Deutscher Gewerkschaftsbund

19.03.2021

Ein Grund zum Feiern in schwierigen Zeiten

Vor 20 Jahren wagten fünf Gewerkschaften etwas Neues: Sie schlossen sich zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zusammen. Das brachte erst viele Probleme mit sich. Letztlich wurde es ein Erfolg. Verdi setzte den Mindestlohn durch, kümmert sich um prekäre Beschäftigte und ist ein kämpferischer Konfliktpartner.

 

Von Martin Kempe

Gründungskongress von Verdi. Blick aus dem Publikum auf die Bühne, im Vordergrund ein Mann von hinten, der eine gelbe Karte hochhält.

Auf dem Gründungskongress von Verdi herrschte am 19. März 2001 eine ebenso konzentrierte wie ausgelassene Stimmung. Es ging schließlich um viel. DGB/Verdi

Es herrschte unter den Delegierten des Gründungskongresses eine gewisse Euphorie, als die "Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft" Verdi im März 2001 aus der Taufe gehoben wurde. Nach langen vorbereitenden Diskussionen hatten sich die Gründungsgewerkschaften (ötv, DPG, HBV, IG Medien, DAG), die über Jahre hin geschrumpft waren, zu einer gewerkschaftlichen Massenorganisation mit damals rund 2,8 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen – zu einer bunten Vielfaltgewerkschaft mit weit gefächerter Branchenzuständigkeit und über tausend unterschiedlichen Berufen.

Verdi sollte der Aufbruch sein in eine bessere, erfolgreichere Zukunft

Der neu gewählte Verdi-Vorsitzende, Frank Bsirske, schwor die Delegierten auf eine neue gewerkschaftliche Politik und Organisationskultur ein, auf Solidarität in der Vielfalt, auf eine politische, offenere, diskussionsfreudige Gewerkschaftsarbeit: "Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft – wegen Umbau geöffnet!" Seine Aufforderung wurde mit frenetischem Jubel aufgenommen. Die Jahrzehnte des langsamen, schier unaufhaltsamen Niedergangs der Gründungsgewerkschaften schienen beendet. Jetzt kam das Neue, der Aufbruch in eine bessere, erfolgreichere Zukunft.

Was ist geblieben von den hochfliegenden Hoffnungen des Anfangs? Haben sich die Verheißungen des neuen Vorsitzenden in den nachfolgenden 20 Jahren, in den Mühen der alltäglichen gewerkschaftlichen Arbeit realisiert? Ist Verdi tatsächlich ein Erfolgsmodell gewerkschaftlicher Politik für das 21. Jahrhundert geworden? Die Antwort ist nicht eindeutig.

Verdi hat heute rund 800.00 Mitglieder weniger als im Gründungsjahr 2001. Diese Zahl allein zeigt, dass die Schwierigkeiten, welche die Gründungsgewerkschaften in die Fusion getrieben haben, mit der Verdi-Gründung nicht verschwunden sind, sondern auch heute noch die Gewerkschaftsarbeit in einem großen Teil des Verdi-Organisationsbereichs erschweren.

Frank Bsirske in einem alten Fersehgerät, auf dem eine "Tagesschau" von 2001 läuft.

Der ötv-Vorsitzende Frank Bsirske, ein grüner Politiker, ist 2001 zum ersten Vorsitzenden von Verdi gewählt worden - und blieb es fast 20 Jahre. DGB/Verdi

Mit der Gründung von Verdi entstand eine Multibranchengewerkschaft, welche die Beschränkung auf fest umrissene Branchensegmente zugunsten des übergeordneten Begriffs "Dienstleistung" aufhob. Der Organisationsbereich von Verdi ist riesig und umfasst nach der Branchenstatistik des Statistischen Bundesamtes von 2020 rund 20 Millionen Beschäftigte, etwa zwei Drittel aller abhängig Beschäftigten in Deutschland. Aber in vielen Bereichen ist die gewerkschaftliche Organisierung gering. Ein wachsender Bereich prekärer Beschäftigung und abhängiger freiberuflicher Tätigkeit wurde für Verdi zu einem wichtigen gewerkschaftspolitischen Thema.

Heute ist Verdi eine glaubwürdige und durchsetzungsfähige Anwältin sozialer Interessen

Die bei der Verdi-Gründung beschlossene "Matrixorganisation" war ein Versuch, die unmittelbare Branchenkompetenz der Gründungsgewerkschaften mit einer allgemeinen, auf die Gesamtheit der abhängig Arbeitenden bezogenen Gewerkschaftspolitik zu verbinden. Dies führte in den ersten Jahren zu erheblichen Reibungsverlusten mit zahllosen Gremien von Fach- und Personengruppen. Insgesamt gab es 13 Fachbereiche, die den sich verändernden, diffuser und durchlässiger werdenden Branchenzuschnitten gerecht werden sollten. Der gewerkschaftliche Apparat beschäftige sich vorwiegend mit sich selbst, statt sich im unmittelbaren Kontakt für die Interessen der Mitglieder zu engagieren, kritisierten viele der ehrenamtlichen Gewerkschafter*innen. Hinzu kam, dass Verdi in erheblichem Maße sparen und Personal abbauen musste – eine Belastung, die von den Gründungsgewerkschaften auf Verdi übertragen worden war.

Heute, in ihrem 20. Jahr, ist Verdi organisatorisch und finanziell konsolidiert. Sie hat sich sowohl in der Öffentlichkeit wie auch in der politischen Sphäre als glaubwürdige und durchsetzungsfähige Anwältin der sozialen Interessen abhängig Beschäftigter etabliert. Nichts verdeutlicht dies deutlicher als der beharrliche Kampf um den gesetzlichen Mindestlohn, für den Verdi und die kleine Gewerkschaft NGG zunächst die zögerlichen Industriegewerkschaften ins Boot holen mussten, die einen Bedeutungsverlust tarifvertraglicher Lohnpolitik durch einen staatlich gesetzten Mindestlohn befürchteten.

Eine gesamtgesellschaftliche Dimension bekam die Mindestlohnkampagne durch Verdi und ihren Vorsitzenden Frank Bsirske. Er versäumte kein Fernsehinterview, um auf den Skandal von "Armut trotz Arbeit" aufmerksam zu machen. Unermüdlich widersprach er der Unternehmerpropaganda, ein Mindestlohn würde zwei Millionen Arbeitsplätze vernichten. Gemeinsam mit der NGG wurde ein Kampagnen-Lastwagen auf die Marktplätze der Republik geschickt, um die Botschaft unters Volk zu bringen. Schließlich machte sich auch die SPD innerhalb der Großen Koalition für den gesetzlichen Mindestlohn stark: Am 16. August 2014 trat das Mindestlohngesetz in Kraft, zunächst (ab 1.1.2015) in der noch unbefriedigenden Höhe von 8,50 Euro. Rund 5,6 Millionen Menschen, viele davon prekär beschäftigt, profitierten davon. Heute geht es um die Durchsetzung eines existenzsichernden Niveaus von mindestens 12 Euro.

Ein Lkw mit einem roten Container, auf dem steht: Arm trotz Arbeit.

Eine erfolgreiche Kampagne von Verdi und der NGG war der Kampf für den Mindestlohn, für den die Gewerkschaften Lkws durch die Städte fahren ließen. DGB/Verdi

n dieser Kampagne manifestierte sich der branchenübergreifende gewerkschaftspolitische Charakter von Verdi besonders deutlich. Der Soziologe Klaus Dörre schrieb 2019 in einem Sammelband zu Frank Bsirskes Abschied von einer kämpferischen "Konfliktpartnerschaft". Hier wurde – nach mehr als 55 Jahren – anschaulich demonstriert, was prominenten Gewerkschaftern unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau der Gewerkschaften vergeblich vorschwebte: Statt selbstständiger Branchengewerkschaften wollten sie eine alle Branchen und parteipolitische Strömungen übergreifende, politisch aktive "Organisation des Proletariats", eine "Allgemeine Gewerkschaft" gründen. Mit Verdi entstand – für den Teilbereich des heute dominanten Dienstleistungssektors – so etwas wie eine "Allgemeine Gewerkschaft".

Der Aufbau von Gegenmacht ist schwer, aber nicht unmögliche

Stärke und Schwäche liegen da dicht beieinander. Verdi beansprucht zwar einen riesigen Organisationsbereich, liegt aber mit ihren knapp unter zwei Millionen Mitgliedern bei einem Organisationsgrad von bestenfalls 10 Prozent und damit weit hinter den Industriegewerkschaften zurück. Die Aussichten, daran etwas zu ändern, sind eher mäßig. Bisher hoch organisierte Branchen wie der Druckbereich schrumpfen, zersplitterte Betriebsstrukturen und repressive Unternehmenskulturen wie in großen Teilen des Handels erschweren gewerkschaftliche Organisierung. Der Mitgliederrückgang wurde bis heute nicht völlig gestoppt.

Ermutigend ist, dass die Zahl der aktiv im Beruf stehenden Mitglieder inzwischen weitgehend stabil ist. Den Rückgängen in Krisenbereichen stehen Mitgliederzuwächse etwa im Gesundheitsbereich und bei den Kita-Beschäftigten gegenüber – „systemrelevante“ Bereiche, deren Bedeutung während der Coronakrise von der Bevölkerung dankbar beklatscht wurde. Auch der Fachbereich "Besondere Dienstleistungen", in dem ein Sammelsurium unterschiedlichster kleiner Branchen zusammengefasst ist, verzeichnet Zuwächse, auch dies ein Hinweis auf die Sinnhaftigkeit einer branchenübergreifenden gewerkschaftspolitischen Konzeption.

Immer wieder versucht Verdi, in bislang unerschlossenen Bereichen gewerkschaftliche Gegenmacht aufzubauen. Kampagnen wie die gegen den Schwarz-Konzern (Lidl) wurden in der ersten Verdi-Dekade abgebrochen. Auch die jahrelange, inzwischen internationale Kampagne für einen Tarifvertrag beim gewerkschaftsfeindlichen Amazon-Konzern zeigt, dass der Aufbau von Gewerkschaftsmacht in bisher "weißen Flecken" einen langen Atem braucht. Es kostet viel haupt- und ehrenamtliches Engagement und viel Geld, ohne dass kurz- oder mittelfristig eine "Rendite" bei Mitgliederzahl und Beitragseinnahmen zu erwarten ist. Dennoch zeigt sich dabei, was Frank Bsirske vor 20 Jahren verheißungsvoll angekündigte: "Etwas Neues, eine lebendige, vielfältige, streitlustige Dienstleistungsgewerkschaft für das 21. Jahrhundert".


Nach oben

Kurzprofil

Martin Kempe
Martin Kempe arbeitet als freier Journalist. 2001 wurde er mit Konzeption und Aufbau der neuen Verdi-Mitgliederzeitung ver.di PUBLIK beauftragt, die er bis 2007 als Chefredakteur leitete. 1979 war er taz-Mitgründer und berichtete viel über Gewerkschaftsthemen.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten