Deutscher Gewerkschaftsbund

28.03.2011

Technik und Sozialgeschichte

Dampf

Technoseum

Seit seiner Eröffnung im Jahr 1990 widmet sich das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim der  Technik- und Sozialgeschichte seit dem späten 18. Jahrhundert. Unter dem Namen  TECHNOSEUM präsentiert sich das Haus den Besuchern seit dem 1. Januar 2010 im avantgardistischen Gebäude der Berliner Architektin Ingeborg Kuhler mit einer grundlegend überarbeiteten Dauerausstellung neu als eines der führenden deutschen Museen im Bereich der Sozial- und Technikgeschichte.

Die Industrielle Revolution anschaulich

Die weitläufige Schau konzentriert sich auf die Rolle der Naturwissenschaften und des technologischen Fortschritts. In den Blick gerückt werden so die entscheidenden Triebkräfte der mit dem Stichwort der Industrialisierung zusammen gefassten fundamentalen Umwälzung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse seit dem späten 18. Jahrhundert. Die meisten Exponate entstammen dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs, doch geht die Präsentation weit über eine Regionalgeschichte hinaus. Thematisch deckt die Ausstellung ein breites Bündel von Entwicklungssträngen ab, die bei der Transformation der vorindustriellen Agrargesellschaft hin zur industriellen Konsumgesellschaft der Gegenwart von zentraler Bedeutung waren.

Der Übergang vom Handwerk zur Manufaktur und dann zum industriellen Betrieb werden schwerpunktmäßig an Hand der Papierverarbeitung, der Entwicklung der Druckindustrie sowie der Weberei und Textilindustrie erfahrbar und – im Wortsinne – begreifbar gemacht.  Auch der tiefgreifende Wandel der Landwirtschaft, ihre zunehmende Mechanisierung und Motorisierung, wird mit Hilfe zahlreicher, stets zu sinnvollen Ensembles zusammengestellten Exponaten ausgeleuchtet. Das weitläufige Ausstellungsareal von rund 9.000 Quadratmetern erlaubt dabei auch die Präsentation von Großexponaten; zu sehen sind beispielsweise Objekte etwa zur Baumwollspinnerei oder zur Jacquard-Weberei, aber auch zur Hausnäherei oder zur Industrialisierung des Buchdrucks; letztere wird durch die Präsentation von Handdruckpressen, Schnellpressen und Rollen-Rotationsdruckmaschinen anschaulich nachgezeichnet. Zugleich geben  Dampfmaschinen, Dampfturbinen und eine Fülle weiterer Exponate Einblicke in die Geschichte der Energieentwicklung und -umwandlung von der Wasserkraft über die Kohle bis hin zur Atomenergie; stärker zu Gewichten dürften hier in Zukunft alternative Formen der Energiegewinnung sein.

Zugleich widmet sich die Ausstellung mit zahlreichen Objekten der Elektro-, Kommunikations- und Informationstechnik. Eine Vielzahl von Exponaten beschäftigt sich mit dem zunehmenden Einfluss dieser Technologien auf die Arbeit, aber auch das Freizeit- und Konsumverhalten der verschiedenen Bevölkerungsschichten.

Geschichte der Mobilität

Die Entwicklung der Mobilität bildet einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Die geschichtliche Entwicklung in diesem Bereich – vom Pferdefuhrwerk über das Fahrrad bis hin zur Breiten- und Massenmotorisierung seit den 1950er Jahren – wird durch eine Fülle von Exponaten ebenso dokumentiert wie die Produktionsbedingungen in der Automobilindustrie: zu besichtigen ist etwa ein Teil einer Fertigungsstraße aus dem Daimler-Werk in Sindelfingen. In der Benz-Stadt Mannheim darf natürlich auch der Benz-Wagen aus dem Jahr 1886 als Exponat nicht fehlen. Das  Museumsschiff Mannheim auf dem Neckar stellt eine weitere Attraktion dar und ermöglicht zudem Einblicke in die Geschichte der Binnenschiffahrt.

Auch die kaum zu überschätzende Triebkraft der Eisenbahn und des Schienenverkehrs für den Industrialisierungsprozess wird durch zahlreiche Objekte höchst anschaulich beleuchtet. Dass die erst 1893 eingeführte einheitliche Uhrzeit innerhalb Deutschlands auch auf den Eisenbahnverkehr und der Notwendigkeit verbindlicher Fahrpläne zurück zu führen ist, stellt für den Verfasser eines der Aha-Erlebnisse der Ausstellung dar. Die Architektur einer Bahnhofshalle aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert versetzt die Besucher in Reisestimmung und bildet den Rahmen für die Objekte zum Thema Eisenbahnverkehr – und wer will, kann mit der Museumsdampflokomotive „Eschenau“ - deren Zischen und lautes Pfeifen in regelmäßigem Abstand als   akustische Kulisse der Ausstellung wahrzunehmen ist – eine Fahrt hinaus in den Museumspark unternehmen.

Keine Technik ohne Arbeit

Eine weitere Stärke der Schau sind jene Ausstellsabschnitte, die sich mit den Auswirkungen des technologischen Wandels und der Industrialisierung auf  den Alltag und das Leben der Menschen beschäftigt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterfamilien –  eine perfekt in die Ausstellung integrierte 'Arbeiterkneipe' dient übrigens als Café des Museums – wie des Bürgertums in der Großstadt sind dabei ebenso Gegenstand der Ausstellung wie die Existenzbedingungen und das private Leben von Bauern und Handwerksfamilien auf dem Land. Zu den beeindruckenden Ausstellungseinheiten zählen eine Reihe von Arbeiterwohnungen in städtischen Mietskasernen; sie dokumentieren gleichermaßen die Enge und Kargheit der Lebensverhältnisse wie die Versuche der Arbeiterfamilien, mit den zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln solch eingeschränkten Wohnverhältnissen zumindest einen gewissen Grad familiärer und vielleicht auch kleinbürgerlicher Behaglichkeit abzutrotzen. Dass das Gesinde und die Landarbeiter selbst hiervon lange nur träumen konnten, wird durch die Präsentation einer Landarbeiterwohnung oder besser: -behausung eindringlich gezeigt. Ganz im Gegensatz hierzu steht die formidabel präsentierte Entwicklung der häuslichen Hygiene in den Wohnungen und Häusern des Bürgertums: Der Einzug von Wasserklosett, Dusche und Badewanne schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sorgte hier für einen Standard der sanitären Anlagen, auf den die Arbeiterfamilien noch jahrzehntelang zu warten hatten.

Das interaktive Technoseum

Dass der Besucher an zahlreichen Experimentierstationen selbst aktiv werden kann, spricht sicherlich in erster Linie, wenn auch keineswegs ausschließlich, die jüngeren Museumsbesucher an. Das interaktive Angebot dient dem spielerischen Begreifen und soll nach dem Wunsch des Museumsteams unter dem Motto „Anfassen erlaubt“ insbesondere die Technikgeschichte nahe bringen. Allerdings versteht sich das Technoseum nicht als "Science Center", sondern als Museum. Auf dem Ausstellungsparcours finden sich zahlreiche Mitmach-Stationen, an denen die Besucher, teilweise unter Betreuung und Anleitung des Museumspersonals und ehrenamtlicher Mitarbeiter, naturwissenschaftliche Grundprinzipien und Erfindungen eigenhändig nachvollziehen können. Im Vordergrund der Museumsarbeit steht jedoch die Sammlung, Bewahrung und Präsentation aussagekräftiger Exponate, um die technischen Entwicklungen und ihren Einfluss auf die Lebens- und Arbeitswelt plastisch und anschaulich darzustellen.

Dies ist dem Technoseum in seiner hiermit dringend zum Besuch empfohlenen Dauerausstellung ausgezeichnet gelungen.

 

Öffnungszeiten
täglich 9.00 bis 17.00 Uhr
Eintrittspreise:
Erwachsene 6,00 Euro
Ermäßigte 4,00 Euro
für Kinder bis 6 Jahre Eintritt frei

Weitere Informationen:

http://www.technoseum.de/

http://www.meier-online.de/podcast/meier-podcast-70-technoseum/

(Video-Podcast zum Technoseum)

http://www.rheinpfalz.de/cgi-bin/cms2/cms.pl?cmd=showMsg&tpl=rhpMsg_thickbox.html&path=/rhp/fuerunshier/ausfluege&id=RON_1264067056413

Bericht über das Technoseum in „Die Rheinpfalz“ vom 25. Januar 2010


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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