Deutscher Gewerkschaftsbund

09.02.2021
Podcast

Sie können sich doch was erzählen

Podcast-Dauer: 7 Minuten
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Worüber soll man während der Corona-Zeit reden, worüber lieber nicht? Das ist die Frage, die sich gerade in Familien oft stellt. Renée Zucker macht sich dazu ein paar gelassene Gedanken, bei denen es viel um "früher" geht, aber auch um Fernsehen. Und natürlich empfiehlt sie wieder ein Buch, das zur Zeit passt, weil die Lektüre beunruhigend und gleichzeitig beruhigend wirkt.
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Am Mikrophon: Daniel Haufler

Kolumnentext:

Ein Journalist und offenbar besorgter Teenager-Vater bemerkte jüngst auf Twitter (ironisch), dass es in diesen Zeiten, da Teenager abends nicht ausgehen könnten, besonders wichtig sei, jeden Satz mit "Früher" zu beginnen, alle Beträge in D-Mark umzurechnen und generell viele Anekdoten über die SPD zu erzählen. Das klingt nach einer unangenehmen, wenn nicht gar traumatischen Begegnung im Leben dieses Mannes, auch wenn ich persönlich noch nie jemanden getroffen habe, der Anekdoten über die SPD kennt, die über sozialdemokratische Puffbesuche in Havanna hinausgehen, geschweige denn weiter erzählt, (weil es ja niemanden interessiert) - ich kann mich aber durchaus noch daran erinnern, daß Brötchen mal 8 Pfennig kosteten. Und sowas kann man ja ruhig mal erwähnen, auch in Gegenwart von Teenagern, die abends nicht rauskönnen. Warum eigentlich nicht? Bei mir auf dem Platz lungern dauernd abends Teenager rum, spielen Tischtennis, saufen, kiffen, oder bewerfen sich mit Schneebällen.

In der Corona-Zeit sollte man also Sätze mit "früher" meiden

Aber gut, man soll also nicht Sätze mit "früher" beginnen. Trotzdem möchte ich mal in die Runde werfen, ob sich eigentlich noch jemand daran erinnert, wie es war, als Autofahrer, die bei laufendem Motor in ihrer Karre hockten, sofort schuldbewußt den Schlüssel umdrehten, wenn man ihnen einen bösen Blick zuwarf. Wie lange mag das her sein, dieses früher, da Menschen durchaus verstanden, dass sie damit die Luft verpesteten und dass sowas nicht gut angesehen war.

Heute ist eine neue Generation Autofahrer herangewachsen – die vermutlich alle als Teenager abends rausdurften, denen aber leider niemand erklärt hat, dass aus ihren Auspüffen kein Frische- oder Limonenduft entweicht. Mein Sohn ist ein Kind jener Zeit, in der man beim Spülen oder Zähneputzen kein Wasser laufen lassen durfte, ohne sofort Kinderladenindoktrinierte Rügen zu ernten.

Wie hab ich mich gefreut, als die Wasserwerke irgendwann um Hilfe riefen, weil die Leute zu wenig Wasser laufen ließen und die Rohre wegen Trockenheit brüchig oder rostig wurden. Seitdem lass ich wieder laufen aus Gründen und wenn mein Sohn zu Besuch ist, dreht er mit genau demselben genervtem Blick wie damals den Wasserhahn zu und die Enkelkinder tun es ihm gleich. Ihre Oma ist 'ne Umweltsau, auch wenn sie einen erdgasbetriebenen Kleinwagen fährt, was ja mittlerweile eher ein politisches als ein ökologisches Statement geworden ist.

Ohne SPD oder Ähnliches gäbe es doch viel zu erzählen von früher

Ich möchte auch noch sagen können, obwohl Teenager abends nicht rauskönnen, dass früher Frauen nicht so schnell geredet haben wie heute, vor allem im Fernsehen. Ich vermute, sie tun das, damit man sie nicht so einfach unterbrechen kann, und das ist ja auch richtig, aber mit zunehmendem Alter versteh ich sie immer schlechter, nur noch die Wiederholungen von "genau" und "perfekt". Dankbar bin ich allerdings dafür, dass nicht mehr die Generation der "Keine Ahnung"-Sagerinnen das Meinungsgeschehen bestimmt.

Jedenfalls sieht man, daß es viel von früher und von heute zu erzählen gibt. Tolle Geschichten, in denen weder SPD noch Ähnliches vorkommt. Lustiges, Dramatisches, Trauriges, Großartiges von Männern, Frauen und Diversen, Lebenden und Toten, brennend heißen Sommern und eisigen Wintern. Alte oder Junge, die alle abends durchaus noch mal vor die Tür können, wenn auch nicht in Horden, könnten sich erzählen, was sie schon erlebt haben und noch erleben wollen. Man nennt es Unterhaltung.

Und wenn jetzt, 30 Jahre nach seinem Tod, Roy Blacks Platten wieder neu aufgelegt werden, möchte ich auch mal was von den 8 Pfennig Brötchen von damals erzählen dürfen, ohne dass gleich ein Journalist die Krise kriegt.

Lektüretipp: "Das ferne Feuer" von Amy Waldman

Was wir lesen sollen? Abgesehen von Simone Buchholz, deren Chastity Riley Krimis man vielleicht nicht durchgehend aber immer mal wieder lesen kann, empfehle ich Amy Waldmans neuen Roman "Das ferne Feuer". Waldman war viele Jahre Südasien-Korrespondentin der "New York Times" und des Magazins "Atlantic". 2013 erschien ihr hervorragender erster Roman "The Submission", auf deutsch "Der amerikanische Architekt" – die Geschichte der Stadt New York und seiner Bürger in den Nachwehen des 11. September. Bei einem anonymen Wettbewerb für ein Denkmal auf Ground Zero gewinnt ein muslimischer Architekt die Ausschreibung. Das geht nicht gut.

In "Das ferne Feuer" reist die amerikanische Studentin Parvin, Tochter afghanischer Einwanderer, wegen eines Buchs, das sie sehr beeindruckt hat, zum ersten Mal in das Land ihrer Eltern. Ein Arzt beschrieb sein Hilfsprojekt für afghanische Frauen in einem kleinen Dorf. Die angehende Medizinanthropologin Parvin hat dort nicht nur mit ganz persönlichen Verwirrungen und Loyalitätskonflikten zu kämpfen; sie muss auch feststellen, dass Wirklichkeit und Literatur weit auseinanderklaffen. Für mich war am verblüffendsten, wie man durch ihren Erzählklang unmerklich in ein komplett anderes Lebenstempo gerät. Ein Leben ohne Nachrichten, ohne Musik, ohne Literatur. Beängstigend und beruhigend zugleich. Waldman ist eine sehr kluge Beobachterin unvereinbarer Systeme. Im Original heißt der Roman " A Door in the Earth", eine Zeile aus einem Gedicht der englischen Dichterin und T.S.Eliot-Preisträgerin Alice Oswald, das dem Buch als Motto vorsteht:

"Antimachos war mit Paris befreundet
Der sich für den Krieg einsetzte
Er öffnete eine Tür in der Erde
Und eine ganze Generation ging hinein."

 


 

Buchumschlag von Amy Waldmans "Das ferne Feuer", auf dem ein brauner trockener Hügel zu sehen ist, auf dem eine rundliche Hausruine steht.

Schoeffling Verlag

Amy Waldman: Das ferne Feuer, Roman, Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, 496 Seiten. Schoeffling Verlag 2021, 26 Euro.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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