Deutscher Gewerkschaftsbund

16.12.2021

Sklaverei in den USA: Verweigerte Aufarbeitung

Die USA tuen sich schwer, die eigene rassistische Geschichte aufzuarbeiten. Erich Vogt beleuchtet den Stand der Debatte in den Vereinigten Staaten und zeigt, wie wichtig die Rundumerneuerung von Institutionen ist.

Black lives matter USA

pexels/Life Matters

Die Ermordung von George Floyd letzten Sommer in Minneapolis durch einen weißen Polizisten hat das amerikanische Ewigkeitsthema ‚Rassismus‘ und die immer noch unerledigte Aufarbeitung seiner Sklavenvergangenheit, sowie den Umgang mit der amerikanischen Urbevölkerung einmal mehr ins Zentrum der öffentlichen Diskussion gerückt.

Floyds Ermordung machte der Neigung ein Ende, die rassistische Geschichte in der Gegenwart weiterzuleben. Sie  konfrontierte Amerika darüber hinaus mit seiner schöngefärbten Geschichtsschreibung und ist die Aufforderung, sich endlich ernsthaft um Versöhnung und Wiedergutmachung zu bemühen.

Dass die Unterwerfung und Vernichtung der Urbevölkerung eine Folge der Besiedlung durch weiße Europäer war, ist historisch belegt. Ebenso, dass rund 90 Prozent nach dem Erstkontakt mit europäischen Einwanderern ums Leben kamen, wofür als Hauptursache nicht kriegerische Auseinandersetzungen, sondern die von Europäern verbreiteten Infektionskrankheiten verantwortlich gemacht werden. Historiker*innen sind sich jedoch einig, dass der Großteil der kriegerischen Feindseligkeiten völkermordähnliche Züge hatte. Ben Kiernan sieht in seinem Buch Erde und Blut ebenso genozidale Tendenzen wie Stephan Scheuzger, der die  systematische Zerstörung der Ortschaften und Kappung der Lebensmittelversorgung mit einer Strategie der verbrannten Erde vergleicht.

Gleichwohl fällt dem Land die Aufarbeitung, Versöhnung und Wiedergutmachung mit den Nachkommen der Urbevölkerung schwer. Das politische Washington hüllt sich nach wie vor in Schweigen. Alle Augen sind derzeit gerichtet auf Deb Haaland, die erste Innenministerin des Landes mit indigenen Wurzeln. Sie hat zu erkennen gegeben, dass die Vergangenheitsbewältigung mit Blick auf das Schicksal der Urbevölkerung nicht dort stehen bleiben kann, wo sie zur Zeit ist.

Amerika der Weißen

Amerika tut sich auch schwer mit der Aufarbeitung seiner Sklavenvergangenheit. Allzu lange hat das politisch-dominierende Amerika die Sklaverei mit pseudo-theologischen und -naturwissenschaftlichen Thesen und Theorien gerechtfertigt. Dass auch der Oberste Gerichtshof gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Jim-Crow-Gesetzen mit seiner ‚separate but equal‘-Ideologie die Imprimatur der Verfassungskonformität bescheinigte, bestärkte die Befürworter der Rassentrennung in ihrer Sicht, dass Amerika auch nach dem Bürgerkrieg das Amerika der Weißen ist und bleiben soll.

Mit dieser Sichtweise räumte der Oberste Gerichtshofs 1954 auf, als er die Rassentrennung zunächst im Bildungs- und Schulbereich und dann auch in der Wohnungspolitik formal-rechtlich aufhob. Auf die realen Lebensbedingungen hatten diese Urteile jedoch keinen spürbar positiven Einfluß. Die Realeinkommen und Lebensverhältnisse der schwarzen Minderheit hinken weiterhin denen der weißen Mehrheit hinterher. Das Fass der Diskriminierung lief dann mit der Ermordung von George Floyd über.

Massaker von Tusla: Jahrestag als Ermunterung

Der 100. Jahrestag des Massakers an der schwarzen Bevölkerung in Tulsa im Bundesstaat Oklahoma diesen Sommer sollte die Wende bringen. Präsident Joe Biden nahm ihn zum Anlass, die Amerikaner zu ermuntern, die dunklen Seiten des Rassismus aufzuarbeiten. Er erinnerte die Amerikaner daran, dass rassistischer Hass die Gesetze und die Kultur nachhaltig mitgeprägt hätten und dass es höchste Zeit sei, das Schweigen zu brechen. „Einige Ungerechtigkeiten“, so Biden, „seien so abscheulich, daß sie nicht unter den Teppich gekehrt werden könnten, egal wie sehr sich Menschen darum bemühten. Nur mit der Wahrheit kann die Heilung kommen“. 

Im Zuge des Jahrestages wurden erneut Forderungen zur Aufarbeitung der Sklavenvergangenheit und Wiedergutmachung erhoben. Gelder, so die noch drei Überlebenden des Massakers, alle inzwischen über 100 Jahre alt, sollten an die Nachkommen der Opfer sowie in dringend notwendige Projekte im Wohnungs-, Bildungs- und Gesundheitsbereich und in die Errichtung einer Gedenkstätte gehen. Amerika hat offensichtlich Probleme anzuerkennen, dass die Wirtschaft des Landes eine Sklavenwirtschaft war und der Reichtum vor allem mit den Händen von Millionen Sklaven erarbeitet wurde. Nicht nur das Capitol wurde von Sklaven gebaut, auch das Weiße Haus und Oval Office, von dem aus Präsident James K. Polk ohne jede Skrupel weiter Sklaven kaufte und verkaufte.

Sklavenwirtschaft und Reichtum

Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern inzwischen den Beitrag und Einfluß der Sklavenwirtschaft auf den Reichtum des Landes. Vor Beginn des Bürgerkrieges 1860, schreibt der Yale-Geschichtsprofessor David W. Blight, „waren Sklaven der bei weitem bedeutendste finanzielle Eigentumsfaktor in der gesamten amerikanischen Wirtschaft, größer als die gesamte Manufaktur, wertvoller als das landesübergreifende Bahnnetz und alle anderen produktiven Güter“. Und der Harvard-Geschichtsprofessor Walter Johnson kommt zu dem Ergebnis, daß der Verkaufswert der Sklaven andere ökonomische Wertschöpfungsketten erst in Gang setzte, so wie „Zulieferzweige, die auf Basis der Eigentumsrechte an Sklaven gegründet wurden, aber auch Kredite und Versicherungspolicen, die gegen Zinsen und den unzeitgemäßen Tod von Sklaven gewährt bzw. aufgenommen wurden. Amerikas Süden war vor Beginn des Bürgerkrieges reich, reicher als alle anderen Regionen Amerikas. Es gab in dieser Zeit mehr Millionäre in Mississippi als in New York und Chicago“. 

Vor diesem Hintergrund ist die Verweigerung der Aufarbeitung der Sklavenvergangenheit nichts anderes als Ausdruck einer ‘white supremacy’-Gesinnung, einer Kraft so fundamental in Amerika, daß es großen Teilen der weißen Mehrheit schier unmöglich ist, sich das Land ohne diese Kraft vorzustellen. Sie ist zugleich Ausdruck einer Sicht der Geschichte, die die ’white supremacy‘ als Träger des neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftssystems sieht, das nicht in die Hände von farbigen Minderheiten fallen darf.

Mit welcher Konsequenz dieser Teil Amerikas diesen Abwehrkampf bereit ist zu führen, ist alles andere als sicher. Sicher dagegen ist, dass ab einem gewissen Punkt Wahlen angesichts der demographischen Entwicklung nicht mehr zu gewinnen sind, es sei denn, dieser Teil Amerikas ist bereit, die bisherigen demokratischen Spielregeln außer Kraft zu setzen. Die Ereignisse um den 6. Januar 2021 geben einen Vorgeschmack darauf, was das für die weitere Entwicklung des Landes bedeuten könnte.

Wiedergutmachung durch Teilhabe

Ein Kernproblem in der Wiedergutmachungsdebatte ist, dass der Durchschnittsamerikaner diese primär als Aufforderung zur Zahlung eines monetären Beitrages sieht. Sie befürchten, dass auch andere, dem Völkermord und Landraub ausgesetzte Gruppen wie den Nachkommen der Urbevölkerung und Mexikanern, denen Amerika im Krieg das halbe Land genommen hat, Reparationsansprüche stellen könnten. 

Fragen über Fragen, auf die es noch keine verbindlichen Antworten gibt. Aber es gibt Ideen. Der Harvard-Rechtswissenschaftler Charles Ogletree schlägt vor, dass Wiedergutmachungszahlungen nicht an die Nachkommen von Sklaven sondern ähnlich wie die Wiedergutmachungszahlungen, die Deutschland Israel und Namibia gezahlt hat bzw. demnächst zahlen wird, in nationale Wiederaufbauprogramme wie öffentliche Arbeitsbeschaffungs- und Infrastrukturmaßnahmen, umfangreiche Bildungsangebote und -programme sowie in Gesundheits- und Anti-Diskriminierungskampagnen fließen, die dann allen Armen ungeachtet ihrer Hautfarbe und Geschichte zugute kämen. 

Wenn Zahlungen einen breit gefächerten gesellschaftspolitischen Beitrag leisten würden, die sowohl den Nachkommen von Sklaven und der Urbevölkerung, aber auch anderen, verarmten Bevölkerungsgruppen ohne Rücksicht auf deren Hautfarbe zugute kämen, könnten sie darueber hinaus zur Korrektur des landläufig geschönten Geschichtsbildes beitragen.

Für die Betroffenen bedeutet Wiedergutmachung vor allem Erinnerung und Reue für begangene Taten, sowie spirituelle und kulturelle Erneuerung in den Bereichen Bildung und Erziehung, Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht also primär um eine Rundumerneuerung von Institutionen, die allen benachteiligten Gruppen eine reelle Chance geben, in Zukunft mit dem weißen Amerika auf Augenhöhe zu leben. 


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Kurzprofil

Erich Vogt
lehrt Internationale Entwicklungspolitik, Klimawandel und Nachhaltige Entwicklung, derzeit an der Universität Toronto, Kanada
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