Deutscher Gewerkschaftsbund

30.09.2021

Der bemerkenswerte Aufstieg des „Normalen“

Bei der Bundestagswahl hat Die Linke schlecht abgeschnitten. Mit der Unterstellung einer angeblichen „Lifestyle“-Orientierung haben Sahra Wagenknecht und andere vor der Wahl immer wieder für Streit gesorgt. Stattdessen wollten sie linke Politik für „normale“ Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Unser Autor Stephan Hebel fragt: „Wer ist damit gemeint?“

Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht

DGB/Ferran Cornellà/Wikimedia Commons Lizenz CC-BY-SA-4.0

Hier ist ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Wie wäre es, wenn der DGB mal ein demoskopisches Institut beauftragen würde, den abhängig Beschäftigten in Deutschland eine einzige Frage zu stellen: „Sind Sie eigentlich normal?“ Zu beantworten am besten mit „ja“, „eher ja“, „Eher nein“ oder „nein“.

Es stimmt, das wäre eine seltsame Idee. Aber sie hat einen Hintergrund, denn das Wort „normal“ erlebt im politischen Diskurs gerade einen bemerkenswerten Aufstieg. So erklärte die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht das katastrophale Abschneiden ihrer Partei noch am Wahlabend so: „Ich denke, das hat etwas damit zu tun, dass die Linke sich in den letzten Jahren immer weiter von dem entfernt hat, wofür sie eigentlich mal gegründet wurde, nämlich als Interessenvertretung für normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für Rentnerinnen und Rentner.“

Wer oder was ist „normal“?

Was könnte das heißen? Wurde die Linkspartei etwa nicht als Interessenvertretung für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegründet? Welche abhängig Beschäftigten schließt Sahra Wagenknecht aus, wenn sie nur die Interessen der „normalen“ vertreten will?

Sicher wäre es unangemessen, der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden irgendeine Nähe zu extrem rechten Positionen zu unterstellen. Aber gerade deshalb sollten sie und ihre erhebliche Gefolgschaft in der Partei sich erinnern, wie der Hauptslogan der AfD im gerade vergangenen Wahlkampf hieß: „Deutschland. Aber normal“.

Bei der AfD läuft das auf die völkische Ideologie einer ethnisch und kulturell homogenen Gesellschaft hinaus, in der die „falsche“ Herkunft oder sexuelle Orientierung zum zumindest symbolischen Ausschluss aus der Volksgemeinschaft der „Normalen“ (weiß, heterosexuell, gebärfreudig und fleißig) führt. Eine solche Ideologie ist, wie gesagt, weder Sahra Wagenknecht zu unterstellen noch denen, die ihr jetzt flügelübergreifend mehr Einfluss in der Linkspartei wünschen – wie zum Beispiel Fraktionschef Dietmar Bartsch und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Und doch hat auch dieser „linke“ Normalitätsbegriff etwas Ausschließendes an sich, das einer konsequent emanzipatorischen Partei nicht würdig wäre.

Varianten der „Lifestyle-Linken“

Es sind Wagenknecht und ihre Anhängerschaft selbst, die den Normalitäts-Diskurs in den Zusammenhang mit den Wahlergebnissen der Rechten stellen. Diejenigen, die von ihrer Partei zur AfD gewechselt sind, seien „Menschen, die sich von der Politik und offenbar auch von meiner Partei im Stich gelassen fühlen und davon ausgehen, dass sie nur noch mit der Wahl der AfD ihren Protest ausdrücken können“, sagte Wagenknecht jetzt in einem Interview mit web.de. Und bei jeder Gelegenheit variiert sie den Vorwurf, ihre Partei laufe den „Lifestyle-Linken“ hinterher oder den „gutsituierten akademischen Fridays-for-Future-Milieus“, statt sich auf soziale Forderungen für „normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ zu konzentrieren.

Es stimmt durchaus, dass die Linke auch bei dieser Wahl Stimmen an die AfD verloren hat, und das als einzige Partei: 110.000 Wählerinnen und Wähler sind von links nach ganz rechts gewandert. Es stimmt auch, dass die selbsternannte „Alternative für Deutschland“ bei Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern sogar besser abgeschnitten hat als im Bundesschnitt. Da kommt auf die große demokratische Mehrheit in den Betrieben auch weiter viel Arbeit zu.

Linke Verluste: 110.000 Menschen zur AfD, 470.000 zu den Grünen

Aber die strategischen Schlussfolgerungen, die da zum Teil gezogen werden, sind durchaus fragwürdig: Wenn es stimmt, dass 110.000 Menschen zur AfD gegangen sind, weil sie sich mit ihrer Unzufriedenheit über niedrige Löhne und Renten bei der Linken nicht wiedergefunden haben – was gilt dann für die 470.000, die statt der Linken diesmal grün gewählt haben? Da dreht das Wagenknecht-Lager seine Argumentation plötzlich um 180 Grad. „Wenn wir versuchen, grüner als die Grünen zu wirken, verprellen wir viele unserer traditionellen Wähler.“ Zur AfD gehen also die Leute wegen zu wenig Protestpartei, aber zu den Grünen wegen zu viel Klima und Lifestyle? Das passt nicht zusammen.

Aber bei der Forderung, die Partei solle sich „an den Problemen und der Sprache normaler Menschen orientieren“, handelt es sich nicht nur um seine strategische Sackgasse, sondern auch um einen grundsätzlichen politischen Missgriff. Da wird ein Widerspruch aufgebaut, der so nicht haltbar ist – gerade auch nicht in einer Partei, die sich als Interessenvertretung der arbeitenden Bevölkerung versteht. Die nämlich ist heutzutage mindestens genauso bunt wie der Rest der Gesellschaft.

Bei Volkswagen arbeiten Menschen mit etwa 100 unterschiedlichen Nationalitäten und mit sicher ebenso vielen kulturellen oder religiösen Orientierungen, dazu mit einer großen Vielfalt an Hautfarben, körperlichen Stärken oder Handicaps und sexuellen Vorlieben. Wer von ihnen ist „normal“ und wer nicht? Würde sie nicht beleidigen, wer behauptete, sie seien nur zum kollektiven Kampf um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu mobilisieren, wenn Themen der „Lifestyle“-Linken unerwähnt bleiben, also zum Beispiel rassistische oder sexistische Diskriminierung? Soll etwa das Thema Flucht und Migration ausgespart werden, wenn es um die Lage des afghanischen Paketboten oder der eritreischen Fahrradkurierin geht? Ist die Letztere auch dann noch „normal“, wenn sie zum Missfallen mancher „normalen Arbeitnehmer“ das N-Wort aus dem Sprachgebrauch streichen will?

Ein Mangel an „Sozialem“ ist nicht zu erkennen

Wer Wagenknechts Plädoyer für die „Normalen“ zuende denkt, stößt auf einen seltsamen Begriff von „links“. Auf eine Strategie, die den Anspruch einer emanzipatorischen Politik und die Forderung nach sozialen Veränderungen eng auf notwendige, aber nicht hinreichende Themen wie Löhne, günstigen Wohnraum, steuerliche Umverteilung oder Transferleistungen begrenzt – und die erwähnten „identitätspolitischen“ Fragen auf die hinteren Plätze verweist. Als wäre nicht beides oft untrennbar miteinander verschränkt.

Die Linke im Wahlkampf

Die Linke im Wahlkampf 2021. Es ging auch um den Kampf gegen den Klimawandel, aber die sozialen Themen standen laut und deutlich im Vordergrund. Flickr/Die Linke/Martin Heinlein Lizenz CC BY 2.0

Es kommt hinzu, dass diese Strategie auf einer zumindest zweifelhaften Realitätswahrnehmung beruht. Die Linke solle künftig „soziale Fragen konsequent in den Mittelpunkt stellen“, fordert Sahra Wagenknecht. Was, bitte, hat die Partei denn getan? Ihr Zehn-Punkte-Programm zur Wahl begann mit dem Thema Arbeit, gefolgt von Steuern und an dritter, nicht etwa erster Stelle dem Klima. Danach Gesundheit und Pflege, Wohnen, Renten, Abrüstung, Grundsicherung – und dann, an neunter von zehn Stellen, die Absage an „Diskriminierung und Rassismus“. Das soll die Partei sein, die mit „normalen“ arbeitenden Menschen nichts oder zu wenig am Hut hat? Das Programm mag schlecht präsentiert worden sein, aber ein Mangel an „Sozialem“ ist wirklich nicht zu erkennen.

Streit, der die eigentliche Programmatik übertönt

Die Kritikerinnen und Kritiker des bisherigen Kurses sollten sich einmal fragen, ob die Niederlage der Linken nicht einen ganz anderen Grund hat: Mit der Unterstellung einer angeblichen „Lifestyle“-Orientierung haben Wagenknecht und andere immer wieder für Streit gesorgt, der die eigentliche Programmatik übertönte. Mit der Idee, der eigenen Partei durch eine Wiederholung dieses Fehlers auf die Beine zu helfen, werden sie die „normalen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ sicher nicht überzeugen.


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Kurzprofil

Stephan Hebel
Stephan Hebel ist seit fast drei Jahrzehnten Leitartikler und Kommentator. Er schreibt unter anderem auch für die Frankfurter Rundschau, das Deutschlandradio und den Freitag.
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