Deutscher Gewerkschaftsbund

21.09.2020

Vom großen Ruhm ins Unheil gestürzt

Nachdem dem Zweiten Weltkrieg galten die USA und Großbritannien dank ihres Kampfes für Freiheit, Recht und Demokratie lange als Vorbild. Doch ausgerechnet hier haben Rechtspopulisten die Kontrolle über konservative Parteien und dann die Länder übernommen. Ein hintergründiger Blick zurück.

 

Von Ian Buruma

Eine Ruine eines Hauses, von dem nur die Frontseite noch steht. Davor gehen mit großem Abstand hintereinander drei Soldaten in Tarnuniform mit umgehängten Maschinengewehren.

Angefangen bei der Suezkrise 1956 über Vietnam in den 1960er-Jahren bis zum Irak im Jahr 2003 war Nostalgie jedoch nicht der einzige Grund, warum US-Präsidenten und britische Premierminister - so wie hier im Irak - seit 1945 in den Krieg gezogen sind. DGB/dah

Vor 75 Jahren hätte das Ansehen der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs höher nicht sein können. Sie hatten das kaiserliche Japan und Nazideutschland besiegt, und sie taten es im Namen der Freiheit und der Demokratie. Ihr Verbündeter, Stalins Sowjetunion, hatte freilich andere Vorstellungen von diesen schönen Idealen und den Großteil der Kämpfe gegen Hitlers Wehrmacht geführt. Dennoch waren es die englischsprachigen Sieger, die in weiten Teilen die Nachkriegsordnung der Welt prägten.

Trump wie der Brexit haben das Image von Amerikanern und Briten endgültig zerstört

Die Grundprinzipien dieser Ordnung waren in der Atlantik-Charta festgelegt worden, die 1941 von Winston Churchill und Präsident Franklin D. Roosevelt auf einem Kriegsschiff vor der Küste Neufundlands verfasst worden war. Was ihnen für die Zeit nach dem
Sieg über die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan vorschwebte, war eine Welt der internationalen Zusammenarbeit, multilateraler Institutionen und des Rechts der Völker, unabhängig und frei zu sein. Obwohl Churchill sich dagegen wehrte, dieses Recht auf Großbritanniens Kolonien auszudehnen, war Roosevelt der Ansicht, dass die anglo-amerikanischen Beziehungen zu wichtig seien, um sich zu sehr darüber zu streiten.

Viele Jahrzehnte lang behielten Großbritannien und die USA trotz einer Reihe von rücksichtslosen Kriegen, Ausbrüchen von Hysterie im Kalten Krieg und der opportunistischen Unterstützung einiger höchst undemokratischer Verbündeter ihr Image als Vorbild für liberale Demokratie und Internationalismus bei.

Im Zeitalter von Donald Trump und Brexit ist dieses Image zerstört worden. Unter allen älteren Demokratien haben ausgerechnet in Großbritannien und in den USA Rechtspopulisten die Kontrolle über konservative Parteien und ihre jeweiligen Länder übernommen. Dasselbe ist in Ungarn und Polen geschehen, die jedoch nie Vorbilder einer freiheitlichen Ordnung waren, und auch in Indien, dessen Demokratie allerdings noch nicht so alt und gefestigt ist.

Trumps Republikaner haben ihren Slogan "America First" den Isolationisten der 1930er-Jahre entlehnt, die Hitler oft wohlgesonnener waren als Roosevelt. Diese Isolationisten standen für alles, was Roosevelt damals abgelehnt hat. Und Großbritannien hat Europa in einer Weise den Rücken gekehrt, die Churchill niemals gebilligt hätte. Schließlich war er ein Internationalist und einer der ersten Befürworter der europäischen Einheit – auch wenn er sich über die Rolle Großbritanniens in einem vereinten Europa vage äußerte.

Wie konnte es soweit kommen?

Winston Churchill und Franklin D. Rooesevelt sitzen auf Holzstühlen und unterhalten sich. Hinter ihnen stehen hochrangige Militärs in Uniform.

Die Grundprinzipien der Nachkriegsordnung haben Winston Churchill und Präsident Franklin D. Roosevelt 1941 auf dem Schlachtschiff HMS PRINCE OF WALES in der Atlantik-Charta festgelegt DGB/Imperial War Museum/Gemeinfrei

Es gibt natürlich viele Gründe, die nicht nur in den USA oder Großbritannien zu finden sind: zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit, erstarrte Institutionen, selbstgefällige Eliten, Feindseligkeit gegenüber Einwanderern und so weiter. Ich bin dennoch der Auffassung, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten in beiden Ländern eher mit ihrem größten Triumph im Jahr 1945 zusammenhängen.

Das anglo-amerikanische Bündnis hat den Briten mehr geschadet als genutzt

Nachdem sie den Isolationismus hinter sich gelassen und die Achsenmächte besiegt hatten, ist den USA ihre militärische Macht vielleicht ein bisschen zu Kopf gestiegen. Die Versuchung Churchill (der in den USA immer beliebter war als Großbritannien) als Vorbild einer Führungspersönlichkeit zu betrachten, hat viele amerikanische Präsidenten vom rechten Weg abkommen lassen. Die "britische Bulldogge" war das Gesicht des angelsächsischen Exzeptionalismus, sein heldenhaftes Eintreten für die Freiheit appellierte an die Selbstachtung der US-Regierungschefs. George W. Bush war nicht der erste präsidiale Churchill-Verehrer, der sich zu einem Krieg unter falschen Voraussetzungen entschied, in seinem Fall im Irak gegen Saddam Hussein, der brutal, aber nicht im Entferntesten so bedrohlich war wie Hitler.

Trumps Wiederbelebung des "America First"-Isolationismus, seine Verachtung für internationale Institutionen und US-Verbündete in der demokratischen Welt, sind zumindest teilweise das Ergebnis von Bushs desaströsem Krieg. Trump appelliert an die Art von Menschen, die bei Amerikas Abenteuern in Übersee in den Tod geschickt wurden – weiß, aus ländlichen Gegenden, oft schlecht ausgebildet und den Eliten an der Küste in tiefer Abneigung verbunden.

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair war ein ebenso großer Churchill-Verehrer wie Bush. Auch er hatte eine beinahe messianische Sichtweise, derzufolge das anglo-amerikanische Bündnis den Auftrag hatte, die Welt von zeitgenössischen "Hitlern" zu befreien. In der Zeit des Irakkrieges behauptete er, nur eine Nation habe Großbritannien in der Stunde der größten Gefahr 1940 beigestanden. Deshalb müsse sich Großbritannien Amerika nun bei der Invasion des Irak anschließen. Abgesehen vom historischen Irrtum (die USA waren noch nicht in den Krieg gegen Deutschland eingetreten, sie taten es erst 1941), diente Blairs Nostalgie einem törichten Zweck.

Boris Johnson und Donald Trump sitzen nebeneinander vor britischen und amerikanischen Flaggen.

So sieht die transatlantische "Special Relationship" heute aus: Zwei rechtspopulistische Schwätzer, die nichtsdestotrotz gefährlich sind, weil sie Rassismus fördern und demokratische (Trump) oder völkerrechtliche (Johnson) Spielregeln ignorieren. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Angefangen bei der Suezkrise 1956 über Vietnam in den 1960er-Jahren bis zum Irak im Jahr 2003 war Nostalgie jedoch nicht der einzige Grund, warum Präsidenten und Premierminister seit 1945 in den Krieg gezogen sind. Das andere Gespenst, das die Bewohner des Weißen Hauses und der Downing Street 10 heimsuchte, war das von Neville Chamberlain und seiner "Appeasement-Politik" gegenüber Hitler im Jahr 1938. Als Chamberlain erkannte, dass sein Land nicht bereit oder willens war, in den Krieg zu ziehen, ließ er Hitler in die Tschechoslowakei einmarschieren ("ein Streit in einem fernen Land"). Churchill prangerte diese Politik als „eine totale und durch nichts gemilderte Niederlage“ an. Die Furcht, als weiterer Chamberlain angesehen zu werden, war unter den Führungsköpfen der Nachkriegszeit ebenso ausgeprägt wie die Hoffnung, Churchills Ruhm zu wiederholen.

Die USA und Großbritannien haben sich von Europa weit entfernt

Dieser Ruhm brachte Großbritannien an den Rand des Bankrotts, aber noch zerstörerischer für das Schicksal des Landes war das Schwelgen in der Erinnerung an seine große Stunde. Großbritannien hielt sich fern von allen europäischen Bemühungen zur Schaffung gemeinsamer Institutionen. Das geschah nicht nur, weil die sozialistische Regierung von Clement Attlee in den 1940er-Jahren glaubte, dass Europa den britischen Wohlfahrtsstaat zerstören würde, sondern auch weil die Briten sich nicht vorstellen konnten, dass andere europäische Mächte mit ihrem Land auf Augenhöhe sein könnten. Großbritannien hatte den Krieg gewonnen; die anderen waren entweder Nazis gewesen oder von Nazis überrannt worden.

An dieser Haltung änderte sich wenig, auch wenn führende Politiker wie der konservative Premierminister Harold Macmillan (1957-1961) erkannt hatten, dass Großbritannien es sich nicht leisten konnte, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft fernzubleiben. Letztlich war die Verlockung, Seite an Seite mit den USA zu stehen, insbesondere in fernen Kriegen, stärker als der Wunsch, eine führende Rolle in Europa zu spielen. Als Großbritannien in den 1950er-Jahren noch Primus inter Pares war, wären andere Europäer gerne bereit gewesen, ihm die Führung und die Gestaltung der Zukunft des Kontinents zu überlassen. Die USA, die der "Special Relationship" weit weniger sentimental gegenüberstanden als Großbritannien, drängten die Briten dazu. US-Außenminister Dean Acheson bezeichnete 1961 Großbritanniens Weigerung, die sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, als „größten Fehler in der Nachkriegszeit“.

Hier sind wir also, mit einem isolationistischen Amerika und einem Großbritannien, das zunehmend von Europa abgeschnitten ist. Es hat sich herausgestellt, dass ihr Moment des größten Ruhmes den Keim zukünftigen Unheils in sich trug.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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