Deutscher Gewerkschaftsbund

08.09.2011

Wenn die Fabrik schließt

Frankreich

kinowelt

„Mami hat versucht, sich umzubringen“: France (Karin Viard), die Hauptfigur in Cédric Klapischs dynamischem Film „Mein Stück vom Kuchen“, ist schwer krank: Die Fabrik, der sie die letzten 20 Jahre ihres Lebens gewidmet hat, wurde geschlossen. In Zeiten der Globalisierung wurde das Geschäft aus ihrem Heimatort Dünkirchen nach China verlagert. Wenn überhaupt.

Für den Ort am Ärmelkanal ist dies eine mittlere Katastrophe. Die Menschen habe keine Ahnung, wie sie weitermachen sollen, von gerade mal 2.750 Euro Abfindung ist die Rede. Ob es die aber auch tatsächlich gibt, steht in den Sternen. „Mein Stück vom Kuchen“ ist ein Film, dessen Drehbuch durch die letzten Jahre der Wirtschaftskrise gegangen ist, die für gewisse Berufssparten so gar nicht krisenhaft ist. Regisseur Klapisch rückt das automatenhafte Arbeiten an der Börse in den Blick: Ein Mausklick und Millionen wechseln den Besitzer. Was aber ist mit den realen Arbeitnehmern, die so gar nichts davon haben?

Nicht alle Arbeitnehmer gehen jedenfalls gleich aufs Ganze wie France: Die ist trotz ihrer 42 Jahre immer noch jugendlich impulsiv, weshalb sie für ihren etwas halbherzigen Suizidversuch alle Tabletten zusammengekratzt hat. Da sitzen nun die drei Töchter, echte Teenies, von denen mindestens zwei eine Pubertät an der Grenze zum Borderline-Syndrom durchmachen, am Krankenbett und halten der Mutter die Hand. Alsbald ist die alleinerziehende Mutter auch wieder auf dem Dampfer - dank tatkräftiger Unterstützung: „Wir wollen kein Gemüse als Mutter“, machen die Sprösslinge unmissverständlich klar.

Ein neuer Job muss her, am besten gut bezahlt. Denn dass Menschen anständige Löhne brauchen, das machen ihnen schon ihre Kinder klar: Wer soll sonst die Handy-Rechnung bezahlen? „Bei Betriebsverlagerungen sind sie Einwanderer im eigenen Land“, gibt man ihr beim Arbeitsamt mit auf den Weg. „Ich glaub, ich kriege nichts mehr mit“, konstatiert France - in Vertretung für die Zuschauer. „Den Boom Chinas hätte ich wirklich voraussehen können.“

„France“, das ist ein Vorname, den der Regisseur offensichtlich mit Bedacht für seine Protagonistin gewählt hat. Rassistische Invektive oder eine Tatsache der weltweit vernetzten Ökonomie?

Aber während ihre Kollegen noch die Arbeitersolidarität beschwören, fasst France den Entschluss, nach Paris zu gehen. Dort schult sie bei dem Verwandten eines Freundes ihrer Tochter zur Putzhilfe um. Das Diktum von der ungewollten Migrantin scheint sich anders als gedacht zu bewahrheiten. „Sprechen Sie bitte mit Akzent. Eine inländische Putzfrau kann ich gar nicht vermitteln“, löst der Subunternehmer den Widerspruch auf. Nicht nur dass die migrantischen Arbeitskräfte inländische Vorbilder brauchen. Und „France“, das ist also eine Spitze gegen die schlechte Bezahlung prekär Beschäftigter. Wie dem auch sei: Die Globalisierung ist ganz in France’ Leben angekommen. Dafür liegt die Kollektivmacht in Dünkirchen erstmal bei den Akten.

Alsbald landet die sympathische Kettenraucherin bei Steve (Gilles Lelouche). Der Börsenhai führt eine weitgehend sorgend- und sinnfreie Existenz. Gerade ist er auf dem Weg in die Firmenspitze von Goldman Sachs - oder war’s Merryl Lynch? Was würde sich ändern? Nichts. Steve wacht morgens auf, geweckt von den sanften Tönen seines iPhones. Der erste Blick gilt der Dow-Jones-App.

Damit es was wird mit dem wundersamen Aufstieg, wurde er nach Paris geschickt, um ganz allein eine Anleger-Filiale hochzuziehen. Da sitzt er nun in seiner gewaltigen Wohnung mit Fittnessbude und sechs Bildschirmen. Er hat sich nach einer Putzfrau umgesehen, braucht aber eigentlich ein Mädchen für alles: Bügeln, kehren, spülen, Kind versorgen, Ex abschütteln, Frauen verstehen.

Steve ist das Abziehbild des sorglosen Geldmannes. Die Models fliegt er mal eben nach Venedig, und wenn sie nicht am ersten Tag mit ihm ins Bett gehen, können sie mit dem Zug zurückfahren. France stellt gleich beim ersten Zusammentreffen mit Kleiderstange Tessa (Marine Vacth) fest: „Die ist nichts für Sie.“ Und er natürlich nichts für sie. Das sagt sie nicht. Was sie auch nicht sagt: Irgendwer müsste ihm mal den Hintern versohlen. Steve ist solo und meint, eine Beziehung gehöre irgendwie zu seinem Leben. Mehr meint er nicht.

Steve ist zu allem zu blöd, was nicht mit Aktien zu tun hat. Davon kann man als Arbeitnehmerin durchaus profitieren. „Ich hab mir den Tariflohn für Putzkräfte angeschaut“, sagt er der verdutzten France, als die um ihr Gehalt verhandeln will. „Das geht gar nicht, ich zahle ihnen das Doppelte.“ Hier stehen die Arbeitsverhältnisse auf dem Prüfstand: Es ist Steve nur deshalb egal, was France verdient, weil er innerhalb von zwei Stunden 60.000 Euro verdient. Das mag riskant sein, allerdings lässt der Börsianer keinen Zweifel daran, dass er beim Geschäfte machen weder sich noch andere zu schonen gedenkt.

Mit derselben Schlaksigkeit geht er auch mit seinem Sohn um, der für einen Monat bei ihm campiert. „Sie müssen ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen“, fordert France Steve auf. „Wieso denn ich?“, fragt der zurück. „Sie sollten mal mit zu mir nach Dünkirchen kommen“, rät France. Man sieht: Die beiden kommen sich näher.

Soweit so gut verläuft „Mein Stück vom Kuchen“ wie ein beliebiger Streifen der Marke „Armes Mädchen trifft reichen Typen“. Aber dieser Film ist anders: Die Anreicherung der Geschichte durch allerlei oberflächlichen Slapstick verschleiert immer weniger die darunter liegende tragische Handlung. Das beginnt damit, dass Steve eine dieser Phantasie-Berufsbezeichnungen führt, mit der die Stellenanzeigen zwar voll sind, aber nur wenige Menschen etwas anzufangen wissen. Steve ist eine Figur der vollkommenen Entfremdung, irgendwo angesiedelt zwischen dem markenbewussten „Vice President“-Edelkiller aus Bret Easton Ellis’ mörderischem Roman „American Psycho“ und Strauss-Kahn-Affäre. Er und seine Kollegen haben sich eine lebensferne Welt aufgebaut, die sie, und nur sie, als echtes Leben wahrnehmen. Es ist eine narzisstische Welt.

Passend dazu hört man den Börsenhai in schwachen Momenten jammern: „Sie glauben gar nicht, wie mich das hier alles ankotzt“, lässt er aus dem Liegesessel, die Klassik-Musik noch im Kopfhörer, verlauten. „Sie haben ja keine Ahnung“, klärt France auf. „Alle meine Freunde träumen von so einem Leben.“ Dann gibt’s einen 20-Sekunden-Crashkurs in Börsenarithmetik, den der Zuschauer getrost mit in den Alltag nehmen kann. Der Durchblick macht aus France allerdings auch keinen besseren Menschen. Sie folgt ihrer Laune und landet mit dem Börsenhai im Bett.

Wie man sich bettet, so liegt man: Die Fabrik, in der France gearbeitet hat, hat Steve „plattgemacht“ - spätestens mit dieser Erkenntnis hat sich der Resthumor denn auch gänzlich aus dem Film verflüchtigt. Mit den sich anschließenden Gewalthandlungen spielt der Film gekonnt auf eine Praxis der Managerentführungen an, die französische Arbeitnehmer zuweilen anwenden, wenn die Werkstore für immer geschlossen werden und der Sozialplan nur auf Powerpoint gemalt ist. Allerdings finden die Arbeitslosen in Klapischs Film eine Stelle, die noch mehr weh tut als der Entzug der eigenen Freiheit.

France verdeutlicht dem Börsenmakler damit, dass er sehr verwundbare Stellen hat und sich das rüde Leben auf der Straße nicht ganz vom Hals wird halten können. In einem drastischen Lernprozess für Steve, der so gar nichts aus den Vorgängen lernen will, entlarvt Klapisch den Internet-Kapitalisten als Mercedes-500-Clown, der vor den Dünkirchner Arbeitern zu Fuß über den Strand abhaut. Und hinterher - wird alles wieder so sein wie vorher. Narzissmus, die unheilbare Krankheit.

Kritische Stimmen merken an, „Mein Stück vom Kuchen“ sei in seiner Darstellung und Perspektivlosigkeit doch etwas recht holzschnittartig. Und es stimmt: Mit Sicherheit wurde hier mit dem Hammer gefilmt. Doch offensichtlich war dies in Frankreich die richtige Botschaft: Am Startwochenende im März dieses Jahres lockte Klapischs Film über den Alien von der Börse 370.000 Zuschauer ins Kino: In der Tat spielte er thematisch „ganz oben“ mit: Auf dem zweiten Platz - mit 240.000 Besuchern - lag „World Invasion: Battle Los Angeles“.

 

„Mein Stück vom Kuchen“. F 2011. Regie: Cédric Klapisch. Darsteller: Karin Viard, Gilles Lelouche u.a. Kinostart: 15. September 2011


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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