Deutscher Gewerkschaftsbund

03.11.2020

Kampfansage der Katholiken

Rechtsgerichtete Katholiken machen schon lange gemeinsame Sache mit Evangelikalen. Seit 2016 untestützen sie Donald Trump, den sie zwar nicht für tugendhaft, aber als Werkzeug Gottes betrachten. Ein guter Grund, den liberalen Katholiken Joe Biden zu wählen, zumal das oberste Gericht von konservativen Katholiken beherrscht wird.

 

Von Ian Buruma

Joe Biden und Papst Franziskus reichen sich die Hände, umgeben von mehreren Leuten.

Biden, ein frommer Mann und in keiner Weise radikal, wurde letztes Jahr die Kommunion verweigert, weil er sich für das Recht von Frauen einsetzt, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Der Papst empfing dennoch. DGB/Archiv

Auf seiner Suche nach dem Geheimnis der US-Demokratie in den 1830er-Jahren reflektierte der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville über die wichtige Rolle der Religion im amerikanischen Leben. Nachdem sie der Autorität des Papstes entkommen waren, so seine Behauptung, waren die amerikanischen Christen frei von jeglicher religiöser Autorität. Das Christentum in der Neuen Welt könne nur als "demokratisch und republikanisch" bezeichnet werden.

Sechs der acht derzeitigen Richter am Obersten Gerichtshof sind Katholiken

Mit republikanisch meinte er natürlich nicht die Republikanische Partei, sondern die republikanische Staatsform. Und die meisten Christen, die er traf, waren Protestanten. Die amerikanische Republik wurde von Protestanten gegründet, und die amerikanischen Eliten waren lange Zeit weitgehend protestantisch. Bislang war John Fitzgerald Kennedy der einzige katholische Präsident, und er musste während seines Wahlkampfes öffentlich erklären, dass er an erster Stelle den Vereinigten Staaten verpflichtet war, nicht Rom.

Doch seit der Gründung der Republik durch Protestanten im Jahre 1776 ist etwas Außergewöhnliches geschehen. Sechs der acht derzeitigen Richter am Obersten Gerichtshof sind Katholiken. Der einzige Protestant am Gericht, Neil Gorsuch, wurde katholisch erzogen. Die beiden anderen Richter sind jüdischen Glaubens. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, ist katholisch, ebenso wie US-Justizminister William Barr. Und Joe Biden, der der nächste Präsident sein könnte, ist ebenfalls katholisch.

Wie lässt sich das Auftauchen so vieler Katholiken in hohen Positionen erklären? Was bedeutet das? Zumindest lässt sich sagen, dass die Vorherrschaft der Elite weißer Protestanten angelsächsischer Herkunft – kurz WASPs – vorbei ist. Katholiken, die einst misstrauisch und oft wegen der angeblichen Unvereinbarkeit ihres Glaubens mit den Grundsätzen der liberalen Demokratie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren, nehmen heutzutage Schlüsselpositionen ein.

Donald Trump steht rechts auf einem Balkon des Weißen Hauses, auf der linken Seite steht eine Frau.

Donald Trump bei der Vereidigung der erzkonservativen Katholikin Judge Amy Coney Barrett als Richterin am Supreme Court. Experten glauben, dass sie dafür stimmen wird, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu beenden. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Tocqueville, selbst Katholik, war nicht der Meinung, dass der Katholizismus der Demokratie, insbesondere in den USA, abträglich sei. Im Gegenteil, er erklärte, Katholiken seien egalitärer als Protestanten, denen individuelle Freiheit wichtiger sei als soziale Gleichheit. Er glaubte, dass die Katholiken der Neuen Welt, die oft aus armen Einwanderergemeinschaften stammten, mit den amerikanischen demokratischen Idealen vollkommen im Einklang stünden.

Einige Katholiken in Trumps Umfeld sind noch konservativer als der Papst

Tatsächlich sind Katholiken genauso gespalten wie Protestanten. Es gibt linke Katholiken, erzkonservative Katholiken und alles, was dazwischen liegt. Biden, ein frommer Mann und in keiner Weise radikal, wurde letztes Jahr die Kommunion verweigert, weil er sich für das Recht von Frauen einsetzt, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Für viele andere Katholiken, darunter eine beträchtliche Anzahl von Latinos, ist ihre entschiedene Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen der Hauptgrund, warum sie Donald Trump unterstützen.

Biden und Pelosi sind katholische Liberale, so wie es Kennedy war. Sonia Sotomayor, eine der Richterinnen am Obersten Gerichtshof, ist es ebenfalls. Aber mehrere andere Richter sowie der Justizminister und Steve Bannon, einer von Trumps frühen ideologischen Beratern, gehören einer ganz anderen Form des Katholizismus an, der oft im Widerspruch zum derzeitigen Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, steht.

Elizabeth Bruenig, eine Kommentatorin der New York Times, schrieb kürzlich, dass die "katholische Rechte nicht mehr erkennbar katholisch ist. Ihre Politik ist mehr oder weniger identisch mit der Politik der anderen Mitglieder der konservativen christlichen Koalition".

Das ist teilweise richtig. Rechtsgerichtete Katholiken haben gemeinsame Sache mit evangelikalen Protestanten gemacht, die Trump zwar nicht als tugendhaft, aber dennoch als Werkzeug Gottes betrachten, der das Abtreibungsrecht und verschiedene Schranken zwischen Kirche und Staat zu Fall bringen wird. Aber die Behauptung, dass sie nicht mehr erkennbar katholisch seien, ist fragwürdig.

Joe Biden neigt sich auf einem Stuhl leicht nach rechts und hört dem in dieser Richtung sitzenden Barack Obama zu.

Jeder gewählte Präsident bekennt sich bisher zu einem Glauben. Bei den meisten, ob dem Katholiken John F. Kennedy oder dem Protestanten Barack Obama, hat das die Politik nicht beeinflusst. Bei Joe Biden dürfte es sich ebenso verhalten DGB/Weißes Haus/Pete Souza/Gemeinfrei

Die gemeinsame Sache zwischen reaktionären Katholiken und protestantischen Feinden des säkularen Staates reicht mehr als zwei Jahrhunderte zurück. Seit die Französische Revolution die Autorität der katholischen Kirche zusammen mit der der absoluten Monarchie gestürzt hat, sehnen sich katholische Reaktionäre, darunter aufklärungsfeindliche Philosophen wie Joseph de Maistre (1753-1821), danach, die zentrale Stellung der Kirche im politischen Leben wiederherzustellen. Ebenso wurde Thomas Jefferson von protestantischen Gegnern als Ungläubiger und christenfeindlich beschimpft, weil er den religiösen Glauben zur Privatangelegenheit erklärte.

Das Problem ist nicht der Katholizismus, sondern dass die schwindende Trennung zwischen Kirche und Staat

Diese Kampfansage steht erneut im Raum, auch im Obersten Gerichtshof der USA, wo konservative Richter säkularen Gruppen oft feindselig gegenüber sind, als wären sie barbarische Feinde, die darauf aus sind, Amerika zu zerstören. Justizminister Barr hat darüber hinaus Reden über gottlose Ideen gehalten, die die "jüdisch-christlichen" Werte in öffentlichen Schulen und anderen säkularen Institutionen bedrohen.

US-Vizepräsident Mike Pence, ein wiedergeborener Evangelikaler, der katholisch erzogen wurde, erklärte, er sei "ein Christ, ein Konservativer und ein Republikaner ‒ in dieser Reihenfolge". Und die von Trump als Kandidatin für den Obersten Gerichtshof nominierte Amy Coney Barrett ist Mitglied der People of Praise, einer Bewegung „charismatischer Katholiken“, die den katholischen Glauben mit pfingstlerischen Praktiken wie dem Sprechen in Zungen und der direkten Kommunikation mit Gott kombiniert haben.

Coney Barrett hat gesagt, dass ihr Glaube ihre Pflichten als Richterin, die in Verfassungsfragen entscheidet, nicht beeinflussen würde. Jurastudenten an der Katholischen Universität von Notre Dame empfahl sie allerdings auch zu "bedenken, dass [ihr] fundamentaler Lebenszweck nicht darin besteht, Jurist zu sein, sondern Gott zu kennen, zu lieben und ihm zu dienen". Sie unterstützte Behauptungen, dass das Recht auf Abtreibung, das durch die Entscheidung des Gerichtshofs in der Rechtssache Roe gegen Wade 1973 geschützt wird, eine gottlose Sünde sei, und setzte ihre Unterschrift unter einen Aufruf, in dem das „barbarische Erbe“ des Urteils angeprangert und dazu aufgerufen wird, es zu kippen.

Das Problem ist also nicht der Katholizismus als solcher, der vieles sein kann. Das Problem ist, dass Menschen in den höchsten Ämtern an der Trennung zwischen Kirche und Staat rütteln, die von den Gründern Amerikas so sorgfältig errichtet wurden, um sicherzustellen, dass das Volk und nicht Gott regieren würde.

Dass die Person, die versucht, die Mauer zwischen Kirche und Staat niederzureißen, Trump ist ‒ ein Mann, der für keinen Glauben bekannt ist und der der moralischen Ordnung mehr Schaden zugefügt hat als jeder von Barrs imaginären säkularen Feinden ‒ sollte seltsam anmuten. Gottes Wege sind unergründlich. Aber viele Menschen in den USA, sowohl Katholiken als auch Protestanten, sind inzwischen davon überzeugt, dass der Allmächtige Trump nicht ohne Grund ins Weiße Haus geführt hat.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Kürzlich erschien von ihm das Buch "The Churchill Complex: The Curse of Being Special, From Winston and FDR to Trump and Brexit".
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