Deutscher Gewerkschaftsbund

09.03.2020

Der Virus als Waffe

Manche Rechtspopulisten benutzen die Corona-Krise, um Hass zu schüren. Das könnte tödliche Folgen haben, wie wir aus der Geschichte wissen. Um die Corona-Pandemie zu wirkungsvoll zu bekämpfen, müssen wir auf Vernunft und die Wissenschaft setzen. Keine einfache Sache in diesen Zeiten.

 

Von Ian Buruma

Ein fast leerer Canal Grande in Venedig während der Corona-Krise.

Italiens Regierung hat große Teile des Nordens zur Sperrzone erklärt, darunter die Lombardei mit dem Finanzplatz Mailand sowie die Provinz Venedig. So leer sieht man den Canal Grande selten. DGB/dah

Im September 1923 verwüstete das "Große Kanto-Erdbeben" weite Teile von Tokio, vor allem weil es Feuerstürme in der Stadt auslöste. Gerüchte ‒ die oft in populären Zeitungen wiederholt wurden ‒ machten die Runde, in denen behauptet wurde, die Koreaner, eine verachtete und arme Minderheit, wollten die Katastrophe ausnutzen und eine gewalttätige Rebellion anzetteln. Japanische Bürgerwehren bewaffneten sich mit Schwertern, Bambusspeeren und sogar Gewehren und griffen dann jeden an, der koreanisch klang oder aussah. Bis zu 6.000 Menschen wurden ermordet, während die Polizei zuschaute und manchmal auch mitmachte.

Irrationale Gewalt entsteht oft aus Panik - auch in einer Gesundheitskrise

Dabei handelt es sich nicht um ein Phänomen, das auf Japan beschränkt ist. Mobs, die missliebige Minderheiten massakrieren, sind nach wie vor nur allzu häufig anzutreffen. Als Hindus vor kurzem in Delhi anfingen, Muslime zu ermorden, war die indische Polizei ebenso passiv und schuldig wie die japanischen Behörden 1923. Man muss nicht weit in die europäische oder amerikanische Geschichte zurückgehen, um ähnliche oder noch schlimmere Fälle von Lynchjustiz und Massenmord zu finden.

Irrationale Gewalt entsteht oft aus Panik. Und Panik kann leicht während einer Gesundheitskrise oder nach einer Naturkatastrophe entstehen. Der Mangel an wahrheitsgetreuer öffentlicher Information kann Verschwörungstheorien nach sich ziehen, die tödlich enden, wenn sie von Politikern oder den Medien vorsätzlich geschürt werden.

Im Japan des Jahres 1923 forderte das Innenministerium Polizisten auf, sie sollten nach Koreanern Ausschau halten, die nach Unruhestiftern aussehen. In Delhi stachelte ein Lokalpolitiker der regierenden Bharatiya Janata-Partei, Kapil Mishra, die Menschen zu Gewalt an, indem er ankündigte, er werde eine friedliche muslimische Demonstration selbst beenden, wenn die Polizei nicht vorher hart durchgreift.

Donald Trump sitzt links an einem kleinen Tisch und unterzeichnet ein Dokument. Ihm gegenüber stehen etwa 20 Fotografen und ein paar Kameraleute und nehmen die Szene auf.

US-Präsident Donalt Trump wollte nur 2,5 Milliarden Dollar, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Der Kongress beschloss 8 Milliarden. Nun lobt sich Trump für die Maßnahmen, obwohl er früher das Budget der US-Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit radikal gekürzt hatte. DGB/Weißes Haus/Tia Dufour/Gemeinfrei

Könnte die gegenwärtige Panik angesichts des neuen Coronavirus Covid-19 ähnliche Folgen haben? Glücklicherweise hat es bisher keine Massaker gegeben. Aber das Verhalten einiger Politiker war, gelinde gesagt, bestürzend. In Italien behauptete der rechtsextreme Oppositionsführer Matteo Salvini, Migranten stellten als Träger des Virus eine Bedrohung für das Land dar, und kritisierte die Regierung für die Rettung einer Reihe afrikanischer Flüchtlinge. Rechtsnationalisten in Griechenland fordern Konzentrationslager für Flüchtlinge, um die Bevölkerung vor einer Ansteckung zu schützen.

Trump Jr. hält die Corona-Pandemie für eine Verschwörung gegen seinen Vater

Und dann ist da noch US-Präsident Donald Trump. Seine Hauptsorge besteht darin, dass die Panik über Covid-19 den Aktienmärkten schadet. Also warf er als erstes seinen politischen Gegnern vor, die Epidemie zu "politisieren". Dies ist eindeutig nicht der beste Weg, um die Öffentlichkeit angemessen zu informieren, und es ist eine solide Grundlage für Verschwörungstheorien. Trumps Sohn Donald Junior ging noch weiter und verkündete, dass die Demokraten hofften, die Krankheit würde Millionen von Menschen töten, nur um seinen Vater zu Fall zu bringen. Tom Cotton, ein republikanischer US-Senator aus Arkansas und ein möglicher zukünftiger Präsidentschaftskandidat, wiederholte die als falsch entlarvte Verschwörungstheorie, die chinesische Regierung habe Covid-19 als Biowaffe hergestellt.

Wenn derlei Absurditäten für allzu große Empörung in der Öffentlichkeit sorgen, werden sie manchmal ein wenig abgemildert. Doch dann ist es zu spät, weil der Schaden schon angerichtet ist. Ein Freund beobachtete letzte Woche in New York, wie ein großer weißer Mann zwei asiatisch aussehende Frauen ansprach und ihnen sagte, er hoffe, dass das Coronavirus sie töten werde, „so wie wir es mit eurem Volk in Hiroshima gemacht haben“.

3-D-Animation des Corona-Virus, der in rot erstrahlt mit gelbem Rand. Auf der Obefläche scheinen lauter Hütchen zu stehen.

Seit bald einem viertel Jahr verbreitet sich der Corona-Virus über die Erde. Vielfach sind die Gegenmaßnahmen unzureichend oder es machen wirre Theorien die Runde, die eine Verschwörung hinter der Krankheit vermuten. DGB/Kateryna Kon/123rf.com

Dieser Mann war eindeutig durch den Wind. Man würde hoffen, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten weißen amerikanischen Männer, über ein solches Verhalten entsetzt wären. Das Problem ist, dass sich nun Menschen frei fühlen, Dinge zu sagen und zu tun, die sie normalerweise nicht tun oder sagen würden. Schließlich verbreiten bekannte Senatoren und andere hohe Amtsträger ja auch böswillige Verschwörungstheorien. Es braucht nicht viele verstörte Menschen, um einen gewalttätigen Mob zu bilden.

Um Covid-19 zu bekämpfen, braucht es Wissenschaft, nicht Gebete

Deshalb ist es falsch, Menschen, die im Namen einer rassischen, politischen oder religiösen Ideologie andere Menschen in Tötungsabsicht angreifen, einfach als verrückte Einzelgänger abzutun. Figuren wie Anders Breivik mögen allein gehandelt haben. Doch er hat 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordet in seinem Krieg zur Rettung des Westens vor Marxisten, Multikulturalisten und Muslimen. Menschen, die Verschwörungstheorien verbreiten, entfachen die Wut solcher Mörder. Sie tragen zumindest eine Mitverantwortung für solche Taten. Dasselbe gilt für muslimische Extremisten, die einen heiligen Krieg gegen böse Ungläubige fordern, oder für Politiker, die behaupten, dass Flüchtlinge, die schreckliche krank sind, ihre Länder bedrohen.

Covid-19 ist eine Bedrohung. So wie alle Krankheiten, die zu Pandemien führen können. Und doch hat Trump versucht, das Budget für die US-Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit (Centers for Disease Control and Prevention) zu kürzen und hat die für die Pandemiebekämpfung zuständigen Teams des Nationalen Sicherheitsrates aufgelöst und nicht ersetzt. Der Präsident und seine Unterstützer haben kein Vertrauen in Experten, und der Mann, der den Kampf gegen das Coronavirus anführen soll, Vizepräsident Mike Pence, steht der Wissenschaft skeptisch gegenüber.

Um eine Krankheit einzudämmen, die die Welt bedroht ist allerdings die Wissenschaft gefragt und nicht das Gebet. Es ist weder menschlich, hohe Mauern zu errichten oder Menschen in Konzentrationslager einzusperren, noch eine wirksame Lösung. Und die Krise zu benutzen, um Hass zu schüren, könnte tödliche Folgen haben. Was wir brauchen sind Sachverstand, internationale Zusammenarbeit und politische Führungsköpfe, die sich in ihren Äußerungen bemühen, der Bevölkerung die Sorgen zu nehmen. Leider erleben wir in zu vielen Teilen der Welt genau das Gegenteil.


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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