Deutscher Gewerkschaftsbund

26.01.2021
Podcast

Vom Schweigen und von Schweinebäuchen

Podcast-Dauer: 6 Minuten.
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Während das Jahr turbulent begonnen hat mit Debatten über die Wahl des neuen CDU-Chefs, den neuen US-Präsidenten und Corona-Impfstoffe, von denen es immer noch zu wenig gibt, blickt unsere Kolumnistin Renée Zucker mal recht entspannt auf das Gehen und Stehen in den Straßen großer Städte.

Kolumnentext:

Der Berliner steht und geht gern auf Schweinebäuchen. So nennt man die großen Gehwegplatten aus 600 Millionen Jahre altem Granodiorit auf den großzügigen Trottoirs, die fast alle Stadtteile mit Altbaubestand für ihre flanierenden Bürger bieten. Zum ersten Mal wurden sie hier in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt verlegt und am besten erhalten sind sie in Charlottenburg.

Schweinebauch –, weil die Unterseite des Steins eine grob behauene dicke Wampe hat, die sich wie von selbst in märkischem Sand fixiert. Da liegt, was liegt.

Was gut für die Volksgesundheit sein mag, kann auch nerven

Der Berliner geht gern in der Mitte von Schweinebäuchen und weicht ungern aus, wenn er da mal seinen Lauf hat. Vor Corona hab ich's gern mal drauf ankommen lassen - man muss sich nur rechtzeitig aufbauen. Wie vor Bären empfohlen wird. Nicht schreien und fuchteln, einfach nur ruhig bleiben und sich groß machen. In infektiösen Zeiten verzichte ich allerdings  auf dererlei Kraftspielchen und überlasse die ebene Bürgersteigmitte Männer und Jüngeren. Schon wieder ein Indiz dafür, dass Frauen an Corona verlieren.

Trotz seiner Größe ist Berlin eine Stadt der Fußgänger. In diesen Zeiten verstärkt. So positiv es sich auf die Volksgesundheit auswirken mag – mir gehen die zunehmenden Jogger im Park auf die Nerven. Konnten sich Hundebegleiter bislang darauf verlassen, morgens um 7.00 nur unter Gleichgesinnten und Hardcore-Läufern zu schlendern, rennen nun zu allen Tageszeiten Ungeimpfte eng an einem vorbei und nehmen nicht mal mehr Rücksicht auf schlechtes Wetter. Dies gilt allerdings nun auch für die zweite anwachsende Gruppe: Hundebesitzer.

Shoppingportale haben die Situation sofort erkannt und offerieren im Dreiwochenrhythmus Swarowski-steinbestückte Leinen-Halsbandkombinationen, lustig bemalte Futternäpfe und Körbchen im Designerlook.

Zu viele Fußkranke in dieser Stadt

Die kann man ja dann im Paket mit all den Möpsen und portugiesischen Wasserpudeln bei Ebay-Kleinanzeigen anbieten, wenn Homeoffice vorbei ist. Nicht mal die Maueröffnung konnte den Charlottenburger Kiezalltag derart störend verändern.

Ich bin nicht die einzige, der Veränderungen schwer fallen. In der Netflix-Doku-Serie "Pretend it's a city" von Martin Scorsese - die man nicht wirklich lange gucken kann, weil einem das Stakkato-Geschwätz von Fran Lebowitz spätestens nach 10 Minuten schwer auf die Nerven geht. Es ist wie "Sex and the City" für Ü70, soo Achtziger, aber eine ihrer Beobachtungen machte mich doch betroffen. In der ersten Folge klagt sie darüber, dass die New Yorker das Laufen verlernt hätten und beschreibt, wie alle nur noch auf ihre Telefone starren und nichts mehr um sich herum wahrnehmen, und ich erinnerte mich daran, dass ich doch erst in New York richtig Laufen gelernt habe. Im Affenzahn durch eine Seven-eleven Rush Hour, um Berufstätige, Schlaglöcher, Würstchenkarren, Fake-Rolex-Verkäufer und Bettler herum, ohne anzustoßen - perfektionieren konnte man das nur noch im doppelt so vollen wie geschäftigen Bombay. Berlin hingegen war zu der Zeit eine langsame und nahezu gespenstisch leere, dörfliche Idylle.

Als mich ein Freund besuchte, der schon lange in Italien lebt, war er fassungslos  über die Trampeligkeit hierzulande. Seitdem sehe ich sie auch: Kinder, die niemals rennend einen Bus erwischen können, junge Erwachsene, die nicht wissen, wie man beiläufig und selbstverständlich ausweicht, egal ob man aufs Telefon starrt oder zu mehreren geht, und Männer und Frauen, die viel zu früh fußkrank scheinen.

Da nützen auch die schönsten und breitesten Schweinebäuche nichts.

Lektüretipp: Die Kunst stillzusitzen

Was wir jetzt lesen sollen? Ich habe zum zweiten Mal mit großer Freude "Die Kunst stillzusitzen" von Tim Parks gelesen. Es ist schon 10 Jahre alt und ich war erstaunt, wie frisch es immer noch ist. Der englische Essayist und Romanschriftsteller, der seit über 40 Jahren in Norditalien lebt und an der Universität von Mailand literarische Übersetzung lehrt, erzählt von seiner erfolglosen und teilweise auch tragikomischen Ärzteodyssee wegen chronischer Unterbauchschmerzen. Prostata natürlich, sind sich die diversen Experten einig und haben verschiedenste Operationen im Angebot. Mit mehr oder weniger endgültigen Nebenwirkungen.

Der Patient ist trotz schlimmer Schmerzen nicht überzeugt. Irgendwann landet er in einem Schweige-Retreat für Vipassana-Meditation. Seine Leidensgeschichte ist unterhaltsam und spannend; literarisch, lustig und lehrreich. Nicht nur für Männer.

Ich habe es parallel zu einem völlig chaotisch trunkenen, weltschmerzerfüllten, trotzig aufrechten und von Menschenliebe nur so strotzenden Krimi aus der Chastity Riley-Serie von Simone Buchholz gelesen. Ab jetzt bin ich Fan No. One von ihr. Wahnsinnig schön.

Buchumschlagbild von "Die Kunst stillzusitzen" mit einer Zeichnung eines meditierenden Mannens mit Schlips.

Kunstmann Verlag

Buchumschlag von Simone Buchholz "Hotel Cartagena", auf dem ein Wohnwagen unter einer Autobrücke zu sehen ist.

Suhrkamp Verlag


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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