Deutscher Gewerkschaftsbund

14.05.2013

NACHGEFRAGT bei Jean Ziegler

Buchcover

Bertelsmann / Randomhouse

In dem Buch „ Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der dritten Welt“ kritisiert der UNO-Menschenrechtsrat und ehemalige UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, massiv die Nahrungsmittelspekulation und die Haltung des Westens gegenüber dem Hunger in der sogenannten „Dritten Welt“. 

GEGENBLENDE: Sehr geehrter Herr Ziegler, seit nahezu 5 Jahrzehnten brechen in regelmäßigen Perioden medienwirksame Hungersnöte - zumeist in Afrika - aus. Sie öffnen für kurze Zeit die Geldbörsen der Europäer. In ihrem Buch „Wir lassen sie verhungern…“ reden sie von einem „strukturellen Hunger“. Was ist das und warum werden dessen Grundlagen nicht bekämpft?

Ziegler: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 57 000 Menschen sterben am Hunger jeden Tag und 1 Milliarde Menschen von den 7 Milliarden, die wir sind, sind permanent schwerstens unternährt. Der World Food Report der FAO, der diese Opferzahlen herausgibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen – also fast das Doppelte der Weltbevölkerung – normal ernähren könnte. Fazit: es gibt keinen objektiven Mangel an Nahrung. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

GEGENBLENDE: Sie sprechen in ihrem Buch von 10 transnationalen Konzernen, die weltweit 85% der Nahrungsmittelindustrie kontrollieren. Warum braucht man in Afrika oder anderswo überhaupt Konzerne aus dem Westen, die bei ihnen produzieren, aber nicht das Inland ernähren können oder wollen?

Ziegler: Die Konzern-Diktatur ist mörderisch. Die 54 Staaten Afrikas haben vergangenes Jahr für 24 Milliarden Dollar Nahrungsmittel importieren müssen…. zu den von den Konzernen diktierten Preisen. Die horrende Auslands-Verschuldung der meisten afrikanischen Länder verunmöglicht ihnen die Minimal-Investition in ihre eigene Subsistenz-Landwirtschaft vorzunehmen. 35,2 % der schwarz-afrikanischen Bevölkerung ist daher permanent schwerstens unternährt.

GEGENBLENDE: Häufig werden die europäischen Subventionen im Agrarbereich mit der historischen Angst der Europäer vor Hungersnöten gerechtfertigt. Ist diese Diagnose noch aktuell, oder handelt es sich weitaus eher um eine Standortsubventionierung? Schließlich sagen viele Experten, dass man in Afrika viel rentabler Nahrungsmittel produzieren könnte, als im Norden.

Ziegler: Auf jedem afrikanischen Markt kann man heute französisches, deutsches, usw. Gemüse, Früchte, Poulets, usw. zur Hälfte oder einem Drittel des Preises entsprechender gleichwertiger afrikanischer Inlandsprodukte kaufen. Das Agrar-Dumping der EU in der Dritten Welt zerstört die dortige Landwirtschaft und schafft Hunger.

GEGENBLENDE: Was müsste sich weltweit ändern, um endlich eine soziale und ökologische Lebensmittelversorgung zu garantieren? Und wie müssten die neuen BRIC-Staaten dabei eingebunden werden, die ja gegenwärtig die westlichen Strategien imitieren.

Ziegler: Eine der ersten, dringendsten Massnahmen ist das Radikal-Verbot der Börsenspekulation auf Grund-Nahrungsmittel. 1,2 Milliarden Menschen sind gemäss Weltbank „extrem-arm“. Sie müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag ihre Nahrung kaufen. Wenn – wie jetzt – die Preise für Mais, Reis, Weizen explodieren – wegen der Spekulation – sterben viele Millionen Menschen zusätzlich in den Slums der Welt.

 

Vielen Dank für das Interview!


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Dr. Kai Lindemann
Politischer Referent in der Grundsatzabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbunds,
geboren 1968 in Bremen
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten