Deutscher Gewerkschaftsbund

05.08.2013

Robert Misik erklärt uns die Finanzkrise

Seit über fünf Jahren beschäftigt der Finanzsektor die europäische Öffentlichkeit und Politik und stellt beide vor kniffelige Aufgaben. Die großen Wellen der Problematisierung sind allerdings abgeebbt. Vielmehr ist die Euro- oder Finanzkrise hier in Europa unsere stetige Begleiterin geworden. 

Wir lernen mit ihr zu leben, ähnlich einer chronischen Krankheit, gegen die Maßnahmen ergriffen wurden, die von Experten und Beteiligten sehr kontrovers eingeschätzt werden.

Mit „Erklär mir die Finanzkrise“ geht ein weiteres Buch an den Start, das der Welt Aufhellung über das Werden und mutmaßliche Vergehen der aktuellen Krise des Finanzsystems verspricht. Es basiert auf einer Vortragsreihe, die der Autor an der Volkshochschule Ottakring/Wien gehalten hat. Entsprechend richtet sich das Buch an Leserinnen und Leser ohne abgeschlossenes Wirtschaftsstudium oder andere Fachexpertise, sondern an Interessenten, die manch komplexe Zusammenhänge besser verstehen wollen. Den geneigten LeserInnen soll das „Ohnmachtsgefühl weich[en]“ und sie sollen befähigt werden, sich selbst ein Bild zu machen, wie Misik immer wieder herausstellt.

Erhell mir die Krise

Der Grundstein jeder Partizipationsmöglichkeit ist es, an den Gesprächen „der da oben“ teilnehmen zu können und zu wissen, worüber sie sprechen. Dieses Rüstzeug gibt Robert Misik im ersten Kapitel seines Buches den LeserInnen mit auf den Weg. Neben den ökonomischen Grundbegriffen gibt es Erhellung über bildhafte Phrasen wie „faule Papiere und Spekulationsblasen“ – leider zum Teil ohne sie wirklich zu benennen – sowie die Erkenntnis, dass die Idee des Marktes im Grunde der Gesellschaft zugute kommt, aber manchmal, zum Beispiel auf Finanz- und Immobilienmärkten, dann auch eher nicht.

Nachdem sich die Finanzmärkte scheinbar schon längst wieder beruhigt haben, ist Europa weiter am Brodeln und Bangen. Aber warum? Nachdem Misik nochmal seine Lanze für die Marktwirtschaft und auch das im BIP gemessene Wirtschaftswachstum bricht, kommen die nationalen Zentralbanken ins Spiel. Sie sollten üblicherweise in solchen Krisenzeiten eingreifen, sind aber faktisch machtlos, weil es keine nationalen Währungen mehr gibt. Die Europäische Zentralbank ist jedoch nicht viel weniger handlungsunfähig, weil Europa keine gemeinsame Finanzpolitik betreibt. Eine gemeinsame Währung ohne hinreichend mächtige Zentralbank und zudem noch Standortkonkurrenz können nicht funktionieren und haben die Europäische Union in zwei Krisen, eine realwirtschaftliche Krise und eben die benannte Staatsschuldenkrise, geführt. Beide hängen unmittelbar zusammen und ziehen Europa in einer Art ökonomischen Strudel nach unten. Austeritätspolitik erscheint nach Misiks eingängigen Erörterungen als das ungeeignetste Mittel dagegen.

Krise? Hol mich hier raus!

Was denn aber das geeignete Mittel zur nachhaltigen Überwindung der Krise sei und worin die Ursachen, die es anzugehen gilt, in ihrem tieferen Kern bestehen, darüber herrscht wenig Einigkeit. Die einen halten Schulden, Zinsen oder das Geld an sich für das Übel. Die anderen meinen es müsse mehr (Markt)Freiheit geben, denn der Mensch sei von Natur aus rational genug und der beste Weg würde sich von allein einstellen. Weder das eine, noch das andere sind jedoch als monokausale Ursache zu sehen und eben so wenig würde mehr Freiheit die Situation verbessern. Daneben entfaltet Misik recht anschaulich, welche Vorteile Schulden - oder positiver formuliert, die Möglichkeit sich Geld zu leihen - bietet, wie das Geldsystem angelegt ist und dass es in einer Schuldenkrise kaum zu Inflation kommen kann und dass Zinsen ja nichts anderes als Geldverdienst durch Geldverleih sind. Gegen die „Mehr-Markt und Weniger-Staat-Logik“, die bereits in den ersten Kapiteln als Ideologie dekonstruiert wird, legt er nochmal nach und zeigt die Absurdität von Rational Choice (Eigennutz-Theorem) auf und stellt dem die Sinnhaftigkeit von staatlichen Eingriffen im Finanzsektor und auf dem Arbeitsmarkt gegenüber. Warum Misik jedoch die verschiedenen Sichten auf das Wirtschaftssystem als Mythen und Ideologien verbannt, bleibt fraglich und wirkt eher populistisch als einladend. Ideologievorwürfe sind Totschlagargumente, die jede Seite für sich beansprucht.

Und weil zum einen nur Meckern auch nicht hilft und zum anderen der Titel des Buches bereits eine Lösung verspricht, gibt es selbstredend gute Ratschläge, was anders werden muss, um aus dem Schlamassel raus zu kommen und wieder einen guten Kapitalismus auf den Weg zu bringen. Es scheint vernünftig, nicht die Revolution aus zu rufen, sondern mit augenscheinlich realisierbaren kleinen Brötchen das Geschäft zu starten – die SPD hat es schließlich vorgemacht. Bei den Lösungsvorschlägen stößt man auf Altbekanntes, wie die Regulierung des Finanzsektors sowie mäßiges Wachstum, um Schulden abzubauen. Daneben muss natürlich auch ein Mittelmaß in der Verteilung gefunden werden und möglichst viele Menschen müssen in Lohn und Brot kommen, das ist gut für die Individuen und gut für die Gesellschaft. Ein wichtiger Aspekt, will man die Wirtschaft sozialer und gerechter gestalten ist es sicher auch, mehr in Gemeingüter zu investieren.

Nach der Krise ist vor der….

Welche Rolle genau ich oder Sie dann einnehmen, im Weg aus der Krise, bleibt jedoch unklar und bei den Ursachen einer Krise, die nach Misiks Ausführungen nur von einem winzigen Bruchteil der Menschheit ausgelöst wurden – nämlich denen, die politische Entscheidungen treffen und denen, die auf Finanzmärkten aktiv agieren - vom „Wir“ zu sprechen, schießt sehr am Ziel vorbei. Natürlich kann man Ursachen und Lösungen auch auf der individuellen Ebene jedes Menschen suchen, dazu setzt Misik aber aufs falsche Pferd: Ich habe weder faule Kredite verkauft noch in irgendeiner anderen Art und Weise den „Ganovenkapitalismus“ geschaffen und ich sehe darum auch keinen Grund, die Finanzmärkte persönlich wieder ins Lot zu bringen. Wenn ich, wie es zum Beispiel ein wirtschaftsdemokratisches Modell ermöglichen würde, tatsächlich mehr als nur Konsumentscheidungen treffen könnte, dann kann ich mitverantwortlich sein für eine Krise. Wenn aber ein Gesellschaftssystem dazu führt, dass Entscheidungen nur in elitären Zirkeln und noch nicht mal in demokratisch legitimierten Kreisen beschlossen werden, dann müssen Entscheidungen, die die Gesellschaft berühren zunächst mal wieder in den demokratischen Raum zurück geholt werden. Die Frage nach den gesellschaftlichen Kräften, die seine Ideen umsetzen sollen, lässt Misik mehr als offen und fragwürdig stehen.

Zusammenfassend ist das Buch insofern lesenswert, als dass es ein paar grundlegende Zusammenhänge und Sichtweisen der Ökonomie wirklich sehr verständlich darlegt und die Leserin befähigt, wenn nicht mit zu diskutieren, so doch einige Fragezeichen weniger in den Augen zu haben, wenn es um „die Krise“ geht und beim nächsten Stammtischgespräch mit recht fundiertem Wissen zu glänzen. Die schlanke Zahl von gut 150 Seiten ist ein weiterer Motivationsfaktor, trotz fehlendem Verve, sich das Buch zu Gemüte zu führen und sich selbst ein Bild zu machen. Dem Titel wird der Inhalt des Buches durchaus gerecht, beim Untertitel werden sich die Geister scheiden, denn dazu gibt es zum Glück sehr verschiedene Weltsichten: Man kann die Krise als Punkt sehen, den Kapitalismus mal wieder in Schranken zu weisen und Europa zu retten oder man sieht sie als Zeitfenster, einen gesellschaftlichen Wandel und eine neue Wirtschaftsordnung an zu stoßen. Ersteres scheint zwar vernünftiger und schneller gemacht, seine globale Nachhaltigkeit ist jedoch offenkundig fragwürdig.

 

Misik, Robert, Erklär mir die Finanzkrise. Wie wir da reingerieten und wie wir wieder raus kommen, Wien, Picus 2013.  14,90€.


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Kurzprofil

Dorothea Forch
Geboren 1983, M.A. Gesellschaftstheorie, B.A.
Politikwissenschaften, Jena. Zur Zeit freie Autorin und Trainerin in der politischen Bildungsarbeit.

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