Deutscher Gewerkschaftsbund

19.08.2021

Von links kommen, nach rechts gehen

Wer gegen die Corona-Politik der Regierung demonstriert, muss nicht rechts sein. Viele der Protestierenden der letzten Monate halten sich sogar für progressiv. Wie es sich wirklich um diese "Querdenker" verhält, untersucht hintergründig und kundig Andreas Speit in seinem neuen Buch.

 

Von Thomas Gesterkamp

Ein Demonstrant sitzt mit dem Rücken zur Kamera. Auf seinem weißen T-Shirt steht: Das Ende der Pandemie.

Bei den Anti-Corona-Demonstrationen haben sich die Demontranten selten an die Auflagen zum Gesundheitsschutz gehalten. Lange hat es die Polizei weitgehend toleriert. Jetzt endlich verbieten Gerichte die Demos. DGB/7CO/Flickr/CC BY 2.0

Am ersten Augustsonntag hatte "Querdenken 711" eine Demonstration mit 22.000 Teilnehmern in Berlin angemeldet. Der Senat untersagte die Veranstaltung der aus Stuttgart stammenden Initiative wie auch kleinere Kundgebungen zum gleichen Termin. Denn bei früheren Aufmärschen dieser Art waren Auflagen wie die Maskenpflicht regelmäßig ignoriert worden. Trotz gerichtlich bestätigter Verbote gab es erneut Proteste; die Polizei stand einer Menschenmenge gegenüber, die sie keinem eindeutigen politischen Umfeld zuordnen konnte.

Es ist die dritte Lebensreformbewegung in Deutschland

Die selbsternannte "Querdenker-Bewegung" ist ein buntes Mosaik, alles andere als homogen. Die Beteiligten kommen aus verschiedenen politischen Spektren, haben aber untereinander wenig Berührungsängste: Impfgegnerinnen stehen neben AfD-Anhängern, Identitäre demonstrieren mit Anthroposophen, Reichsbürger schwenken die Flagge des deutschen Kaiserreichs, in unmittelbarer Nähe winken Esoterikerinnen mit der Regenbogenfahne.

Unter denen, die das Virus und seine gesundheitlichen Folgen leugnen oder zumindest die staatlichen "Maßnahmen" dagegen für übertrieben halten, sind bürgerlich-alternative Strömungen auffällig präsent. Wer sich für den Schutz der Natur engagiert, vegetarisch isst oder seine Kinder auf eine Waldorfschule schickt, muss nicht, kann aber durchaus anfällig sein für Verschwörungserzählungen und reaktionäres Gedankengut. Der Hamburger Rechtsextremismusforscher Andreas Speit hat dieses Milieu jetzt genauer untersucht.

In Deutschland sei "eine neue Lebensreformbewegung entstanden, es ist die dritte", schreibt der Autor: "Rad statt Auto, vegan statt Fleisch, Öko-Bekleidung statt Billigware, handgemacht statt industriell, regional und saisonal statt global und permanent, Ökostrom statt Atomstrom." Der Klimawandel sorge für ein Gefühl von Dringlichkeit und Endzeitstimmung, die Digitalisierung der Arbeitswelt verstärkt die Sehnsucht nach Langsamkeit und Einfachheit. Die Lebensreformer stellen ihr eigenes Verhalten um, und erwarten auch von der Politik eine Richtungsänderung.

Anders zu konsumieren kostet Geld. Es sei "eine Umkehr für alle, die es sich leisten können", kommentiert Speit. Dem "Gutmenschen-Bashing", wie es das konservative Feuilleton pflegt, will er sich aber keinesfalls anschließen. Er möchte aufzeigen, dass bei der Suche nach ökologisch verträglichen Lösungen, der Hinwendung zur Spiritualität, der Begeisterung für Heilmethoden jenseits der Schulmedizin oder dem Plädoyer für Tierrechte auch "antihumanistische Argumentationen und antiemanzipatorische Ressentiments virulent sind". "Alternativ und rechts", so seine Kernthese, habe eine "lange und nahezu vergessene Tradition".

Eine Spritze liegt neben ein kleinen Glasampulle mit Corona-Impfstoff auf einem gelben Impfausweis.

Was auch immer Querdenker glauben, der einzige wirksame Schutz vor dem gefährlichen Covid19-Virus ist die Impfung. Zum Glück glaubt das weit überwiegende Mehrheit der Menschen. DGB/Dirk Vorderstraße/Flickr/

Verschüttete Denkgebäude aus der Lebensreformbewegung im 19. Jahrhundert tauchen wieder auf. Beeinflusst von der deutschen Romantik wandte sie sich gegen Industrialisierung, Materialismus und Urbanität. Schon damals wurde beklagt, dass der Mensch sich von sich selbst und von der Natur entfremde. Gemeinschaftlich orientierte Siedlungsprojekte entstanden; Reformhäuser, die Vorläufer der heutigen Biomärkte, verkauften gesunde Nahrungsmittel. In die harmlosen Proteste gegen rationale Logik und die Zumutungen der Moderne mischten sich, so Speit, bedenkliche Ideologien von "Antisemitismus bis Antifeminismus".

Alarmierend sind die ideologischen Grundlagen der militanten Tierschutzverbände

In der zweiten Welle der Lebensreform, nach den Studentenprotesten in Westdeutschland und der daraus entstandenen Alternativkultur, gibt es dazu Parallelen - und ähnlich irritierende Untertöne. So waren an der Gründung der grünen Partei im Jahr 1980 an einflussreicher Stelle völkische und nationalkonservative Strömungen beteiligt, erst später verloren diese an Bedeutung. Wie lange solche Traditionen nachwirken können, belegt die Studie "Politische Soziologie der Corona-Proteste" an der Universität Basel, eine der ersten wissenschaftlichen Analysen zum Thema. In (nicht repräsentativen) Umfragen auf der Straße, die durch Online-Erhebungen erhärtet wurden, gaben erstaunliche 23 Prozent der Demonstrierenden an, bei der letzten Bundestagswahl die Grünen gewählt zu haben. 16 Prozent hatten ihr Kreuz bei der Linken gemacht, nur 15 Prozent bei der AfD. Das Forschungsteam charakterisiert die Untersuchungsgruppe als gut ausgebildet, beruflich etabliert und gesellschaftlich integriert. Es handele sich um Menschen, die "von links kommen, aber nach rechts gehen".

Detailliert leuchtet Speits Buch Teilmilieus aus. Er beschreibt die spirituellen Neigungen in der großstädtischen "Bio-Boheme", analysiert die ausgeprägte Impfskepsis unter Frauen und Müttern, die mit der Alternativmedizin sympathisieren und homöopathischen Arzneimittel bevorzugen. Er widmet sich den "Ambivalenzen der Anthroposophie", kritisiert das rückwärts gewandte, von rassistischen Ressentiments geprägte Denken des Begründers Rudolf Steiner – ohne das gesamte Umfeld der Waldorfpädagogik pauschal in eine extreme Ecke zu stellen. Und er berichtet über die "völkische Landnahme" rechter Familien, die in der ostdeutschen Provinz versuchen, ganze Dörfer zu vereinnahmen.

Alarmierend sind die Recherchen zu den ideologischen Grundlagen der militanten Tierschutzverbände. Den Fleischverzehr anprangernde Organisationen wie PETA, Animal Peace oder Anonymous for the Voiceless sind immer wieder durch skandalöse Vergleiche wie "Der Holocaust auf dem Teller" aufgefallen. Attila Hildmann, Verfasser von Bestsellern zur veganen Ernährung und einst "hipper Gesundheitskoch" im Fernsehen, reiht in seinen Posts und Videos mittlerweile eine antisemitische Verschwörungserzählung an die nächste. Als prominente Figur bei den Corona-Protesten ist er am äußersten rechten Rand angekommen.

In einer Botschaft auf seinem Kanal beim Messengerdienst Telegram, den fast 120.000 Menschen abonniert haben, schimpft er: “Es ist eine Plan-Demie, es ist ein Staatsstreich, und der Jude hat uns, der kompletten Menschheit, den Krieg erklärt, er will eine jüdische Weltdiktatur.” Diese Äußerung ist kein Einzelfall, auch wenn sich gemäßigte "Querdenker" inzwischen von Hildmann distanzieren. Die gefährlichen Weltbilder, die mit legitimer Kritik an den staatlichen Pandemie-Maßnahmen verknüpft werden, bergen erhebliches Potenzial für eine weitere Radikalisierung.

 


 

Buchumschlag des besprochenen Buches, reine Textlösung in Rot und Schwarz

Ch. Links Verlag

Andreas Speit: Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus. Christoph Links Verlag, Berlin 2021, 240 Seiten, 18 Euro


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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