Deutscher Gewerkschaftsbund

26.11.2020
Podcast

Demokratie bedeutet: viel aushalten

In ihrer Podcast-Kolumne ABC mit Renée. hat sich unsere Kolumnistin Renée Zucker dieses Mal den Buchstaben J vorgenommen, J wie Jagdszenen im Bundestag oder auch J wie „Ja, ist jetzt gut“. Das denken sich viele in der Corona-Zeit. Es ist allerdings ein klein wenig anders gemeint und voller Begeisterung für einen twitternden Virologen.


Der Kolumentext:

Was sind wir für ein Land geworden? Mathematiklehrer essen ihre Internetbekanntschaft auf, im Werbefernsehen himmeln einsame junge Frauen ihren Fertigpudding an, während schwäbische Querdenkerinnen Jesusbehangene Kreuze der Polizei wie dem Leibhaftigen selbst entgegenstemmen. Und wer sich kopfschüttelnd fragt, was sich der noch amtierende Präsident der Vereinigten Staaten alles erlauben kann, ohne verhaftet zu werden, der schaue sich nur bei uns an, wie eine Bundestagspartei selbsterklärten Demokratiefeinden Gästeausweise fürs Parlament ausstellt, damit sie dort Abgeordnetenbüros stürmen und Minister beschimpfen können. „Das ist erlaubt in Deutschland?“, wundern sich nicht nur ausländische Beobachter.

Die AfD lässt nützliche Idioten ihre Drecksarbeit machen

Und der Nazi-Opa mit der Waldi-Krawatte macht das, was er immer macht: Er räumt ein und klagt an. In einem Satz. Zuerst räumt er ein, dass diese Gast-Stürmer unzivilisiert seien und dann klagt er an, dass jüngst Extinction Rebellion im Reichstag Flugblätter fliegen ließ. Und niemand boxt ihn nieder oder lässt ihn verhaften. Denn die AfD macht ja nur das, was die Rechte weltweit gern macht: Man lässt nützliche Idioten die Drecksarbeit machen und unterstützt mit Unschuldsmiene aus dem Hintergrund.

Demokratie in diesen Tagen heißt offenbar: viel aushalten. Dass zu diesem Aushalten auch gehört, dass man, wie seit geraumer Zeit besonders in öffentlich rechtlichen Medien häufig zu erleben, zu jedem Thema in regelmäßigen Abständen auch einen rechten Parlamentarier befragen muss, nervt kolossal. Nicht nur, weil man ja schon weiß, was und mit welch triumphalem Feixen dieser dazu sagen wird – noch unerträglicher ist jedoch die besondere Höflichkeit, die Radiomoderatoren und Fernsehreporter ihnen angedeihen lassen. Leider ist es nicht die eiskalte Höflichkeit des Hähnchenrestaurantkettenbesitzers und Drogenbarons Gustavo Fring aus "Breaking Bad", der besonders fein lächelt, bevor er ein Todesurteil nickt. Es ist eher eine erzwungene, eine sichtlich und fast wie mühsam im Seminar erlernte Höflichkeit. Die sich eher aus Unsicherheit, als aus dem Gustavo-Bewusstsein der eigenen Stärke und Macht speist. Denn darum geht es doch gerade und geradezu universell: ein Machtkampf.

Journalisten tun sich immer noch schwer beim Berichten über Rechtspopulisten

Die Medienkritikerin der Washington Post, Margret Sullivan, rekapitulierte in einer ihrer letzten Kolumnen die mediale Behandlung der 4 Trump-Jahre und kam zu dem Schluss, dass die Journalisten bis heute nicht wüssten, wie man über die Ausnahmeerscheinung berichten soll. Sie seien so besorgt, von Rechten als voreingenommen bezeichnet zu werden, dass sie die letzten vier Jahre in einer defensiven Kauerhaltung verbrachten und viel zu oft eine falsche Ausgewogenheit der einfachen Wahrheitserzählung vorziehen.

Sie erwähnt allerdings auch, dass es den Medien zu verdanken sei, dass wir nun wissen, dass der angeblich milliardenschwere US-Präsident in den letzten Jahren mal gerade 750 Dollar Steuern zahlte, dass seine Regierung geflüchteten Eltern die Kinder wegnahm und sie zum großen Teil heute nicht mehr zuordnen kann, und dass die Medien all die schlimmen Lügen und den Machtmissbrauch aufdeckten, für die die Verantwortlichen erst ab 20. Januar 2021 belangt werden können, wenn sie nicht mehr in der Regierung sind.

Ein Virologe hat uns gezeigt, wie man mit denen umgeht, die absolut unakzeptabel sind. "Ich hab Besseres zu tun" twitterte Professor Doktor Drosten einst, als die Bild nicht von ihm ablassen wollte und eine Erklärung für irgendwas forderte. Ich hätte sehr gern ein T-Shirt damit – und hinten drauf sein neuer, letzter Tweed, bevor er einem Besserwisser den Saft – zumindest in seiner Timeline abdrehte: "Ja, ist gut jetzt".

Ein Lektüretipp: Eine liberale Amerikanerin über ihr Land

Was wir jetzt lesen sollen? Jill Lepore "Dieses Amerika" , ein Manifest für eine bessere Nation. Ein wunderbar geschriebener Essay von einer modernen Liberalen über die Nation als wirkungsvollstes Instrument zur Bekämpfung von Ungerechtigkeit, Intoleranz und Vorurteilen. Erstaunlich und einleuchtend, wie sie uns von der globalisierten Ablehnung des Nationalstaates wieder zu einem nationalen Bewusstsein ohne geistige Enge zurückführt, um den Rechten ihre schlichte Deutungshoheit wegzunehmen. Ein FAZ-Redakteur schrieb, die Harvard-Professorin Lepore sei eine seltene Doppelbegabung von Akademie und Journalismus – wir stellen unsern Dr. Drosten daneben, dann wären's schon mal zwei.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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