Deutscher Gewerkschaftsbund

21.08.2013

Ich blogge, also bin ich.

Die Debatte darüber, wie das Internet als Megamaschine der Bewusstseinsindustrie unsere Art, Informationen aufzunehmen, verändert oder gar den Journalismus neu erfindet, begann spät. Und wird derzeit dadurch verdrängt, dass die politische Öffentlichkeit Ungeheuerliches registriert: Es gibt auch ein digitales Reich des Bösen, das all die verheißungsvollen Kommunikationsmöglichkeiten missbraucht, um den gläsernen Menschen zu perfektionieren.

„Man versuche, gleichzeitig ein Buch zu lesen und ein Kreuzworträtsel zu lösen – das ist das geistige Milieu des Internets“

Nicolas Carr, Wissenschaftsjournalist, 2010

Im Vergleich dazu war die Kritik an der Volkszählung und der damaligen Datensammelwut vor 30 Jahren nahezu rührend. Immerhin: das Recht auf informationelle Selbstbestimmung resultiert aus diesem politischen Streit. Jetzt geht es um nichts Geringeres als Identitätsraub, Ausspähung von Konsumgewohnheiten bis hin zu sexuellen Vorlieben oder gar vermeintlichen Kontakten mit dem Terrorismus auf dieser Welt. Das zeigt die Janusköpfigkeit auch dieser Technologie. Was technisch möglich ist, wird angewendet, ohne Rücksicht auf Verbraucher- und Datenschutz, oder gar Freundschaften.

Und während die traditionelle Medienlandschaft kräftig durchgepflügt wird, Nachrichtenagenturen verschwinden, Zeitungen sterben oder verkauft werden und kaum ein klassisches Medium bisher den Stein der Weisen im Onlinebereich entdeckte, zerbricht sich die Netzgemeinde den Kopf über den Internet-Journalismus in den Blogs: Journalist sei jeder, der Informationen sammelt, bereitet und veröffentlicht. Mit dieser Erkenntnis wartete der Medienwissenschaftler Stefan Münker auf einer Internet-Tagung auf. Eine Einschätzung, die bei so manchem schlichten Gemüt gewiss eine „Schreibblockade“ auslösen dürfte. Genährt wird diese pseudowissenschaftliche Eingebung wohl auch durch den seit nunmehr vier Jahren anhaltenden Diskurs über das sogenannte Internet-Manifest und seine „17 Behauptungen“, wie es selbstironisch heißt. Dort haben Internet-Aktivisten wie der unvermeidliche Sascha Lobo - gerne auch von den Volksparteien als Kronzeuge in Sachen Internetkompetenz eingeladen - sowie der Bildblogger Stefan Niggemeier (www.Internet-Manifest.de), ihre Vorstellungen von der Neugeburt des Journalismus formuliert. Ein paar Kostproben? „Das Internet verbessert den Journalismus“, heißt es dort; „Suchmaschinen fördern den Qualitätsjournalismus“; „das Internet ist der neue Ort des politischen Diskurses“. Und schließlich: „Das Privileg der Pressefreiheit muss für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann.“

Ob sich da die Blogger-Gemeinde nicht verhebt?

Dabei lesen sich die knapp 400 Kommentare zu dem Manifest im Internet durchaus amüsant, zum Beispiel wenn ein Kritiker die Blogger attackiert und ihnen vorwirft, sie würden ihre „äußerst übersichtliche Gedankenwelt vor dem gelangweilten Brot-und-Spiele-Publikum“ auskübeln. Redaktionell scheint von den Anregungen nicht allzu viel in eine Überarbeitung des Manifests einzufließen.

Dass Journalist ein klassischer Beruf war und ist, der Qualifikationen und Qualitäten erfordert und bei dem Standards wie die Trennung von Kommentar und Nachricht eingehalten werden sollten, scheint kaum eine Rolle zu spielen. Nicht hinterfragt wird auch die Wundertüte Internet, die „weitreichende Auswirkungen auf Schreibstil und Leseverhalten und damit auf die Sprache selbst hat. Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert“, meint Nicolas Carr in seinem brillanten Werk über die Wirkungen und Auswirkungen des Internets („Wer bin ich, wenn ich online bin?“, 2010). Und Frank Schirrmacher (Payback, 2009) setzt noch eins drauf, wenn er anmerkt, Informationen fressen unsere Aufmerksamkeit (Energie) auf; das Problem sei, dass wir niemals wüssten, was uns die Informationen jeweils an Aufmerksamkeit kosteten und ob wir nicht auf Dauer ein Minus-Geschäft machten, das zu Auszehrung, Vergesslichkeit und dem Gefühl allmählicher Verblödung führe.

Es scheint der Blogger-Gemeinde auch weniger um den Homo politicus oder den mündigen Bürger zu gehen als vielmehr um die Chance, sich mitzuteilen und die Welt mit dem Terror der Trivialitäten zu überziehen (warum muss ich bspw. in Blogs erfahren, wenn jemand vergeblich nach neuen Turnschuhen fahndet?). Nach einem zweiten Polgar, Prantl oder Willemsen sucht man im Netz vergeblich. Und die Niggemeiers drohen im Meer der Beliebigkeit unterzugehen.

Der Boulevard triumphiert also auch im Netz - Nabelschau statt Tagesschau. Die ARD/ZDF-Online-Studie belegt das Informationsniveau vieler Blogs: Der Online-Journalismus in den Blogs trug bislang nicht zur Politisierung bei: nur 20 Prozent der Netznutzer sind dort auf Informationssuche, zwei Drittel wollen nur mailen und die eigene Meinung mit Kommentaren loswerden und ein Drittel tummelt sich in sozialen Netzwerken. Die große Zerstreuungsmaschine namens Internet setzt vor allem auf den Fun-Faktor und bespaßt seine Apologeten mit Polittainment.

Professionalität und Handwerk gehören zum Journalismus, schreibt der österreichische Journalist Armin Wolf den Bloggern ins digitale Poesiealbum. Dazu gehört die Recherchekunst, die mehr sein muss als ein Telefonat mit einer x-beliebigen Pressestelle; eine breite Allgemeinbildung, die nicht nur auf Wikipedia-Eintragungen gründen sollte; Hintergrundwissen, das es ermöglicht, Nachrichten einzuschätzen, zu bewerten und einzuordnen (die Funktion des Gatekeeper wird in diesen rasanten Zeiten notwendiger denn je). Manchmal gehört aber auch zum Kontext einer Nachricht/Information zu wissen, ob sich hinter einer politischen Initiative ein Politikwechsel verbirgt. Gibt es historische politische Parallelen oder ist man gar einem Gesetzesverstoß auf der Spur?

Journalisten-Handwerk heißt auch, Informationsquellen genau auszuloten, um keine Desinformationen („Zeitungsenten“) zu produzieren; Präzision, Aktualität, Relevanz der Nachricht vor Schnelligkeit zu setzen; und möglichst keiner Wahlkampfpropaganda auf den Leim zu gehen. Die aktuellen Faktenchecks hierzu im Zeit-Magazin und dem ZDF machen dabei dem Journalismus Ehre, indem sie nicht jede Politikeraussage als unumstößlich hinnehmen, sondern hinter die „Fakten“ schauen. Und dabei auf viel heiße Luft stoßen. Dabei setzen der Zeitungsjournalismus und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem Maßstäbe, an denen sich die Blogger eigentlich messen lassen müssen.


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Kurzprofil

Dieter Pienkny
Geboren 1954 in Berlin-Schöneberg
Pressesprecher beim DGB Bezirk Berlin-Brandenburg
In der C-Jugend linker Verteidiger


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