Deutscher Gewerkschaftsbund

30.03.2021

Mut zum eigenen Urteilsvermögen

Wer hat das Recht, über Corona-Impfungen zu entscheiden? Hausärzte oder eine Ethikkommission? Diese Frage bewegt nicht nur die Menschen in Deutschland, sondern überall. Ein Beispiel veranschaulicht die moralischen Dilemmata und was wir daraus lernen können.

 

Von Peter Singer

Hasan Gokal steht mit weißem Kittel in seiner Praxis mit medizinischen Geräten im Hintergrund.

Der medizinische Direktor eines Covid-19-Impfzentrums Hasan Gokal musste sich vor Gericht verantworten, weil er Impfstoffe lieber an Berechtigte kurzfristig verimpft hat, statt ihn wegzuwerfen. DGB/dah

Am 29. Dezember letzten Jahres impfte Hasan Gokal mit seinen Mitarbeitern vor allem Notfallhelfer. Gokal war der medizinische Direktor des Covid-19-Teams in Harris County (Texas), zu dem auch Houston gehört. An jenem Dezembertag hatte er ein Problem: Der Impfstoff wird in Ampullen geliefert, die elf Portionen enthalten und in nur sechs Stunden verbraucht werden müssen ; unbenutzter Impfstoff muss danach weggeworfen werden. Kurz vor Feierabend kam noch ein Patient, so dass eine Krankenschwester eine neue Ampulle öffnen musste und Gokal zehn Portionen übrig hatte. Er bot sie seinen Mitarbeitern und zwei Polizisten an, die noch vor Ort waren, aber sie waren entweder schon geimpft oder lehnten ab. Er rief einen Kollegen an, dessen Eltern und Schwiegereltern impfberechtigt waren, aber sie waren nicht zu erreichen.

Gokal versuchte händeringend, Berechtigte für die Impfungen zu finden

Gokal begann daraufhin, Leute aus den Kontakten seines Telefons anzurufen und zu fragen, ob sie Impfberechtigte kennen, die noch an diesem Abend zu ihm nach Hause kommen könnten. Als er zu Hause ankam, warteten dort bereits zwei Patienten, die er impfte. Dann fuhr er zu Adressen, von denen er wusste, dass es dort Impfberechtigte gab, und impfte fünf weitere.

In der Zwischenzeit telefonierte er weiter herum. Drei weitere Impfberechtigte sagten, dass sie zu ihm nach Hause kommen würden. Damit wäre der Vorrat erschöpft gewesen, aber einer schaffte es dann doch nicht. Allmählich wurde die Zeit knapp. Als einzige, die berechtigt war, eine Impfung zu erhalten, blieb nun Gokals Frau. Sie hat Lungensarkoidose, ein schweres Lungenleiden. "Ich hatte nicht vor, ihr die Impfung zu geben", sagte er, "aber eine halbe Stunde später hätte ich den Impfstoff in die Toilette kippen müssen." Fünfzehn Minuten vor Ablauf der Frist impfte er sie.

Mehrere Impfdosen von Moderna stehen aufgereiht nebeneinander.

Der Impfstoff von Moderna wird in Ampullen geliefert, die 11 Impfdosen enthalten und in sechs Stunden verwendet werden müssen. DGB/photogranery/123rf.com

Am nächsten Morgen berichtete Gokal seinem Vorgesetzten, was passiert war, und meldete die Namen derer, die die zehn Impfungen erhalten hatten. Ein paar Tage später wurde er von seinem Vorgesetzten vorgeladen und darauf hingewiesen, dass er die restlichen Dosen hätte zurückgeben müssen, auch wenn sie dann weggeworfen worden wären. Weil er dies nicht getan hatte, wurde er entlassen.

Hatte Gokal nicht das Recht zu entscheiden, wer geimpft wird?

Zwei Wochen später klagte ihn die Bezirksstaatsanwältin von Harris County wegen Diebstahls und des Verstoßes gegen die Vorschriften des Bezirks an. Gokals Anwalt verlangte eine Kopie der Vorschriften, die sein Mandant missachtet haben soll. Ihm wurde gesagt, dass es keine gäbe. Ein Richter wies die Anklage ab, da die Staatsanwaltschaft nicht nachweisen konnte, dass Gokal als medizinischer Direktor für das Covid-19-Team des Bezirks nicht das Recht hatte zu entscheiden, wer geimpft werden sollte. Die Staatsanwältin kündigte tatsächlich Berufung gegen das Urteil an.

Einige Institutionen halten ihre moralischen Regeln für unantastbar. Die römisch-katholische Kirche zum Beispiel ist der Meinung, dass es immer falsch ist, ein unschuldiges Leben zu beenden. Was bedeutet das? Ein Beispiel: Manchmal kommt es vor, dass während der Geburt der Schädel des Babys in der Vagina stecken bleibt und alle Versuche scheitern, ihn zu entfernen. Wenn in dieser Situation nichts unternommen wird, werden sowohl die Mutter als auch das Baby sterben. Bis zur Entwicklung der modernen Geburtshilfe bestand die einzige Möglichkeit, diese doppelte Tragödie zu verhindern, darin, dass ein Arzt den Schädel des Babys zertrümmert. Das Baby müsste sterben, aber die Frau würde leben. In katholischen Ländern war dieses Verfahren verboten, weil es die direkte Tötung des Babys bedeutete. Infolgedessen starben auch die Frauen, die hätten gerettet werden können.

Der Utilitarismus vertritt die entgegengesetzte Ansicht. Sein Begründer, Jeremy Bentham, würde von jedem Gesetz, jeder Sitte oder moralischen Regel fragen: "Was ist der Nutzen davon?" Damit meinte er: Was trägt dazu bei, das Glück zu vergrößern oder das Leiden zu verringern? Bentham und seine Anhänger im 18. Jahrhundert wandten diesen Test auf eine Vielzahl von Gesetzen und Institutionen an: die Privilegien der Aristokratie, den Sklavenhandel oder Beschränkungen des Wahlrechts.

Grafik mit ansteigenden Linien zum Stand der Impfungen in verschiedenen Ländern.

Der Stand der Impfungen ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Vorneweg sind Chile, Großbritannien und die USA. Europa hinkt etwas hinterher, ist aber immer noch viel besser dran als alle anderen Regionen. Die Zahlen in der Grafik beziehen sich auf Impfungen pro 100 Einwohner. DGB/Our World in Data

Regeln haben einen wichtigen Platz, sogar für Utilitaristen. John Stuart Mill war der Meinung, dass Regeln die Weisheit und Erfahrung vergangener Generationen darüber verkörpern, welche Art von Verhalten wahrscheinlich ein besseres Leben für alle ermöglicht. Dennoch sind für Mill Regeln nicht absolut. "Um ein Leben zu retten", schrieb er, "kann es nicht nur erlaubt, sondern sogar eine Pflicht sein, zu stehlen."

Es ist falsch, Menschen zu bestrafen, die ihr Bestes tun, wenn es keine klaren Regeln gibt

Wir werden nie erfahren, ob eine von Gokals zehn Injektionen ein Leben gerettet hat, aber sie haben sicherlich den Seelenfrieden derer erhöht, die sonst vielleicht Tage oder Wochen auf eine Impfung hätten warten müssen. Auf keinen Fall hat er gestohlen. Offensichtlich hatte die Verwendung der Impfungen für die Menschen bessere Folgen, als sie wegzuwerfen – und obendrein: es wäre besser gewesen, wenn Gokal nicht entlassen worden wäre und ihm keine Strafverfolgung drohte.

Eine Sache, die wir lernen können aus der Ungerechtigkeit, die Gokal widerfahren ist: Wir brauchen vernünftige Regeln für Menschen, die für das Impfen verantwortlich sind. Aufgrund der Warteschlangen vor Kliniken wies das Los Angeles County Department of Public Health an – wenn auch inoffiziell –, dass die Gesundheitsbehörden unbenutzte Dosen nicht wegwerfen, sondern verwenden. In Israel können sich Menschen, die normalerweise nicht zur Impfung anstehen würden, registrieren lassen, um eine SMS zu erhalten, wenn ein nahe gelegenes Impfzentrum über Impfstoffe verfügt, die sonst weggeworfen würden. Wie diese Beispiele zeigen, ist es nicht schwer, sich etwas Besseres auszudenken, als potenziell lebensrettende Impfstoffe ins Klo zu spülen.

Die andere Lektion, die es zu lernen gilt: Es ist falsch, Menschen zu bestrafen, die ihr Bestes tun, wenn es keine klaren Regeln gibt, oder wenn sie sich in einer Situation befinden, die sich vorher keiner vorstellen konnte, weshalb die Regeln nicht passen, die es gibt. In diesen Situationen sollten die Menschen ermutigt werden, ihr eigenes Urteilsvermögen einzusetzen, um das Beste für alle zu tun.


Aus dem Englischen von Daniel Haufler / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Peter Singer
ist ein weltweit bekannter australischer Philosoph und Ethiker. Er lehrt am Center for Human Values der Princeton University
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