Deutscher Gewerkschaftsbund

05.07.2010

Kritik in der politischen Bildung

Rezension des Bandes: Bettina Lösch und Andreas Himmel (Hrsg.), Kritische politische Bildung, Ein Handbuch, Wochenschauverlag, Schwalbach/Ts. 2010

von Hermann Nehls

‚Kritische politische Bildung’  - auf den ersten Blick mag dieser Titel merkwürdig klingen. Politische Bildung beinhaltet doch schon die Dimension des Kritischen, oder?

Nein, das tut sie nicht, zumindest nicht selbstverständlich. Kategorien wie Interessen, Macht und Herrschaft werden oftmals ausgeblendet. ‚Kritisch’ wird wissenschaftstheoretisch nur als Abgrenzung gegenüber anderen Ansätzen und als programmatische Ausrichtung gesehen. Man könnte hier auch ein ‚systemimmanent’, auf Anpassung bedacht, hinzufügen.

Dass eine eingeschränkte Sichtweise auf politische Bildung nicht ausreicht, um beispielsweise die Ursachen der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise zu analysieren, liegt auf der Hand. Ernst – Wolfgang Böckenförde, Bundesverfassungsrichter von 1983 bis 1996, hat in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 24. April 2009 unter dem Titel ‚Woran der Kapitalismus krankt’ darauf hingewiesen, dass die Krise mit einem bloßen Hinweis auf Fehlverhalten einzelner Personen oder auch Gruppen nicht hinreichend gekennzeichnet und erklärt sei. Der Kapitalismus kranke nicht allein an der Gier und dem Egoismus von Menschen, die in ihm agieren. Er kranke an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Leitidee und deren systembildende Kraft. Es müssen ein Ordnungsrahmen und eine Handlungsstrategie geschaffen werden, „die davon ausgehen, dass die Güter der Erde, das heißt Natur und Umwelt, Bodenschätze, Wasser und Rohstoffe, nicht denjenigen gehören, die sie sich zuerst aneignen und ausnützen, sondern zunächst allen Menschen gewidmet sind, zur Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse und der Erlangung von Wohlfahrt.“ Es gilt an den Wurzeln zu graben - eine originäre Aufgabe der politischen Bildung.

Kritik und Didaktik

Das ist das Anliegen der Herausgeber des Handbuchs ‚Kritische politische Bildung’ Bettina Lösch und Andreas Himmel. Ihnen geht es darum, die Notwendigkeit einer kritischen Bildung zu verdeutlichen, grundlegende und aktuelle Themen der kritischen Gesellschaftstheorie für die politische Bildung zu thematisieren und zugänglich zu machen, einen kritisch – reflexiven Blick auf die didaktische und pädagogische Praxis zu richten, sowie den institutionellen Kontext politischer Bildung und die gegenwärtigen Veränderungen in diesem Bereich aufzuzeigen. Um diese Räume auszuleuchten, haben sie Aufsätze von circa fünfzig Autorinnen und Autoren ausgewählt.

Was ist Aufklärung?

Die Grundlagen und Erfordernisse kritischer Bildung werden beispielsweise von Klaus- Peter Hufer, Gerd Steffens, Christine Zeuner und Alex Demirovic beschrieben. Die oder der interessierte Leserin und Leser finden eine solide Beschreibung der Entwicklung der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland und stößt dabei auf alte und vielleicht auch neue Bekannte wie Immanuel Kant, Karl Marx, Antonio Gramsci, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Michel Foucault und Pierre Bourdieu. Kants Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ ist zentraler Ausgangspunkt in mehreren Aufsätzen. Auch wenn die Antwort sicher zum Einmaleins der politischen Bildung gehört, hier sei sie auch zitiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Emanzipation meint damit, so Hufer, (Selbst- ) Aufklärung und (Selbst-) Befreiung. Christine Zeuner betont, dass Aufklärung nicht im historischen Verständnis des Zeitalters der Aufklärung verstanden werden sollte, sondern unter Berücksichtigung des Wissens um die Dialektik der Aufklärung. Sie wird zum Prinzip, das auf der Entwicklung von individueller Reflexivität, geistiger Durchdringung von Welt, Orientierung und Bewusstseinsbildung im jeweiligen Kontext fußt und eine kritische Diskussion über die Widersprüchlichkeit von Aufklärung zulässt.

Bildung und Bewußtsein

Für die aktuelle Debatte um die Frage, was Bildung ist, gibt Axel Demirovic wichtige Hinweise. Bildung bestehe seiner Meinung nach nicht allein aus dem Erwerb eines bestimmten schulischen Wissens. Wissen müsse in sehr umfassendem Sinne verstanden werden. Das Individuum werde geformt durch die geschichtliche Praxis, so dass seine ganze Weltsicht, seine Denkweise und seine Fähigkeiten Ergebnis dieses Bildungsprozesses sind. Individuen sollen auch nicht bloß nachvollziehen, was an Wissen und Erfahrung vorliegt, sondern Bildung ziele auf ein Verständnis von Welt, das sie als Ergebnis vergangener Praxis, als Ergebnis von Alternativen und Entscheidungen erfahrbar macht und ein tätiges Verhältnis zu ihr ermöglicht. Das kritische Wissen dränge nach außen, auf Praxis. Bildung sei eine streitbare Haltung zur Welt, sie beinhalte Auseinandersetzung, in deren Folge der Mensch sich als geschichtliches und damit kämpfendes Wesen begreifen kann, führt Armin Bernhard aus.

Bildung zum Funktionieren

Wichtige Ankerbegriffe der aktuellen Debatte werden in verschiedenen Aufsätzen beleuchtet. So widmet sich Stefanie Graefe in ihrem Aufsatz „Foucaults Denken der ‚Regierung’  - eine Herausforderung für die politische Bildung“ der Beschreibung menschlicher Subjektivität als ‚Humankapital’. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Schülerinnen und Schüler, Kinder, Alte, Männer, Frauen, Migrantinnen und Migranten, aber auch Gene, Bildung und soziale Infrastrukturen lassen sich so in Begriffen der Investition, der Kapitalkosten, des Gewinns aus dem investierten Kapital, des wirtschaftlichen und psychologischen Nutzens analysieren. Der Mensch wird durch diese Regierungspraxen auf die Rolle des Homo Oeconomicus reduziert. Ralf Ptak sieht eine Zurichtung des Bildungssystems auf seine ökonomische Zweckmäßigkeit, in der Engführung von Bildung als Qualifizierung von Arbeitskraft, deren Anforderungen maßgeblich von Unternehmen und ihren Verbänden bestimmt werden, wozu die Steuerung der Bildungspolitik mittels marktwirtschaftlicher Instrumente ihren Beitrag leistet.

Andreas Merkens beschreibt, wie sich eine ‚Entrepreneurkultur’ durchzusetzen scheint, in der sich Eigeninitiative und Selbstverantwortung und Flexibilität zu einem ‚unternehmerischen Selbst’ verdichten. Herausragende Kompetenzanforderung wird die Fähigkeit, als flexibler Träger und Optimierer der Produktionsressource Wissen zu agieren. Mit Hinweis auf Gramsci fordert Merkens bezüglich der Implementierung des ‚Lebenslangen Lernens’ die hegemoniale Struktur zu erkennen und zu kritisieren, im gleichen Moment aber auch die emanzipatorischen Gestaltungsräume für ‚gegenhegemoniale’ Eingriffe’ aufzugreifen und zu politisieren. In diesem Sinne fordere das Lebenslange Lernen ein flexibles Lernverhalten, das den Anforderungen des Arbeitsmarktes untergeordnet sei, gleichermaßen stehe es aber auch für das emanzipatorische Aufbrechen paternalistischer Lern- und Bildungsstrukturen der fordistischen Disziplinargesellschaft.

Das Handbuch Kritische politische Bildung ist geeignet, um verschiedenste Facetten der Debatte um kritische politische Bildung durch die kluge Zusammenstellung einschlägiger Aufsätze in den Blick zu nehmen und zu vertiefen. Dazu gehören selbstverständlich Debattenbeiträge zu Fragen der Globalisierung, des Geschlechterverhältnisses, ebenso wie politische Bildung und Rassismuskritik und ein kritischer theoretischer Zugang zur ökologischen Krise. Wie gesagt, die interessierte Leserin und der interessierte Leser finden Bekanntes und weniger Bekanntes. Das Buch gibt im Großen und Ganzen einen guten Überblick der Debatte um kritische politische Bildung.


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Kurzprofil

Hermann Nehls
ist Gewerkschaftssekretär im Bereich Migrations- und Antirassismuspolitik. Davor war vier Jahre lang Sozialreferent an der Deutschen Botschaft in Washington (USA).
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