Deutscher Gewerkschaftsbund

20.04.2021

Die Würde der Beschäftigten bei Amazon

Die Mehrheit der Beschäftigten im Amazon-Logistikzentrum Bessemer in Alabama stimmte gegen eine gewerkschaftliche Vertretung im Betrieb. Das Ergebnis ist enttäuschend, kommt aber nicht überraschend, weil Amazon die Beschäftigen massiv unter Druck setzte. Dennoch hatte der Konflikt Signalwirkung für die Gewerkschaftsbewegung in den USA und könnte einer Reform des Arbeitsrechts den Weg ebnen.

 

Von Knut Panknin

Arbeiterinnen und Arbeiter halten Protestschilder gegen Amazon hoch und fordern Unterstützung bei der Gewerkschaftsarbeit.

Die Proteste für die Gründung einer gewerkschaftlichen Interessenvertretung bei Amazon fanden landesweit Beachtung und dürften nachhaltig Wirkung entfalten. DGB/Archiv

In der kleinen Stadt Bessemer in Alabama steht seit März 2020 eines von mehr als 100 Amazon-Logistikzentren in den USA. Bei der Planung des Zentrums hatte Amazon 1.500 neue Jobs in der Kleinstadt versprochen. Das hatte nicht nur bei lokalen politischen Vertretern der armen Gemeinde für Vorfreude gesorgt. Die Ansiedlung war allerdings für Bessemer und die Region Jefferson County nicht umsonst. Zur Anwerbung des Dienstleisters gab es Steuergeschenke von mehr als 40 Millionen Dollar über zehn Jahre und drei Millionen wurden in die Infrastruktur investiert. Der Start von Amazon war vielversprechend. Der Konzern stellte weit mehr Beschäftigte als versprochen ein. Dank des geänderten Konsumverhaltens in der Corona-Pandemie profitierte Amazon massiv. Heute arbeiten in Bessemer fast 5.800 Beschäftigte. Mehr als acht von zehn Beschäftigten sind Afro-Amerikaner*innen.

In den ersten sechs Monaten der Covid-19-Pandemie infizierten sich 20.000 Amazon-Beschäftigte

Doch mit Amazons Ansiedlung gab es nicht nur Gewinner. Auf der Strecke blieben oft die Beschäftigten. Da Amazon seine Verteilzentren durch die Pandemie hindurch nicht nur weiter laufen ließ, sondern expandierte und zudem fahrlässig beim Arbeitsschutz war, infizierten sich in den USA allein in den ersten sechs Monaten der Pandemie fast 20.000 Amazon-Beschäftigte mit Covid-19. Dazu kamen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, die bereits vor der Pandemie beim Versandhändler bestanden. Jennifer Bates, Ausbilderin bei Amazon in Bessemer, sagte bei einer Senatsanhörung im März 2021: "Auch die Arbeit selbst ist zermürbend. (…) Mein Arbeitstag fühlt sich jeden Tag wie ein 9-stündiges, intensives Training an. Und sie verfolgen jede unserer Bewegungen – wenn der Computer nicht scannt, wird diese Zeit als arbeitsabwesend gerechnet. Ich habe von Anfang an gelernt, dass ich diszipliniert oder sogar gefeuert werden kann, wenn ich zu langsam arbeite oder zu viel Zeit von der Aufgabe abweiche."

Dazu kommen unzureichende Pausen und die Belastung, stundenlang im vierstöckigen Gebäude Treppen zu steigen. Am schwersten aber wiegt für viele Beschäftigte, dass sie sich respektlos behandelt und in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt fühlen. Jennifer Bates drückte das so aus: "Amazon geht in arme Gemeinden und behauptet, dass sie beim Wirtschaftswachstum helfen wollen. (…) Das sollte bedeuten, seinen Mitarbeitern einen existenzsichernden Lohn und Leistungen zu zahlen … und sicher zu stellen, dass die Beschäftigten unter sicheren und gesunden Bedingungen arbeiten. Denn wir sind keine Roboter, die nur leben, um zu arbeiten. […] Wir, die Arbeiter, verdienen es, mit Würde und Respekt behandelt zu werden."

 Das Gefühl, wie eine von Algorithmen kontrollierte Maschine behandelt zu werden, weckte bei einigen der Amazon-Beschäftigten den Wunsch nach gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Bisher ist allerdings noch keines der Amazon-Logistikzentren in den USA gewerkschaftlich organisiert. Warum tun sich die Gewerkschaften so schwer damit, die großen technologie-getriebenen Unternehmen zu organisieren?

Eine riesige Lagerhalle mit Regalen.

Die Logistikzentren von Amazon sind allesamt riesig, ob in Deutschland oder in Orten wie Bessemer in den USA. Mitarbeiter müssen gut in Form sein, um die Arbeit schon an normalen Tagen zu schaffen. DGB/Archiv

Das liegt zum einen am schwachen US-Arbeitsrecht. US-Gewerkschaften müssen jeden Betrieb einzeln organisieren. Das macht Gewerkschaftskampagnen in großen Unternehmen mit vielen Standorten wie bei Amazon schwer. Hinzu kommt eine weitere Hürde: Seit einer Entscheidung der US-Aufsichtsbehörde für Arbeitsbeziehungen (National Labor Relations Board / NLRB) aus dem Jahr 2019 haben Arbeitgeber das Recht, Gewerkschaftsvertretern, die nicht Angestellte des Betriebs sind, das Betreten ihres Betriebsgeländes zu untersagen. Das gilt auch für Bereiche des Geländes, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Gewerkschaften gehen deshalb oft zu Angestellten nach Hause, aber dies war während der Pandemie nicht möglich. Viele der Organisationstreffen fanden in einem Motel und Restaurants in der Nähe des Amazon-Standortes statt.

Präsident Biden unterstützt, dass Beschäftigte sich gewerkschaftlich organisieren

Es gibt noch weitere, strukturelle Gründe für die Schwäche der Gewerkschaften gegenüber Unternehmen. Heute ist der Süden der USA fast gewerkschaftsfrei: Nur acht Prozent der Beschäftigten in Alabama sind Gewerkschaftsmitglied. Der Bundesstaat gehört zu denen mit "Right-to-Work"-Gesetzgebung. Dieses Gesetz schwächt die Gewerkschaften, indem es die Gewerkschaftsmitgliedschaft in organisierten Betrieben frei stellt. Beschäftigte genießen die Vorteile der gewerkschaftlich ausgehandelten Vereinbarungen, müssen aber keine Beiträge zahlen. Dies zehrt an den Ressourcen der Gewerkschaften und verringert deren Möglichkeiten, Betriebe zu organisieren. Daneben wuchs in den 30 Jahren in den USA eine ganze Industrie an Beratungsfirmen, die sich darauf spezialisiert haben, Unternehmen gewerkschaftsfrei zu halten. Auch Amazon engagiert professionelle Anti-Gewerkschaftsberater, sogenannte Union Buster.

Die Beschäftigten in Bessemer, die sich gewerkschaftlich organisieren wollten, wandten sich an die Einzel- und Großhandelsgewerkschaft RWDSU – eine eher kleine, aber progressive Gewerkschaft. Die RWDSU startete daraufhin eine Organisationskampagne und erhielt bis Dezember 2020 mehr als 2.000 unterschriebene Absichtserklärungen von Beschäftigten, sich von der Gewerkschaft vertreten lassen zu wollen. Die nationale Arbeitsbehörde ließ daraufhin eine offizielle Gewerkschaftswahl zu.

Befürworter der Gewerkschaft erhofften sich unabhängig vom Ausgang der Wahl ein landesweites Signal für die Rechte von Arbeitnehmer*innen. Konkret forderten die Beschäftigten unter anderem erhöhte Arbeitsplatzsicherheit und bessere Arbeitsbedingungen, eine Wiedereinführung der Zwei-Dollar-Pandemiezulage beim Stundenlohn sowie eine Eindämmung der aggressiven Zeiterfassungspraktiken. Die Organisationskampagne machte wegen ihrer möglichen Signalwirkung landesweit Schlagzeilen und erhielt prominente Unterstützung. Präsident Joe Biden veröffentlichte im Februar ein Kurzvideo, in dem er Amazon zwar nicht beim Namen nannte, aber deutlich machte, dass Beschäftigte frei von Druck durch den Arbeitgeber entscheiden können müssen, ob sie sich von einer Gewerkschaft vertreten lassen wollen.

Ein schwarzer Prostierer hält vor dem Amazon-Gebäude ein Schild hoch, dass für die Gewerkschaft wirbt.

Amazon nutzte konsequent das schwache US-Arbeitsrecht aus und setzte die Beschäftigten in Bessemer unter Druck - vor allem diejenigen, die sich für die Vertretung durch die RWDSU einsetzten. Proteste auf dem Betriebsgelände sind gesetzlich verboten, weshalb Gewerkschafter nur außerhalb für das Anliegen werben konnten. DGB/Knut Panknin

Amazon nutzt konsequent das schwache US-Arbeitsrecht aus und setzt die Beschäftigten in Bessemer unter Druck – vor allem diejenigen, die sich für die Vertretung durch die RWDSU einsetzten. Amazon richtete sogar eine Website gegen die Gewerkschaftswahl ein. "Wir wurden zu so genannten 'Gewerkschaftsschulungen' gezwungen", so Jennifer Bates. "Sie dauerten bis zu einer Stunde, und wir mussten manchmal mehrmals pro Woche hingehen. Die Firma bombardierte uns mit Gründen, warum die Gewerkschaft schlecht sei. (…) Vieles von dem, was in diesen Treffen gesagt wurde, war unwahr, wie zum Beispiel, dass die Leute ihre Sozialleistungen verlieren würden, wenn sie der Gewerkschaft beitreten würden. (…) Überall im Betrieb hatte Amazon gewerkschaftsfeindliche Schilder und Botschaften aufgestellt … sogar in den Toiletten."

Die heldenhaften Amazon-Beschäftigten in Bessemer haben Geschichte geschrieben

Die Wahl fand Corona-bedingt als Briefwahl statt. Zwischen Februar und Ende März gingen insgesamt 3.215 Wahlzettel ein. Damit beteiligte sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten an der Abstimmung. Am 9. April war klar, dass Amazon diese Runde für sich entschieden hatte. Nach Auszählung der Stimmen hatten sich nur 738 der Beschäftigten für die Gewerkschaft, aber 1798 gegen diese ausgesprochen. Das Ergebnis ist enttäuschend, kommt aber angesichts der ungleichen Wettbewerbsbedingungen in den USA nicht überraschend. Richard Trumka, Präsident vom Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO sagte dazu: "Die heldenhaften Amazon-Beschäftigten in Bessemer haben Geschichte geschrieben und dabei geholfen, den Weg für Gerechtigkeit am Arbeitsplatz für alle zu ebnen. (…) Sie meldeten sich zu Wort und machten ihre Lebenswirklichkeit deutlich, die zu viele arbeitende Menschen kennen – die Brutalität, unterbezahlt und überarbeitet zu sein und ständig Angst vor dem zu haben, was vor ihnen liegt. Das ist der Grund, warum mehr als drei Viertel der US-Amerikaner diese Organisierungskampagne unterstützten (…). Die Beschäftigten, die sich um eine Mitgliedschaft in der RWDSU bemüht haben, stehen an der Spitze einer aufstrebenden Bewegung für Demokratie am Arbeitsplatz. Amerikaner wollen sich gewerkschaftlich organisieren, und es sollte niemals so schwer sein, dies zu tun. (…) Dies ist der Kampf unserer Zeit, und er beginnt mit der Verabschiedung des PRO Act."

Trumka verband seine scharfe Kritik mit der Aufforderung an den Kongress, den Protecting the Right to Organize Act (PRO Act) zu verabschieden. Dieser würde landesweit Right-to-Work-Gesetze für nichtig erklären und dringend benötigte Reformen der US-Arbeitsgesetze einleiten, was es Gewerkschaften erleichtern würde, sich zu organisieren. Das Gesetz wurde zwar bereits vom Repräsentantenhaus verabschiedet, aber die Chancen für eine Senatsmehrheit stehen eher schlecht.

Die RWDSU-Gewerkschaft kündigte an, das Wahlergebnis beim NLRB anzufechten. Auch wenn noch unklar ist, ob die Wahl für ungültig erklärt werden wird, ist sicher, dass die Niederlage in Bessemer nicht das Ende, sondern der Startschuss für verstärkte Bemühungen um gewerkschaftliche Organisation in den USA sein wird. RWDSU-Präsident Stuart Appelbaum glaubt, dass die Abstimmung vor allem gezeigt hat, "wie stark der Einfluss ist, den Einschüchterung und Einmischung durch den Arbeitgeber haben kann sowie Amazons Fähigkeit, den Leuten Angst zu machen, für die Gewerkschaft zu stimmen." Mit Blick auf die Zukunft äußerte sich Appelbaum dennoch optimistisch: "Die Gewerkschaft wird nicht verschwinden. […] Diese Kampagne ist noch lange nicht vorbei. Die Kampagne ist auch das beste Argument dafür, warum wir eine Arbeitsrechtsreform in den Vereinigten Staaten brauchen."


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Kurzprofil

Knut Panknin
ist Programmkoordinator im Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington, DC.
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DGB/Heiko Sakurai

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