Deutscher Gewerkschaftsbund

05.02.2021

Kein Job für einen Helden

US-Präsident Franklin D. Roosevelt war kein Revolutionär. Er war ein Problemlöser. Seine Aufgabe war die Rettung des amerikanischen Kapitalismus. Der New Deal wurde nicht dank Roosevelts Heroismus erreicht, sondern weil er das Vertrrauen der Menschen gewann. Das ist nun Joe Bidens Aufgabe.

 

Von Ian Buruma

Joe Biden lächelt in die Kamera, ein Mundwinkel typisch etwas höher als der andere. Er trägt einen blauen Anzug.

Ein alter und anständiger Routinier wie Biden, der genau weiß, wie das politische System in Washington funktioniert, könnte genau der Regierungs- und Staatschef sein, den die USA jetzt brauchen. DGB/jlhervàs/Flickr

Es ist leicht, Joe Biden zu unterschätzen. Von einigen auf der Linken wurde der neue US-Präsident als Parteisoldat, Wendehals und Überbleibsel eines korrupten, kaputten Establishments abgetan. Ein Artikel in der konservativen Zeitschrift National Review trug die Überschrift: "Joe Biden: die personifizierte Mittelmäßigkeit". Verfasst wurde er von dem politisch rechts stehenden Bewunderer "großer Männer" Conrad Black, einem ehemaligen Zeitungsverleger und rechtskräftig verurteilten Betrüger.

Biden ist weder ein brillanter Denker noch ein heroischer Anführer

Biden ist – bislang – kein "großer Mann". Doch kann man jemanden, der vier Jahrzehnte in der Schlangengrube der Washingtoner Politik tätig war und im Alter von 78 Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, nicht ohne Weiteres abtun. Er ist zumindest ein äußerst geschickter Politiker.

Biden ist weder ein brillanter Denker noch ein heroischer Anführer. Er ist auch nicht besonders charismatisch – was nach vier Jahren spektakulärer Misswirtschaft unter Donald Trump erfrischend ist. Falls Biden je eine originelle Idee hatte, hat er das geschickt verborgen. Bei seiner Präsidentschaftskandidatur 1988 schrieb er sogar eine Passage aus einer Rede des britischen Politikers Neil Kinnock ab. Doch zumindest gab Biden dafür nicht seinem Redenschreiber die Schuld, so wie es Trump und seine Frau Melania nach ähnlichen Fehlleistungen taten.

Die Frage ist, ob liberale Demokratien mit brillanten oder heroischen Anführern so gut bedient sind. Derartige Figuren mögen in schwierigen Zeiten besonders wünschenswert scheinen. Doch wie der amerikanische Schriftsteller Gore Vidal einmal geäußert hat: „Große Anführer führen große Kriege.“ Intellektuelle mit großen Ideen können ebenfalls grob falsch liegen. Viele können nicht mit der Kritik derer umgehen, die anderer Meinung sind. Tatsächlich haben sie überhaupt wenig Geduld mit Menschen, die ihnen geistig unterlegen scheinen. Doch erfolgreiche Politiker müssen Dummköpfe tolerieren können. Das gehört zu ihrem Job.

Schwarzweiß-Bild von Franklin D. Roosevelt an einem Schreibtisch, der ein Dokument unterzeichnet. Er ist von mehreren Männern umgeben.

Franklin D. Roosevelt unterzeichnet 1935 den Social Security Act, der bis heute verschiedentlich geändert und erweitert wurde. Auf ihm basiert das Sozialversicherungssystem der USA. DGB/Library of Congress/Gemeinfrei

Menschen mit einer Neigung zur Revolution verachten die liberale Demokratie häufig wegen ihrer vorgeblichen Mittelmäßigkeit. Der verstorbene französische Jurist Jacques Vergès, der Linksterroristen verteidigte, fasste diese Einstellung einmal so zusammen: "Schon seit meiner Kindheit fühlte ich mich zu Größerem … zu der Idee des Schicksals und nicht des Glücks hingezogen. Das Glück hat in Europa durch die Sozialdemokratie an Glanz verloren."

Biden wird es angesichts der polarisierten USA schwerer haben als Roosevelt

Man kann verstehen, was er damit meint. Es ist etwas Mittelmäßiges an Glück, wenn es das Gegenteil dessen darstellt, was die Romantiker Sturm und Drang nannten. Doch steckt das "Streben nach Glück" in Amerikas DNA; Thomas Jefferson hat es in der Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele linke und rechte Revolutionäre die USA verabscheuen.

Natürlich gibt es Zeiten, in denen sogar Demokratien Helden brauchen. Neville Chamberlain, ein nicht übermäßig fantasievoller Konservativer aus dem Mainstream und Mann der Kompromisse, war nicht die Art Regierungschef, die sein Land angesichts Adolf Hitlers 1940 brauchte. In Friedenszeiten war Chamberlain ein effektiver Premierminister, während Winston Churchill als unzuverlässiger Wichtigtuer galt. Doch im Mai 1940, als Großbritannien auf einen Krieg mit Nazi-Deutschland schlecht vorbereitet war, brauchte das Land einen leidenschaftlichen Romantiker wie Churchill, der die Bevölkerung mit seinem heroischen Geist inspirierte.

Derartige Zeiten jedoch sind selten. Unglücklicherweise haben zu viele Nachkriegspräsidenten der USA sich entschieden, Churchill statt Chamberlain nachzueifern, was bisweilen zu törichten Kriegen führte. Dem Streben nach Glück ist selten gut gedient durch Leute, die nach Kriegsruhm und nationalem Glanz trachten. Viel besser dient ihm ein Regierungschef wie Biden.

Doch womöglich durchleben wir gerade einen jener seltenen Momente, in denen Heroik und große Ideen nötig sind. Wie Biden in seiner Antrittsrede sagte, stehen wir gleich mehreren Gefahren gegenüber: einer Pandemie, einer schweren Wirtschaftskrise und einem allgemeinen Mangel an Vertrauen in demokratische Institutionen. Dann ist da noch der steile Aufstieg rechtspopulistischer Demagogen auf mehreren Kontinenten. Und ein erheblicher Anteil der US-Bevölkerung glaubt angesichts eines Sperrfeuers böswilliger Propaganda, das Biden die Wahl "gestohlen" hat.

Paket im Vordergrung, auf dem steht "Foodbank, Fighting Hunger ... Feeding Hope".

Die soziale Lage ist in den USA nicht nur seit der Covid-19-Pandemie sehr schwierig. Präsident Biden hat als eine seiner ersten Maßnahmen, die Versorgung der Armen mit Essensgutscheinen verbessert. DGB/Department of Agriculture/Gemeinfrei

Der neu ins Amt eingeführte Präsident wird manchmal hoffnungsfroh mit Franklin D. Roosevelt verglichen. Viele seiner Anhänger glauben – aus meiner Sicht zu Recht –, dass es Zeit ist für einen überarbeiteten New Deal und für beträchtliche politische Reformen. Zu viel Geld ist in zu wenigen Händen konzentriert. Und zu viel ist in den letzten vier Jahren kaputtgemacht worden – nicht zuletzt die Idee, dass es so etwas wie Wahrheit gibt –, als das vorstellbar wäre, dass die USA einfach wieder zum Status quo ante zurückkehren könnten.

In gewisser Weise wird Bidens Aufgabe schwerer als Roosevelts. Zwar war die Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren schlimmer, aber Roosevelt verfügte über große Mehrheiten im Kongress, und die Republikaner waren keinem gefährlichen Kult verfallen. Der New Deal war eine großartige Leistung. Doch trotz seines quasi-aristokratischen Auftretens war Roosevelt kein brillanter oder heroischer Mann. Wie Biden war er ein geschickter politischer Strippenzieher.

Biden muss das Vertrauen in das politische System wieder herstellen

Und wie Biden war Roosevelt mit Sicherheit kein Revolutionär. Seine Aufgabe war die Rettung des amerikanischen Kapitalismus. Er war ein Wiederinstandsetzer, ein Problemlöser. Der New Deal wurde nicht dank Roosevelts Genie oder Heroismus erreicht, sondern weil genügend viele Menschen ihm glaubten, in gutem Glauben zu handeln.

Genau das erwarten die Leute auch von Biden. Er muss die US-Demokratie vor den Verwüstungen einer politischen Krise retten. Hierzu muss er das Vertrauen in das System wiederherstellen. Er hat versprochen, etwas gegen die Polarisierung im Land zu tun und Anstand und Wahrheit innerhalb des politischen Diskurses wiederherzustellen. Bei diesem Unterfangen könnte sich sein fehlendes Charisma als größte Stärke erweisen. Seinen Mangel an Glanz und Glorie gleicht er aus durch das Gefühl von Anstand, das er vermittelt.

Wird das reichen, um die erforderlichen politischen Veränderungen zu erreichen? Das hängt natürlich nicht von ihm allein ab. All seine großen Initiativen könnten im Sande republikanischer Obstruktionspolitik verlaufen. Doch dürfte er eher Erfolg haben als schillerndere, radikalere Politiker. Ein alter Routinier wie Biden, der weiß, wie das System funktioniert – die Kompromisse, das Schulterklopfen, die Daumenschrauben und die Toleranz gegenüber Dummköpfen –, könnte genau der Regierungschef sein, den die USA jetzt brauchen.

Zumindest sollten wir es hoffen. Bei seinem Einzug ins Oval Office hat Biden die Churchill-Büste, die Trump an so prominenter Stelle hinter seinem Schreibtisch platziert hatte, gleich entfernen lassen. Das ist kein schlechter Start.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Kürzlich erschien von ihm das Buch "The Churchill Complex: The Curse of Being Special, From Winston and FDR to Trump and Brexit".
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