Deutscher Gewerkschaftsbund

01.10.2021

Brandts politische Perspektive jenseits der Nationalstaaten

Vor 75 Jahren akkreditierte sich Willy Brandt im Auftrag der schwedisch-norwegischen Arbeiterpresse Arbeiderbladet als "Kriegskorrespondent" beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Seine Berichte analysieren scharfsinnig und emotional die verhandelten Verbrechen. Und sie erlauben einen Einblick in Brandts Denken, das auch seine Zeit als Politiker prägte.

 

Von Joachim Kasten

Grüner Presseausweis von Willy Brandt mit Passbild und Hinweis auf seinen Auftraggeber.

Vor 75 Jahren berichtete Willy Brandt, zurückgekehrt aus dem norwegischen Exil, für das Arbeiderbladet vom ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. DGB/Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der FES

„Es begann mit dem Terror der SA gegen deutsche Sozialisten und Pazifisten und
endete mit der fabrikmäßigen Massenvernichtung in Gaskammern und Krematorien“, schrieb Willy Brandt am 30. September 1946 in der norwegischen Zeitung Arbeiderbladet zu dem welthistorisch einzigartigen Prozess, der vor mehr als 75 Jahren in Nürnberg begonnen hatte.

"Dead by hanging" lautete der Richterspruch gegen zwölf Angeklagte

Die Verhandlungen vor dem internationalen Militärtribunal (IMT) fanden statt unter der Regie der alliierten Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Angeklagt waren 21 Nazi-Führer, darunter Reichsmarschall Hermann Göring, Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. In der exakten Sprache von Völkerrechtlern umfassten die Anklagepunkte Vorwürfe wie die Planung von Angriffskriegen, Verbrechen gegen den Frieden und Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen.

Die Urteile fielen am 1. Oktober 1946, heute vor 75 Jahren. "Dead by hanging" lautete der Richterspruch gegen zwölf Angeklagte. Die übrigen kamen mit langen bis lebenslangen Gefängnisstrafen davon. Drei Beschuldigte wurden freigesprochen. Zwei Wochen später starben elf führende Nazis durch den Strang. Hermann Göring entzog sich der Hinrichtung durch Selbstmord mit Hilfe einer Zyankaliampulle.
Bis 1949 wurde unter US-Amerikanischer Oberhoheit noch ein weiteres Dutzend von Nachfolgeprozessen in Nürnberg abgehalten. Angeklagt waren 209 Personen belastet mit Verbrechen im Dienste des Dritten Reiches. Todesurteile wurden in 36 Fällen ausgesprochen.

Der 32-jährige Willy Brandt akkreditierte sich im Auftrag der schwedisch-norwegischen Arbeiterpresse als "Kriegskorrespondent" beim Nürnberger Militärtribunal. Seine Berichterstattung ist noch heute ein beeindruckendes zeitgeschichtliches Dokument. Er nähert sich Figuren, die zuvor die Völker Europas terrorisiert hatten. Gleichzeitig analysiert er die tiefere politische Bedeutung und Struktur des Prozesses. Am ersten Prozesstag schreibt Brandt für das Arbeiderbladet, dass die meisten Angeklagten überraschend gut aussähen. Ihm zufolge strengten sich die Nazigrößen zunächst sogar an, fröhlich zu wirken. Allerdings brach diese Fassade bei Verlesung der vernichtenden Anklagepunkte allmählich zusammen.

Schwarzweißbild von den zwei hintereinander angeordneten Anklagebänken, gefüllt mit Männern in Anzügen. Dahinter stehen Soldaten mit weißen Helmen.

Angeklagt waren im ersten Nürnberger Prozess 21 Nazi-Führer, darunter Reichsmarschall Hermann Göring, Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (alle in der ersten Reihe, von links). DGB/Office of the U.S. Chief of Counsel for the Prosecution of Axis Criminality. 5/2/1945-10/24/1946/Gemeinfrei

Da Adolf Hitler, Propagandaminister Goebbels oder der SS- und Polizeichef Himmler Selbstmord begangen hatten, war Göring der wichtigste Angeklagte. Brandt berichtet den norwegischen Lesern, dass der amerikanische Gefängnispsychiater Douglas M. Kelley den ehemaligen Reichsmarschall als "intelligentesten" Angeklagten bewertete. "Das ist schon eine Überraschung", schreibt Willy Brandt und ergänzt, es sei eine erneute Bestätigung dafür, dass Wahnsinn durchaus einhergehen könne mit gut entwickelten geistigen Fähigkeiten. Nach Brandts Überzeugung ist sich Göring dennoch bewusst, welche Folge die Verbrechen des Nazireichs mit Millionen Toten für ihn haben würde. Der Massenmörder hatte nichts zu verlieren und ging davon aus, dass sein Leben am Galgen enden könnte. „Deshalb kann er es sich leisten, mit Überlegenheit oder sogar Jovialität aufzutreten“, kommentiert Brandt im Arbeiderbladet.

"Es wird lange Zeit dauern, ... die herzzerreißenden Szenen menschlichen Leidens wieder loswerden"

Die 21 Angeklagten im ersten Nürnberger Prozess repräsentierten die oberste Schicht in der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Hierarchie Nazideutschlands. „Alle werden verurteilt“, glaubt Willy Brandt im Dezember 1945 mit Blick auf die Hauptvorwürfe einer Verschwörung gegen Frieden und Menschlichkeit. Auch wenn sich diese frühe Prophezeiung nicht vollständig erfüllen sollte, so ist dennoch seine Bewertung treffend, dass es sich um eine „Allianz des Bösen“ handelt.

Auch die Nürnberger Richter kommen zu dem Ergebnis, dass die Angeklagten verbrecherische Organisationen wie die Reichsregierung, die Wehrmachtsführung sowie SS und SA steuerten. Brandt konstatiert weiter, dass die Verschwörung, mit dem Ziel die Weltherrschaft für Deutschland zu erobern, nachweislich bereits in der Weimarer Republik begann. Sein Vorwurf: Teile der Finanz- und Industrieeliten unterstützten eine extrem nationalistische und kriminelle Bewegung. In den Verhandlungen vor dem Militärtribunal sah der Kriegskorrespondent Brandt nicht nur eine Abrechnung mit verantwortlichen Individuen sondern gleichzeitig mit einem verbrecherischen System.
Der Nürnberger Prozess erwies sich für alle Beteiligten als eine immense Bestandsaufnahme von Nazigräueln vermittelt über Zehntausende von Originaldokumenten, visuellen Beweisen aus den befreiten Konzentrationslagern sowie Zeugenaussagen von überlebenden Opfern. "Es wird lange Zeit dauern, bis diejenigen, die dabei waren den Geruch von Leichen und die herzzerreißenden Szenen menschlichen Leidens wieder loswerden, die Tag für Tag und Woche für Wochen den Gerichtssaal erfüllten", lautet Willy Brandts erschütternde Zusammenfassung.

Jenseits von Emotionen bietet Brandt seinem Lesepublikum aber auch eine klare völkerrechtliche Analyse der welthistorischen Erstaufführung von Nürnberg. In der Vergangenheit konnten Staatsoberhäupter ihr Handeln immer hinter einem "anonymen Staat" verteidigen und dies sei nach seiner Deutung "ein Vermächtnis aus der Ära des Absolutismus", erklärt Brandt in der norwegischen Zeitung. Für ihn lautet die zentrale Botschaft von Nürnberg: „Den Politikern darf nicht mehr erlaubt werden, sich hinter der Souveränität des Staates zu verstecken.“ Als Konsequenz für zukünftige Staatslenker sieht Brandt, dass sie sich bewusst sein müssen nach Angriffskriegen, die Schlinge um den eigenen Hals gelegt zu bekommen.

Schwarzweißbild von mehreren Männern, die hinter einem Tisch sitzen; einer steht und trägt etwas vor, das er von einem Blatt abliest, das er in der Hand hält.

In einer feierlichen Sitzung in Berlin übergaben die Vertreter der verschiedenen Nationen dem Gerichtshof ihre Anklagen zu den Nürnberger Prozessen. DGB/Office of the U.S. Chief of Counsel for the Prosecution of Axis Criminality. 5/2/1945-10/24/1946/Gemeinfrei

Heute steht insbesondere der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag in der Tradition von Nürnberg. Er ist eine anerkannte Institution für 123 Staaten. Dass aber Supermächte wie die USA, Russland und China ihn nicht anerkennen, ist zweifellos mehr als bedauerlich.

Brandt beharrt, dass ein Urteil über die Deutschen zwischen "Verantwortung und Schuld" zu unterscheiden habe

Das Bild Willy Brandts über den Beginn der Aufarbeitung des Nazismus von vor 75 Jahre ist unvollständig ohne die Erwähnung seines im Sommer 1946 in Oslo und Stockholm erschienen Buches ”Forbrytere og andre tyskere” (dt. Titel: "Verbrecher und andere Deutsche"). Seine hervorragende Analyse der sozialen und politischen Lage in Deutschland knapp ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches richtet sich vor allem an ein skandinavisches Publikum. Brandts Ziel war es einerseits, Leser über die Zustände in dem Land zu informieren, das sieben Jahre zuvor einen verheerenden Krieg begonnen hatte. Andererseits ging es ihm um die moralische Bewertung eines ganzen Volkes im Sinne von "Schuld und Verantwortung".

Brandt schreibt in seinem Buch, dass es Hitler und seinen Gefährten gelungen sei, die größte und gefährlichste Verbrecherbande der Welt zu organisieren. Er lässt im Weiteren keinen Zweifel daran aufkommen, dass die oberste Elite des Führers es verdient hatte, hart bestraft zu werden.

Im damaligen antideutschen Klima in Europa ging die Diskussion allerdings darüber hinaus. Im Fokus vieler Beiträge stand der Gedanke einer „kollektiven Schuld" der Deutschen an den brutalen Dimensionen des Nationalsozialismus. Ebenso wie der amerikanische Chefankläger in Nürnberg Robert H. Jackson widerspricht auch Willy Brandt dieser These. „Nicht alle Deutschen gehörten zu dieser Verbrecherbande. Der Deutsche als solcher ist kein Krimineller", schreibt er 1946 für seine schwedisch-norwegische Leserschaft.

Urteil über die Deutschen zwischen "Verantwortung und Schuld"

Gleichzeitig warnt Brandt aber auch vor einer Lüge, durch die Behauptung, ein Teil der Bevölkerung hätte die Folterknechte der Nazis nicht unterstützt. Der spätere Bundeskanzler beharrt darauf, dass ein Urteil über die Deutschen zwischen "Verantwortung und Schuld" zu unterscheiden habe. Die politische Verantwortung ist ihm zufolge, insbesondere mit Blick auf die schwache demokratische Widerstandskraft der Weimarer Republik, breit gefächert. Von Schuld müsse hingegen immer im Zusammenhang mit den Gräueltaten individueller Täter gesprochen werden. Deutsche waren nach Brandts Interpretation in dieser Zeit sowohl Werkzeuge als auch Opfer. „Wo jeder schuldig ist, ist keiner schuldig", schrieb später auch Hannah Arendt.

Brandts Recherchen öffnen auch den Blick auf die Frage nach der Aufnahme des Prozesses in Nürnberg durch die deutsche Bevölkerung. Nach seinen Beobachtungen sei das Beste, was man über die Menschen nach der 12-jährigen Diktatur sagen könne, dass sie sich nicht viel um das Schicksal der beschuldigten Nazi-Führer gekümmert hätten. Das Buch "Verbrecher und andere Deutsche" erschien erst 2007 in deutscher Sprache.

Zu einer Zeit, als halb Europa nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch in Trümmern lag und Millionen von Opfern unter Albträumen litten, öffnete der junge Willy Brandt bereits die Tür zu einer neuen politischen Perspektive jenseits des traditionellen Denkens in Nationalstaaten. "Die Nazis versuchten, Europa zu verdeutschen. Heute geht es darum, Deutschland zu europäisieren", lautet seine Vision im letzten Kapitel des Buches von 1946. Diesem friedenserhaltenden Leitbild blieb er auch Jahrzehnte später als SPD-Vorsitzender und Bundeskanzler treu.


 

Buchumschlag, unten rot, darüber weiß mit Titel und darüber ein Foto vom Nürnberger Prozess.

Dietz Verlag

Willy Brandt: Verbrecher und andere Deutsche. Ein Bericht aus Deutschland 1946. Bearbeitet von Einhart Lorenz. Willy-Brandt-Dokumente, Band 1. 400 Seiten, Dietz Verlag, 26 Euro


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Kurzprofil

Joachim Kasten
Lehrer an der Handelsschule Holstenwall in Hamburg
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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