeitsmarktes unter dem Aspekt langfristiger Verwertbarkeit der Qualifikationen, die individuelle Kompetenzentwicklung, die Mitwirkung an betrieblichen und sozialen Prozessen und reflexive Handlungsfähigkeit. Reflexivität meint die bewusste, kritische und verantwortliche Einschätzung und Bewertung von Handlungen auf der Basis von Erfahrungen und Wissen. Sie soll individuell und sozial verantwortliche Handlungen und Entwicklungen in der Lebens- und Arbeitswelt ermöglichen. Dieses Kompetenzverständnis ist Bestandteil der aktuell vorliegenden Matrix des Deutschen Qualifikationsrahmens.

Können und Wissen

Zu europäischer Bildungspolitik gehört die sogenannte Outcome - Orientierung. Es soll nicht mehr darauf ankommen, wo jemand gelernt hat, sondern nur noch, was jemand kann. Das bietet Chancen für neue Karrierewege, es birgt allerdings auch die Gefahr in sich, dass gesellschaftlich normierte und standardisierte Lernwege durch beliebige marktorientierte Lernvorgaben ersetzt werden. Die Fragmentierung abschlussbezogener, formalisierter Bildungsgänge muss verhindert und die Beruflichkeit gewahrt werden. Die Beruflichkeit ist zu beachten. Eine umfassende Qualifizierung muss ebenso erhalten bleiben, wie der institutionell und gesetzlich gewährleistete Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit.

Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Lissabon-Strategie wird auch die Anerkennung informellen Lernens gefordert. Die Empfehlung zur Entwicklung eines europäischen Qualifikationsrahmens beinhaltet, bei der Beschreibung und Definition von Qualifikationen einen Ansatz zu verwenden, der auf Lernergebnissen beruht und die Validierung nicht formalen und informellen Lernens fördert. In verschiedenen Ländern wird an Zertifizierungsmodi für „informal and prior learning“ gearbeitet, um entsprechende Kompetenzen sichtbar zu machen. Es gibt schon in einigen europäischen Ländern Anerkennungsprozeduren, die auch bisher eher versteckte, beruflich relevante Kompetenzen transparent machen können.

Anerkennung informellen Lernens

Die Validierung nicht formalen und informellen Lernens hat in der Bundesrepublik Deutschland noch wenig Gewicht. Berufliche Qualifikationen werden fast ausschließlich über formelle Bildungsgänge erfasst. Qualifikationsnachweise beruhen weitgehend auf formalisierten Prüfungen. Lernen, das sich außerhalb der formalisierten Bildung in offenen Kontexten vollzieht, wird nur in geringem Maße dokumentiert.

Die Frage, welche Verfahren und Institutionen erforderlich sind, um Lernergebnisse bzw. Kompetenzen im formalen, non-formalen und informellen Bereich im europäischen Rahmen zu erfassen, zu übertragen und anzurechnen, ist in Deutschland noch nicht ausreichend diskutiert worden. Den Mitgliedsstaaten wird aber empfohlen, dafür ‚competent bodies’- (zuständige Stellen – nicht zu verwechseln mit Industrie- und Handelskammern bzw. Handwerkskammern) einzurichten.

Notwendig ist ein formeller Rahmen, in dem die Anerkennung von non formalen und informellen Lernen vollzogen wird. Als Modell hierfür bietet sich die deutsche Anerkennungsverordnung zur Zertifizierung von Maßnahmen und Trägern (AZWV) an. Eine bundesweite Rechtsverordnung legt Kriterien und Qualitätsstandards für die Anerkennung von non formalen und informellen Lernen fest. Vorhandene und neu einzurichtende Institutionen müssen gestärkt werden, um Anerkennungsverfahren durchführen zu können.

Ausblick

Länder wie Irland und Schottland haben sich viel Zeit für einen nationalen Qualifikationsrahmen gegeben. Der Qualifikationsrahmen stand am Ende vielfältiger Reformprozesse, die in nationale Institutionen zusammengeführt wurden. Die Akteure in Deutschland haben lange Zeit die Augen vor der europäischen Bildungsdebatte verschlossen. Auch wenn sie uns jetzt erreicht hat: Wir sollten uns nicht einer Sachzwanglogik nach dem Motto unterwerfen: Schnell einen DQR entwickeln, um nicht abgehängt zu werden. Es wäre nur konsequent, für den zu erarbeitenden DQR eine entsprechende Erprobungsphase vorzusehen.


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Kurzprofil

Hermann Nehls
ist Gewerkschaftssekretär im Bereich Migrations- und Antirassismuspolitik. Davor war vier Jahre lang Sozialreferent an der Deutschen Botschaft in Washington (USA).
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