Deutscher Gewerkschaftsbund

29.06.2022

Amazon: Daten und Pakete

Wegen seines ungebrochen schnellen Wachstums ist Amazons Bedarf an Arbeitskräften und Logistik gewaltig. Das bedeutet für den Versandhändler auch die Kontrolle aller Beteiligten bis zur Zustellung an der Wohnungstür.

Mann klebt Karton in Lager eines Versandhändlers zu

Colourbox

Seitengroß sind die Zeitungsanzeigen, zahlreich die Fernsehspots, in denen Amazon für seine Arbeitsbedingungen wirbt. Zu sehen sind immer Mitarbeiter*innen, die lächelnd von abwechslungsreicher Arbeit berichten, von Karrierechancen, Stolz und Spaß. Im Fachjargon heißt das „Employer-Branding-Kampagne“: Unternehmen versuchen, ein schlechtes Image zu verbessern und damit neue Arbeitskräfte anzuwerben.

Amazon Paketlieferung: Subunternehmen und Soloselbstständige

Nur eines sparen die Berichte der gut gelaunten Menschen aus: die digitale Technik. Tatsächlich kann Amazon ohne sie nicht arbeiten. Das Geschäftsmodell weltweit und auch in den 18 deutschen Logistikzentren, 5 Sortierzentren und mehr als 50 Verteilzentren basiert auf einer Steuerung und Kontrolle der Arbeit durch Vernetzung und künstliche Intelligenz. Das „Amazon Fullfillment Center“, wie das Logistikzentrum intern heißt, ist ein riesiges Lager, in dem Menschen, direkt bei Amazon angestellt, Pakete befüllen. Zudem sind dort viele Leiharbeiter*innen beschäftigt. Die Verteilzentren werden von Amazon Logistics betrieben und bedienen die „letzte Meile“, stellen also die Ware an die Kund*innen zu. Diese Aufgabe übernimmt vor allem ein Netzwerk kleiner Lieferunternehmen, die als Subunternehmen bei Amazon unter Vertrag stehen. Hinzu kommt eine vergleichsweise kleinere Zahl soloselbstständiger Auftragnehmer*innen, die über die App „Amazon Flex“ Lieferaufträge erledigen.

Grafik: Amazons Transport- und Infrastruktur, Belegschaften am Beispiel Erfurt-Stotternheim

Nicht Amazon-Beschäftigte, sondern Subunternehmen erledigen die personalintensive Auslieferung, vielfach unter ausbeuterischen Bedingungen. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Bundesweit arbeiten geschätzt 25.000 Fahrer*innen für die letzte Meile. Große Teile der Belegschaft sind migrantische Beschäftigte, häufig angeworben über Vertragspartner in den jeweiligen Sprachen. Deren Angebote sind attraktiv beschrieben und setzen kaum Deutschkenntnisse voraus. Doch wer nicht gut Deutsch spricht und versteht, weiß meist auch wenig über das deutsche Arbeitsrecht: dass Pausen vorgeschrieben sind, zu welchen Arbeitsschutzmaßnahmen der Arbeitgeber verpflichtet ist und was ein Arbeitsvertrag unbedingt enthalten muss.

Zentral für die Arbeit bei Amazon, egal wo, sind die digitale Überwachung und Kontrolle der Beschäftigten. Ohne die technologischen Hilfsmittel Scanner, App und Kameraüberwachung können Beschäftigte nicht in den Warenlagern oder Lieferzentren arbeiten. Dabei sammeln die Geräte permanent ihre Daten. So ist Amazon jederzeit darüber informiert, wo sich einzelne Angestellte gerade befinden, ob sie sich mit Kolleg*innen unterhalten, ob und wann sie pausieren oder wie viel Zeit sie für die Arbeit benötigen.

Daten: Überwachung und Kontrolle der Beschäftigten

Wer die Vorgaben nicht einhält, also nicht schnell genug ist oder zu lange Pausen macht, wird verwarnt und muss mit einer Kündigung rechnen. Alle Beschäftigten stehen unter ständigem Performancedruck, lückenlos werden das Tempo ihrer Arbeit gemessen und die Leistungen mit anderen verglichen. Die hohe Geschwindigkeit führt in den USA zu deutlich mehr Verletzungen als in anderen Unternehmen der Branche.

Grafik: Zahl der Beschäftigten und Einstiegslöhne pro Stunde bei Amazon in Deutschland

Fortlaufend zahlt Amazon etwa 2 Euro mehr als den Mindeststundenlohn. Personalverknappung kann sich der Konzern nicht leisten. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Auch die soloselbstständigen Kuriere werden ganztägig durch die vorgegebene Route in der App „Flex“ gesteuert. In den USA und mittlerweile auch in Deutschland geht der Konzern noch einen Schritt weiter. Die „Mentor“-App erfasst Arbeitszeiten, das Fahrverhalten und die Nutzung des Telefons. Auf diese Weise wissen Vorgesetzte in Echtzeit, wie schnell Pakete zugestellt werden und treiben die Beschäftigten durch Anrufe und Textnachrichten zu schnellerer Leistung an.

Wer negative Bewertungen durch Kund*innen bekommt oder Pakete verliert, wird ein Fall für Disziplinierungsmaßnahmen und kann für Tage oder Wochen gesperrt werden. In dieser Zeit gibt es auch keinen Lohn. Amazon bereitet auch schon ein neues Kontrollsystem für das Autofahren vor. Das „Driveri“-Kamerasystem mit seinen vier HD-Videokameras, die weltweit an allen eigenen Lieferwagen angebracht werden sollen, registriert fortlaufend das Fahrverhalten – zum Beispiel, wer wie schnell fährt oder bremst. Das soll Unfallzahlen reduzieren, setzt aber zugleich die Fahrer unter Druck, weil sie die engen Zeitvorgaben einhalten müssen. All diese Arbeitsbedingungen können gegen Arbeitszeitgesetze, das Mindestlohngesetz, das Gesetz zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und den Datenschutz verstoßen.

Amazons Marktanteile im Einzelhandel - 53 Prozent am Gesamtonlinehandel im Jahr 2020

Zuerst setzt Amazon auf hohe Marktanteile, dann schnellen die Gewinne durch Preisdruck, Digitalisierung und Roboterisierung in die Höhe. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Gewerkschaften und Datenschutzinitiativen kämpfen bereits seit Langem gegen solche Arbeitsbedingungen, in Deutschland und weltweit. Amazon schränke die Rechte von Beschäftigten und damit auch die Demokratie am Arbeitsplatz ein, kritisieren die Organisationen. In vielen deutschen Amazon-Logistikzentren gibt es zwar Betriebsräte, an einigen Standorten kommt es auch regelmäßig zu Streiks. Allein diese Aktionen haben auch dazu geführt, dass Amazon besser bezahlt. Bisher ist es aber noch nicht gelungen, einen Tarifvertrag abzuschließen, der die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen rechtlich sichert und verankert.

Anstatt Tarifbindung "gute Arbeitsbedingungen" selbst definieren

Amazon ist Mitglied eines Arbeitgeberverbandes, allerdings ohne Tarifbindung, lehnt den Tarifvertrag des Einzelhandels strikt ab und nimmt für sich in Anspruch, die „guten Arbeitsbedingungen“ selbst zu definieren und sich dabei nicht reinreden zu lassen. Noch gibt es nicht genug Gewerkschaftsmitglieder, um einen Haustarifvertrag erzwingen zu können. Amazon streut an einzelnen Standorten immer wieder Falschinformationen über Gewerkschaften und versucht so, eine Mobilisierung zu verhindern. Mit Erfolg, denn nur wenige Beschäftigte haben auch einen unbefristeten Vertrag, der ihnen den Arbeitsplatz sichert, auch wenn sie streiken oder einen Betriebsrat gründen. Besonders in den Verteilzentren können sich die Arbeiter*innen kaum zusammentun, weil diese aus vielen kleinen Subunternehmen bestehen. Wenn es aber keinen gemeinsamen Arbeitsort und keine gemeinsamen Ansprechpersonen gibt, haben es Gewerkschaften besonders schwer, die Beschäftigten zu organisieren und so ihre Interessen zu vertreten.


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Kurzprofil

Tina Morgenroth
Tina Morgenroth arbeitet beim DGB-Bildungswerk Thüringen. Dort ist sie als Koordinatorin für das Projekt Faire Mobilität in Thüringen zuständig und setzt sich für die Rechte ausländischer Beschäftigter aus der EU ein.
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