Deutscher Gewerkschaftsbund

06.08.2019

Mädchen und Technik

Frauen und Mädchen können über ihr Leben erst richtig entscheiden, wenn sie gut informiert sind. Dazu fehlen ihnen in vielen Ländern Afrikas und Asiens die Möglichkeiten. Ein weit unterschätztes Hilfsmittel für ihre Emanzipation ist das Smartphone.

 

Von Jessica Posner Odede

Zwei Männer und zwei Frauen in indischen Gewändern sitzen auf einer Bank und blicken entweder auf ein Smartphone oder ein Tablet.

So sollte es sein: Junge Frauen und Männer haben gleichberechtigt Zugang zu Mobiltechnogie. Doch so ist es in vielen Ländern Asiens und Afrikas längst nicht. DGB/Rawpixel/123rf.com

Heute leben 1,4 Milliarden Mädchen und Frauen in Ländern, die bei der Gleichberechtigung der Geschlechter versagen. Und das gilt in allen Bereichen von der Ausbildung über angemessene Arbeitsmöglichkeiten bis hin zu Gesundheit und Gewalt. Ein immens effektiver Weg, Frauen und Mädchen mehr Möglichkeiten zu geben, wird hier viel zu oft vernachlässigt: der sichere und zuverlässige Zugang zu Mobiltelefonen und zum Internet.

Die globale Handelsvereinigung für Mobilanbieter schätzt, dass gut fünf Milliarden Menschen über Mobilgeräte verfügen. Mehr als die Hälfte davon sind Smartphones. Doch die rapide Verbreitung der Mobiltechnologie findet nicht gleichberechtigt statt. In Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen besitzen mittlerweile heute zwar 250 Millionen mehr Frauen als noch vor fünf Jahren Mobiltelefone, aber sie haben immer noch 184 Millionen weniger Geräte als Männer. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen das mobile Internet nutzen, ist 26 Prozent geringer als bei Männern.

Mädchen sind oft findig, um Zugang zu Smartphones zu bekommen

Auch bei jungen Menschen, die mehr Mobiltelefone besitzen als ihre älteren Mitbürger, gibt es immer noch geschlechtsspezifische Unterschiede: Laut einer Studie von Girl Effect aus dem Jahr 2018 besitzen Jungen mit einer 1,5-mal so oft ein Telefon wie Mädchen.

Eigentum ist allerdings noch nicht dasselbe wie Zugang. Unsere Forschungen haben ergeben, dass Mädchen oft geschickte Wege finden, um an Mobilgeräte zu kommen. Über die Hälfte der Mädchen, die wir in Ländern wie Indien, Malawi und Tansania befragt haben, leihen sich regelmäßig Mobiltelefone von ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden aus. Einige von ihnen teilen auch SIM-Karten und Geräte.

Eine Eisenbahnstrecke führt mitten durch das Slum Kibera in Nairobi, Kenia. Menschen flanieren dort zwischen Marktständen für Kleidung rechts und links der Gleise.

In Slums wie Kibera in Nairobi (Kenia) sind Programme besonders wichtig, die Mädchen und Frauen Zugang zu Smartphones ermöglichen. DGB/John Wollwerth/123rf.com

Angesichts der enormen Vorteile eines Zugangs zum Internet sind dies gute Nachrichten. Ein Beispiel verdeutlicht das: Ein 14 Jahre altes Mädchen im ländlichen Raum von Bangladesch, das nie etwas über ihre Pubertät gelernt hat, schämt sich so über ihre körperlichen Veränderungen, dass sie sich zu weigern droht, in die Schule zu gehen. Aber während der zwei Stunden in der Woche, die sie sich das Smartphone ihres Bruders ausleiht, kann sie sich über Menstruation und Schwangerschaft informieren. Sie setzt sich mit einer lokalen Gesundheitseinrichtung in Verbindung, um eine persönliche Beratung und Behandlung zu vereinbaren. Mit anderen Worten: ein mobiler Zugang verschafft ihr das Wissen und das Vertrauen, das sie braucht, um ihre Gesundheit und ihre Zukunft zu schützen.

Jungen kennen mehr Funktionen ihrer Telefone als Mädchen

Zugang zu Mobiltelefonen ist kein Selbstzweck. Es ist ein Weg zur Gleichberechtigung – und dies nicht nur durch Wissen, sondern auch durch Verbindungen. Heute sind Mobilgeräte Kanäle für die Nachfrage nach grundlegenden Dienstleistungen, beispielsweise in den Bereichen von Gesundheit und Finanzen. Ein umfassender und gleichberechtigter Mobilzugang ist daher eine mächtige, leicht skalierbare Methode, um allen Menschen zu helfen. So können sie informierte Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen – von der Gesundheit über die Ausbildung bis hin zur Arbeitssuche.

Frauen und Mädchen online gehen zu lassen – ob mit ihren eigenen Geräten oder denen von anderen – ist dabei nur der erste Schritt. Ebenso müssen wir es schaffen, dass sie über genug technische Kenntnisse verfügen, um die Geräte, die sie verwenden, auch umfassend zu nutzen. Die Forschungen von Girl Effect zeigen, dass Jungen allgemein viel mehr Funktionen und Möglichkeiten ihrer Telefone kennen als Mädchen.

Ein dunkelhäutige Ärztin sitzt an einem Schreibtisch, Stetoskop umgehängt, und tippt in einen Laptop.

Die Chancen für einen beruflichen Aufstieg hängen heute mehr denn je vom Zugang zu neuen Technologien ab, besoders für Frauen. Die Politik sollte hier mehr investieren. DGB/ lightfieldstudios/123rf.com

Darüber hinaus müssen wir berücksichtigen, was Mädchen, wenn sie online gehen, eigentlich im Internet finden. Sind die Informationen korrekt? Riskieren sie, ausgebeutet zu werden? Diese Fragen darf man nicht ignorieren, denn das wäre gefährlich. Deshalb müssen wir Girl daran arbeiten, sichere Online-Räume zu schaffen, wo Mädchen auf verlässliche und auf sie zugeschnittene Informationen zugreifen, wertvolle Dienstleistungen in ihrer Umgebung entdecken und andere kontaktieren können, die die gleichen Probleme lösen müssen. Das Ziel ist: die Neugier der Mädchen fördern, ihr Selbstvertrauen stärken und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Träume zu verwirklichen.

Natürlich müssen solche Plattformen, wenn sie einen Unterschied machen sollen, für die Nutzerinnen auch attraktiv sein. Wenn Mädchen online gehen, wollen sie vielleicht nicht unbedingt etwas lernen, sondern unterhalten werden. Wir müssen sie dort abholen, wo sie sind, und ihnen Erfahrungen bieten, die interessant und benutzerfreundlich sind. Das ist besonders für jene mit geringen digitalen Fähigkeiten wichtig. Um dies zu erreichen, müssen die Mädchen bereits am Entwicklungsprozess beteiligt werden.

Länder wie Äthiopien oder Indien profitierten enorm von Gleichstellungspolitik

Schon heute profitieren Mädchen in Äthiopien, Ruanda und Malawi von solchen Plattformen. Girl Effect startet gerade ähnliche Initiativen in Indien und Tansania. In all diesen Ländern sind die Ansätze auf die örtlichen Bedürfnisse und Perspektiven zugeschnitten. Außerdem werden sie ständig überarbeitet, um sich an Zugangs- und Nutzungsveränderungen anzupassen. Es gibt genügend Studien, in denen die umfangreichen Vorteile der Gleichstellung der Geschlechter dokumentiert werden. Erhöht man beispielsweise in Indien die Zahl der Arbeitsplätze für Frauen, könnte dies die Wirtschaft des Landes um 56 Milliarden Dollar wachsen lassen. Dies wiederum würde die Schwangerschaftsraten verringern und höhere Investitionen in das Humankapital ermöglichen, was stärkeres Wirtschaftswachstum und bessere Entwicklung zur Folge hätte.

Um diese Vorteile zu sichern, müssen die Regierungen und ihre Partner in technologische Initiativen investieren, die den Bedürfnissen und Vorlieben von Mädchen und Frauen entgegen kommen. Ein guter Start dafür sind sichere, interessante und informative Online-Plattformen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Jessica Posner Odede
ist die Vorsitzende von Girl Effect, einer Organisation, die Frauen vor allem in Afrika und Asien fördert.
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