Deutscher Gewerkschaftsbund

05.09.2019

Wege zu einer besseren Ausbildung

Das Berufsbildungsgesetz wurde vor 50 Jahren in der Bundesrepublik beschlossen. Es ist ein großer Erfolg und Vorbild für andere Länder. Jetzt ist es dringend an der Zeit, es wieder zu reformieren. Doch die Vorschläge der Bundesregierung reichen bei weitem nicht aus.

 

Von Elke Hannack

Zwei Auszubildende, eine junge Frau und ein junger Mann, mit blauen Helmen folgen den Erklärungen eines älteren Mannes, der auf zwei Monitore weißt.

Moderne Ausbildung ist vielfältiger denn je und muss ständig an neue Arbeitsbedingungen angepasst werden. DGB/goodluz/123rf.com

Vor 50 Jahren wurde der Schalter für eine Technologie umgelegt, die heute alle gesellschaftlichen Bereiche, auch das Arbeitsleben beeinflusst. Als sich am 30. August 1969 vier amerikanische Universitäten vernetzten, war dies der Startschuss für ein Netzwerk, das weite Kreise zog und heute schlicht Internet heißt. Nur einen Tag später, am 1. September desselben Jahres, trat in Deutschland das Berufsbildungsgesetz in Kraft. Um Widerstand gegen Missstände in der Ausbildung zu organisieren, hatten sich Ende der 60er-Jahre immer mehr Jugendliche zur sogenannten Lehrlingsbewegung verbündet. Ihr Engagement und das vieler Gewerkschafter trugen letztlich zum Entstehen des Gesetzes bei.

Ausbildung muss den Herausforderungen des digitalen Zeitalters gerecht werden

Bis heute bildet es die Grundlage für die duale Berufsausbildung, die inzwischen vielfach als Garant für die im Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland gilt. Junge Menschen gut in Praxis und Theorie auszubilden, im Betrieb und in der Berufsschule – dieses Modell kann offenbar überzeugen. Zumal mit dem Berufsbildungsgesetz einheitliche Bestimmungen gelten, die eben Standards setzen. Auch die geregelte Zusammenarbeit der Sozialpartner mit Bund und Ländern trägt zum hohen Ansehen der dualen Ausbildung bei.

Noch ist das so. Es kann sich aber ins Gegenteil umkehren. Denn es gibt Qualitätsmängel bei der Ausbildung in den Betrieben einiger Branchen, etwa im Lebensmittelhandwerk, in Hotels und Gaststätten oder bei den Friseuren. Deshalb und auch, um die duale Ausbildung fit zu machen für die digitale Arbeitswelt, braucht es jetzt eine mutige Reform des Berufsbildungsgesetzes. Im Zeitalter der Digitalisierung werden gute Qualifikationen, wird eine gute Ausbildung für die Jugendlichen immer wichtiger. Das ist durchaus ein Thema, dem sich diese Bundesregierung widmet. Doch der von Bildungsministerin Karliczek vorgelegte Entwurf für eine Novelle des Gesetzes reicht nicht. Die Reform wird verstolpert, falls das Parlament nicht noch kräftig nachbessert.

Ein wichtiges Signal ist sicherlich die geplante Mindestausbildungsvergütung. Sie wird es erschweren, Auszubildende auszubeuten, weil endlich eine Untergrenze bei den Vergütungen eingezogen wird. Das ist vor allem dort wichtig, wo sich die Arbeitgeber weigern, Tarifverträge abzuschließen. Aber die Azubis brauchen noch mehr. Zum Beispiel ist die Freistellung für den Berufsschulunterricht so vage im Gesetz formuliert, dass es immer noch Auszubildende gibt, die nach der Schule zurück in den Betrieb müssen. Selbst vor Abschlussprüfungen ist das so. Inakzeptabel. Der Gesetzgeber sollte dies klar regeln.

Ein Roboter sitzt an einem Schreibtisch, aufgenommen von hinten.

In der neuen Arbeitswelt werden einfache Tätigkeiten alllmählich verschwinden. Daher muss es Auszubildenden möglich sein, von zwei- in dreijährige Ausbildungsberufe zu wechseln. DGB/Simone M. Neumann

Gerade weil es aufgrund des digitalen Wandels künftig viel stärker auf Qualifikation und Weiterbildung ankommt, sind vor allem drei Herausforderungen zu nennen, denen weder das aktuelle Berufsbildungsgesetz noch der vorliegende Gesetzesentwurf zu seiner Novellierung gerecht werden.

Erstens zeigen Prognosen, dass insbesondere Einfacharbeitsplätze durch die Digitalisierung im hohen Maße ersetzbar werden. Vor allem für Beschäftigte mit zweijährigen Berufsabschlüssen gilt das heute. Sie haben zunehmend schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb ist es wichtig, die Möglichkeit verbindlicher Durchstiege von zwei- in dreijährige Ausbildungsberufe gesetzlich zu regeln. Bislang hängt es vom Gutdünken des Arbeitgebers ab, ob er seinen Azubis diese Möglichkeit bietet.

Das Berufsbildungsgesetz muss auch für Studierende gelten, die zudem eine betriebliche Ausbildung machen

Zweitens werden die Abschlussprüfungen der dualen Ausbildung heute von über 300.000 ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfern abgenommen. Ihnen fällt es jedoch immer schwerer, dieses Ehrenamt auszuüben. Immer öfter werden sie nicht mehr von ihren Betrieben freigestellt. Gerade angesichts des hier anstehenden Generationenwechsels muss das Prüferehrenamt attraktiver werden. Wer es erhalten will, muss die bezahlte Freistellung für Prüfungen und für Weiterbildungszeiten ins Berufsbildungsgesetz schreiben.

Zum Dritten gibt es immer mehr dual Studierende, also junge Menschen, die sich für eine Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Studienanteilen entschieden haben. Obwohl auch sie wie die Azubis im Betrieb lernen, gilt das Gesetz nicht für diese Jugendlichen. Dabei lernen inzwischen über 100.000 junge Menschen in dieser Bildungsform. Auch sie sollten von den gesetzlichen Schutzbestimmungen oder den Eignungs- und Qualitätssicherungskriterien der dualen Berufsbildung profitieren. Die dual Studierenden nicht in das Berufsbildungsgesetz zu integrieren, spaltet letztlich die jungen Beschäftigten im Betrieb. Dies gilt es unbedingt zu verhindern. Im aktuellen Reformentwurf ist das Thema jedoch ausgespart.

Es wäre jedoch fatal, wenn die Bundestagsabgeordneten diese Mängel durchgehen ließen. Um die duale Ausbildung zu sichern und sie für die Zukunft zu gestalten, ist eine Reform des Berufsbildungsgesetz dringend nötig.

 


Eine frühere Fassung dieses Textes erschien am 29.8. im Handelsblatt.


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