Deutscher Gewerkschaftsbund

02.05.2022

Widerstand im NS-Staat: Unbekannte Frauenleben

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften durch das NS-Regime am 2. Mai 1933 organisierten Gewerkschafter zahlreiche Widerstandsgruppen. Nur Gewerkschafter? Ein jüngst erschienenes historisches Handbuch beleuchtet Biografien und den Widerstand von Gewerkschaftsfrauen im Nationalsozialismus. Eine Rezension von Gunter Lange.

Bildcollage Nationalsozialisten stürmen Gewerkschaftshaus in Berlin am 2. Mai 1933

Ein neues biografisches Handbuch beschäftigt sich mit den Biografien von Gewerkschaftsfrauen im Widerstand gegen das NS-Regime. Rechts: Männer der SA stürmen das Gewerkschaftshaus in Berlin am 2. Mai 1933. AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung / Metropol Verlag (Bildmontage)

In der Erinnerungskultur der Gewerkschaften ist von Frauen im gewerkschaftlichen Widerstand kaum die Rede. Verdienstvoll ist daher die Publikation von Historikerinnen und Historikern unter dem Titel „Gewerkschafterinnen im NS-Staat“, herausgegeben von Siegfried Mielke. Kurzbiografien über Frauen aus der christlichen, liberalen, sozialdemokratischen und kommunistischen Gewerkschaftsbewegung der Weimarer Republik beleuchten deren Lebenswege, ihre politische Teilhabe und ihr Schicksal. Ein überfälliger und prägnanter Beitrag zur Korrektur des Rollenbildes von der „unpolitischen Frau“.

Gewerkschaftsfrauen im NS-Staat: ausgeprägtes politisches Engagement

Das wichtigste gemeinsame Merkmal dieser Frauen sei ihr ausgeprägtes politisches Engagement, betont Mielke. Und: „Das ist umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Hindernisse und Vorurteile Frauen zu überwinden hatten, um sich politisch zu engagieren. Das gilt in gleicher Weise für ihr gewerkschaftliches Engagement“. In zwei Bänden haben er und die Historikerinnen und Historiker 90 Porträts zusammengetragen, die ein breites Spektrum politischer Motivation und Orientierung, ausgewiesener Gegnerschaft zum NS-Regime und persönliche Schicksale aufzeigen. Markant die Herkunft der Frauen. „Am erstaunlichsten sind die Karrieren der Gewerkschafterinnen, die nach Absolvierung der Volksschule, ohne Lehre, ihr Berufsleben als schlecht bezahlte Fabrikarbeiterinnen oder Haushaltsgehilfinnen begannen, denen dennoch ein zum Teil spektakulärer Aufstieg gelang, indem sie sich autodidaktisch weiterbildeten, zum Teil eine Berufsausbildung nachholten“, schreibt Mielke. Ein Großteil der Gewerkschafterinnen kamen eher aus frauentypischen Berufsfeldern wie Lehrerinnen, Krankenschwestern und Textilarbeiterinnen. Circa ein Drittel der porträtierten Frauen gehörte dem hauptamtlichen Kader der Gewerkschaften an, wenngleich nur sehr wenige in Führungsfunktionen.

Die Autorinnen und Autoren der Einzelporträts zeichnen ein vielseitiges Bild der Widerständlerinnen gegen das NS-Regime. Da ist beispielsweise Grete Sehner, ab 1911 im Zentralverband der Angestellten aktiv und ab 1923 arbeitete sie als Referentin für Sozialpolitik im Werkmeisterverband. Die Sozialdemokratin beteiligte sich an der Widerstandsgruppe um Bernhard Göring und Hans Gottfurcht, bis sie 1937 aufflog. Die Haftzeit hat Sehner gesundheitlich zerstört. Ihr Lebensweg in der Nachkriegszeit verlor sich bis auf einen Ausweis als Opfer des Faschismus, der 1951 für ungültig gestempelt wurde, resümiert Autorin Marion Goers.

Vielfältige Widerstandsbiografien

Aus der christlichen Arbeiterbewegung stammte Elfriede Nebgen. Sie war zunächst als Lehrerin tätig und nach ihrem Studium der Staatswissenschaften Referentin beim Gesamtverband des Christlichen Gewerkschaftsbundes und hatte während der Weimarer Republik weitreichende gewerkschaftliche und parteipolitische Verbindungen aufgebaut. Nach 1933 unterhielt sie Verbindungen zu verschiedenen gewerkschaftlichen Widerstandskreisen um Wilhelm Leuschner, Jakob Kaiser und Max Habermann, versteckte Verfolgte, verhalf einigen zur Flucht, fungierte als Kurierin in verschiedenen Widerstandskreisen – ebenso wie Clara Sahlberg.

Margarete Daene, Verwaltungsangestellte beim Deutschen Metallarbeiterverband, hatte sich dem Widerstandskreis um Alwin Brandes angeschlossen, organisierte Fluchtwege und nach 1937 war sie aktiv am Widerstand in den Berliner Teves-Werken beteiligt, unterstützte Zwangsarbeiterinnen und konnte die Deportation von Jüdinnen verhindern.

Gewerkschafterinnen, die sich während der Weimarer Republik politisch bei der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) der KPD engagiert hatten, beteiligten sich am Widerstand der illegalen Strukturen der RGO, den kommunistischen Widerstandsgruppen. Klara Muth, zu Beginn ihrer Berufstätigkeit Mitglied im Verband der Bekleidungsarbeiter, informierte mit Flugblättern, die sie in Wuppertal und Umgebung vor allem in Betrieben der Textilfabriken verteilte, über Haftbedingungen in KZs und prangerte Arbeitsbedingungen an. Auch versuchte sie, über die RGO-Gruppe hinaus Mitstreiter*innen zu rekrutieren und musste nach der Ermordung ihres Ehemannes in der Haft aus Deutschland emigrieren.

Geflüchtete Gewerkschafterinnen in Exilgruppen aktiv

Aus Deutschland geflüchtete Gewerkschafterinnen engagierten sich in den zahlreichen Exilgruppen der Gewerkschaften, etwa in der Landesgruppe deutscher Gewerkschaften in Großbritannien; Anna Beyer und Herta Gotthelf arbeiteten gar im wichtigsten Organ, dem Arbeitsausschuss mit. Auch dem Landesausschuss deutscher Gewerkschaften in Schweden gehörten zahlreiche Gewerkschafterinnen an.

Buchcover: Gewerkschafterinnen im NS-Staat

Siegfried Mielke (Hrsg.), Gewerkschafterinnen im NS-Staat – Band 2, Metropol Verlag, Berlin, 2022, 555 Seiten, 29,00 Euro Metropol Verlag

Alle in der Dokumentation porträtierten Gewerkschafterinnen hatten 1933 ihre berufliche Stellung verloren und waren Verfolgung mit Hausdurchsuchungen und Verhören durch die Nazis ausgesetzt. Zumindest in der Anfangsphase blieb einigen längere Haftzeit und unmenschliche Behandlung erspart, vermerkt Mielke. „Das NS-Rollenbild der eher unpolitischen Frau trug vermutlich auch dazu bei, dass bei den vier großen Verhaftungswellen Gewerkschafterinnen deutlich seltener als ihre männlichen Kollegen zum Opfer fielen.“

Gewerkschaftsfrauen: Wenig Einfluss in der Nachkriegszeit

Die während der NS-Zeit besonders schwere Strafe, die Einweisung in ein Konzentrationslager, traf 19 Gewerkschafterinnen überwiegend aus dem kommunistischen Widerstand. Zwei Gewerkschafterinnen, Gertrud Hanna und Toni Pfülf, begingen, ihres politischen Engagements beraubt, Selbstmord. Soweit sie die NS-Zeit überlebten, hat sich ein großer Teil der Gewerkschafterinnen, etwa 50 bis 55, im Nachkriegsdeutschland am Wiederaufbau der Gewerkschaftsbewegung beteiligt, und zwar in Ost und West. Aber Frauen waren in der Folgezeit innerhalb der Gewerkschaften unterrepräsentiert. Unter den 487 stimmberechtigten Delegierten auf dem DGB-Gründungskongress waren nur 14 Gewerkschafterinnen. Siegfried Mielke beschreibt, dass ein Teil der zuvor verfolgten Gewerkschafterinnen sich dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) in der DDR zugewandt hatten, aber dort bald an Einfluss verloren.

Mit den 90 Porträts von Gewerkschafterinnen und ihrem Schicksal während des NS-Regimes füllen die Autorinnen und Autoren nunmehr eine bislang arg vernachlässigte Lücke in der Gewerkschaftshistorie. Es ist zumindest ein verdienstvoller Anfang – Fortsetzung erwünscht.


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Kurzprofil

Gunter Lange
Gunter Lange war langjähriger Redakteur von Gewerkschaftspublikationen (Deutsche Angestellten Gewerkschaft und Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) und ist jetzt als freier Autor tätig.
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