Deutscher Gewerkschaftsbund

12.03.2019

Frauen können mehr

Ob Weltfrauentag oder Equal Pay Day - regelmäßig wird zu Recht daran erinnert, dass auch heute noch Frauen benachteiligt werden. Mit immerhin etwas Erfolg. Doch mit Vorurteilen haben Frauen trotzdem reichlich zu kämpfen, auch als Unternehmerinnen, die international agieren wollen.

 

Von Arancha González

Pop-Art-Zeichnung einer Geschäftsfrau am Schreibtisch im Stile von Superwomen, die mit vielen Händen eine Menge Dinge gleichzeitig tut.

Wie effektiv und erfolgreich Frauen auch sind, gerade im Exportgeschäft haben sie mit allerlei Diskriminierungen zu kämpfen. DGB/Pavlo Syvak/123rf.com

Als ich im Jahr 2014 die in Accra ansässige Modedesignerin Chiedza Makonnen zum ersten Mal traf, lagen ihre Verkäufe außerhalb Ghanas auf minimalem Niveau. Heute ist Makonnens Marke Afrodesiac Worldwide jedoch auf den roten Teppichen Hollywoods ebenso vertreten wie auf den Bühnen des Essence Festivals in New Orleans. Weil es Makonnen gelang, den "Exportcode"” zu entschlüsseln, verzeichnet ihr Unternehmen Produktionssteigerungen, eine Verdreifachung der Mitarbeiterzahl und eine enorme Ausweitung seiner Medienpräsenz.

Den Exportcode zu entschlüsseln bedeutet, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass Unternehmen nicht global agieren könnten, wenn sie sich im Besitz von Frauen befinden und von ihnen geführt werden, weil die Einhaltung der für den grenzüberschreitenden Handel erforderlichen Standards zu kompliziert und zu teuer ist. Weithin herrscht die Annahme (obwohl es niemand offen anspricht), dass Unternehmen in weiblichem Besitz mit höherem Risiko behaftet und daher für Anleger weniger attraktiv sind. Doch ebenso wie Frauen vor 50 Jahren ihre BHs verbrannten, um ein Symbol der Unterdrückung zu zerstören, müssen die Frauen von heute die Barrieren beseitigen, die sie daran hindern, in der Weltwirtschaft ungehindert Handel zu treiben.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern wird noch über 100 Jahre bestehen

Freilich geht es heutzutage den Frauen in vielen Ländern besser als ihren Müttern und Großmüttern. Die Frauen verfügen mittlerweile bessere Chancen, weil sie eine verbesserten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung haben. Es bestehen jedoch nach wie vor große Lücken, und angesichts des langsamen und ungleichmäßigen Fortschritts gibt es auch keinen Grund für Selbstzufriedenheit.

Laut Angaben des Weltwirtschaftsforums würde die Überbrückung der Kluft zwischen den Geschlechtern 108 Jahre dauern, wenn der Wandel im aktuellen Tempo voranschreitet; in Afrika südlich der Sahara, wo das Problem am vordringlichsten ist, wären es mindestens 135 Jahre. Die größte geschlechtsspezifische Kluft liegt im Bereich der Wirtschaft - sie zu schließen, würde geschätzte 202 Jahre in Anspruch nehmen.

Mitglieder des Vorstands des Sportartikelherstellers Adidas.

So sieht der Vorstand eines international operierenden Unternehmens aus, hier immerhin cool dargestellt bei Adidas. Die Frau ist fürs Personal zuständig. Adidas

Die geschlechtsspezifische Ungleichheit ist ein wahrhaft globales Problem, das selbst in den Ländern mit dem höchsten Niveau an Geschlechtergleichheit fortbesteht. Dennoch gibt es Lichtblicke, an denen sich andere orientieren können. In Norwegen beispielsweise haben Frauen zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die drei höchsten Regierungspositionen (Ministerpräsidentin, Finanzministerin, Außenministerin) inne. In Ruanda ist das Geschlechterverhältnis bei den Ministerposten völlig ausgewogen und 61 Prozent der Abgeordneten sind Frauen.  Und in Barbados gibt es nun zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Premierministerin.

Leider scheinen Handel und Wirtschaft den Entwicklungen im Bereich Politik hinterherzuhinken. Obwohl in Norwegen 2007 ein bahnbrechendes Gesetz verabschiedet wurde, in dem ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Vorstandsetagen vorgesehen ist, bekleiden Frauen nach wie vor unverhältnismäßig viel weniger Spitzenpositionen im Unternehmensmanagement. Insgesamt sind im öffentlichen und privaten Sektor Norwegens weniger als ein Viertel der leitenden Angestellten Frauen; und im Jahr 2017 standen nur 15 von 213 börsennotierten Unternehmen unter weiblicher Führung.

Die wirtschaftliche Marginalisierung von Frauen ist ein Problem für alle

Der Bloomberg-Gleichstellungsindex des Jahres 2019 zeigt, dass Unternehmen in 36 Ländern mehr tun, um es Frauen zu ermöglichen, in die Vorstandsetagen vorzudringen. Doch die bittere Wahrheit besteht ist: Frauen treten in den meisten Ländern der Welt weiterhin nur an den Rändern der Wirtschaft in Erscheinung.

Die wirtschaftliche Marginalisierung der Frauen stellt ein Problem für alle dar. Angaben der Weltbank zufolge liegt das Lebenseinkommen der Männer im Schnitt mehr als 23.000 Dollar über dem Lebenseinkommen von Frauen. Daraus ergibt sich: Wenn Frauen das gleiche wie Männer verdienten, könnte das Humankapital weltweit um 21,7 Prozent und das Gesamtvermögen um 14 Prozent steigen. Die Einbeziehung der einen Milliarde Frauen, die weltweit immer noch an den Rändern der formellen Wirtschaft stehen, hätte die gleichen Auswirkungen, als würde ein Land von der Größe Chinas Teil der Weltwirtschaft. Wie viele Gleichstellungsaktivistinnen in den letzten Jahren wiederholt feststellten: "Man kann kein Spiel gewinnen, wenn die Hälfte des Teams auf der Bank sitzt."

Eine Gruppe Unternehmerinnen in Kenia.

Unternehmerinnen bei einem Workshop über E-Commerce von SheTrades in Kenia. SheTrades

Das International Trade Center arbeitet daran, dass Frauen sich neben den Männern als gleichberechtigte Akteurinnen auf dem weltweiten wirtschaftlichen Spielfeld etablieren können. Aus Forschungsergebnissen in 25 Ländern geht hervor, dass weltweit nur ein Fünftel der Exportunternehmen im Besitz von Frauen ist, weil sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Mit der SheTrades Initiative des International Trade Center hofft man, drei Millionen Unternehmerinnern mit den weltweiten Märkten zu verbinden. Makonnen ist nur eine von vielen Frauen, die bereits von diesem Programm profitiert haben. Zu den anderen zählen Sonia Mugabo in Ruanda, die von Forbes Africa auf die Liste vielversprechender junger Unternehmerinnen gesetzt wurde, und Anyango Mpinga, die mittlerweile zu den führenden Designerinnen Kenias zählt.

Besonders in der Exportwirtschaft werden Frauen noch diskriminiert

Erfolg im Modedesign ist nicht die einzige Gemeinsamkeit dieser drei Frauen. Bevor sie sich der SheTrades Initiative anschlossen, waren sie alle bei ihren Versuchen, ihre Unternehmen auszubauen, auf geschlechtsspezifische Hindernisse gestoßen. Doch Millionen andere Unternehmerinnen müssen den Export-Code erst noch entschlüsseln. Das wäre ein wichtiger Beitrag, um die Gleichstellung der Geschlechter noch zu unseren Lebzeiten zu erreichen.

Den Frauen die uneingeschränkte Beteiligung am Welthandel zu ermöglichen, ist nicht nur eine moralische Frage. Es ist auch ein wirtschaftliches Gebot, denn florierende Exportsektoren verbessern die Wettbewerbsfähigkeit und schaffen besser bezahlte Arbeitsplätze. Und obwohl es keine Lösung von Zauberhand gibt, zeigen die SheTrades Initiative und ähnliche Programme, dass Lösungen möglich sind. Mit dem Einsatz der richtigen Strategien wird es Männern und Frauen gleichermaßen besser gehen.  

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 


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Kurzprofil

Arancha González
Arancha González ist Ökonomin und seit 2013 Geschäftsführerin des International Trade Center, einer zwischenstaatlichen Organisation von Vereinten Nationen, Welthandelsorganisation (WTO) und der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung.
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