Deutscher Gewerkschaftsbund

31.10.2019

Das uneingelöste Versprechen von 1989

Der Fall der Berliner Mauer markierte nicht das "Ende der Geschichte", wie ein berühmter Historiker schrieb. Es war vielmehr der Beginn eines Zeitalters der Nachahmung. Die früheren Ostblock-Länder wollten Werte und Wohlstand wie im Westen schaffen. Stattdessen bestimmt heute in mehreren Staaten Illiberalität und Rassismus das Denken. Daran haben auch westliche Staaten ihren Anteil.

 

Von Mark Leonard

Fußballfans in einem vollbesetzten Stadion zeigen den Hitlergruß.

Die rassistischen Ausschreitungen beim Fußballspiel von Bulgarien gegen England kürzlich offenbarten die Ressentiments gegen die westliche Einwanderungspolitik und Multikulturalismus. DGB/dah

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa im Jahr 1989 träumten viele vom Aufbau eines vereinten und freien Europas, in dessen Zentrum die Europäische Union stehen sollte. 30 Jahre später sind die Europäer allerdings mit einer anderen Realität konfrontiert. In Westeuropa legen führende Politiker ihr Veto gegen eine fortgesetzte Erweiterung der Union ein. Denn sie fürchten, dass die Osteuropäer nicht bereit sind, liberale Werte anzunehmen. In Mittel- und Osteuropa steigen die Ressentiments gegenüber Westeuropa aufgrund der hiesigen Reaktionen auf Einwanderung und andere Probleme.

Deutlich zutage trat diese Dynamik diesen Monat im Lauf der Qualifikationsrunden für die Fußballeuropameisterschaft 2020, als es während eines Spiels zwischen England und Bulgarien zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Vorstellungen europäischer Identität kommt. Die Partie, die in Sofia ausgetragen wurde, musste zweimal unterbrochen werden, um die Anhänger der Heimmannschaft vor rassistischem Verhalten zu warnen, darunter zum Nazigruß erhobene Arme und Affenlaute, die Englands dunkelhäutige Spieler verunglimpften.

Brexiteers nutzen Multikulturalismus als Argument gegen Einwanderung aus der EU

Nach dem Match lag die britische Meinungselite vereint im Fieber moralischer Rechtschaffenheit gegen die Barbarei der bulgarischen Fans. Da der Multikulturalismus in den letzten 30 Jahren zu einem zentralen Bestandteil der britischen Nationalgeschichte geworden ist, befürchten viele ethnische Minderheiten, dass der von ihnen in Kontinentaleuropa wahrgenommene Rassismus einen Rückfall in eine hässliche Ära der Ungleichheit und Ausgrenzung darstellt.

Eine Ironie dieser Geschichte rund um die Euro 2020 liegt daher darin, dass sie als weitere Begründung für die Entscheidung des Vereinigten Königreichs angeführt wird, die EU zu verlassen. Das Pro-Brexit-Lager glaubt nämlich: wenn die Einwanderung aus Europa mit dem EU-Austritt endet, haben es Menschen aus Indien, Bangladesch, Pakistan und der Karibik leichter, sich in Großbritannien anzusiedeln.

 

Kleine Kinder unterschiedlicher Herkunft sitzen in einer Schule rund um einen Tisch und lernen.

Das Pro-Brexit-Lager glaubt: wenn die Einwanderung aus Europa endet, haben es Einwanderer und ihre Kinder aus Indien, Bangladesch, Pakistan und der Karibik leichter. DGB/rawpixel/123rf.com

Aus bulgarischer Perspektive wiederum erscheint die moralische Missionierung durch die Briten als Heuchelei. Schließlich waren während der Kampagne für den Brexit 2016 besonders bulgarische und rumänische Einwanderer das Ziel rassistischer Rhetorik. Obendrein hoben bulgarische Medien des Öfteren hervor, dass Englands rassistische Hooligans 1985 für die tödliche Katastrophe im belgischen Heysel-Stadion verantwortlich waren. Wenn das Motiv für den Brexit darin bestünde, das typisch Englische zu bewahren, stellten die Osteuropäer keine größere Bedrohung dar als der Multikulturalismus.

In ihrem brillanten, in Buchform erschienenen Rückblick auf das Jahr 1989 "Das Licht, das erlosch", argumentieren Ivan Krastev vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und Stephen Holmes von der New York University, dass der Fall der Berliner Mauer nicht das "Ende der Geschichte" markierte. Es sei vielmehr der Beginn eines Zeitalters der Nachahmung. Als die früheren Ostblock-Länder in Mittel- und Osteuropa begannen, Kultur, Werte und gesetzliche Rahmenbedingungen Westeuropas nachzuahmen, war dies ein Grund zur Freude für diejenigen, die von einem freien und vereinten Europa träumten.

Die Auswanderung osteuropäischer Eliten führt zu Frust und Kritik am Liberalismus

Das Problem bestand darin, dass Millionen Menschen in diesen Ländern zu einer Erkenntnis gelangten: wenn man so werden solle wie die Deutschen oder die Briten, wäre es doch einfacher gleich in diese Länder auszuwandern, als sich daheim dem schmerzlichen Prozess zu unterziehen, die eigenen Gesellschaften zu Abbildern der anderen zu verwandeln. Als Folge dieser Entwicklung wanderten 20 Prozent der Bulgaren – wovon überproportional viele zu den liberalsten und am besten ausgebildeten gehörten – nach Westeuropa aus.

Wie Krastev und Holmes zeigen, verglichen die Zurückgebliebenen ihre eigenen Aussichten bald nicht mehr mit denen ihrer Eltern. Nein, sie betrachteten in zunehmender Weise jene der glücklichen Eliten als Maßstab, die sich im Ausland angesiedelt hatten, um den westlichen Traum zu leben. Das führte zu weit verbreiteter Frustration und Wut gegen die postkommunistische Klasse liberaler Reformer in Mittel- und Osteuropa. Diese westlich orientierten Eliten scheiterten nicht nur daran, den unrealistischen Erwartungen hinsichtlich der Nachahmung des Westens zu entsprechen; sie ermöglichten auch die massenhafte Abwanderung der Gebildeten.

Weiße und grüne alte verrostete Schiff steht in Varna Port, Bulgarien festgemacht.

Bulgarien hat ökonomische Probleme und möchte gerne in der EU bleiben. Es fürchtet sich jedoch vor einem weiteren demografischen Wandel durch die Auswanderung und Einwanderung aus dem Nahen Osten. DGB/Eugene Sergeev/123rf.com

Als im Jahr 2015 die Flüchtlingskrise ausbrach, verschärfte sich unter den verbliebenen Einheimischen der postkommunistischen Länder die ohnehin bestehende Angst vor demografischer Auslöschung. Wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, schufen diese Ängste ein ideales politisches Umfeld für illiberale populistische und nationalistische Politiker wie den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und Polens De-facto-Herrscher Jarosław Kaczyński.

„Während sich der Osten immer noch homogen und monoethnisch präsentiert,” schreiben Krastev und Holmes, "wurde der Westen aufgrund einer von antiliberalen Politikern als gedankenlos und selbstmörderisch betrachteten Einwanderungspolitik, heterogen und multiethnisch." Daher ist das Zeitalter der Nachahmung – mit seiner stillschweigenden Akzeptanz der westlichen Überlegenheit – definitiv zu Ende gegangen.

Einem Betrachter von 1989 müsste die aktuelle Lage absurd vorkommen

Ein ähnlicher Prozess umgekehrter kultureller Spiegelung trat bei dem Fußballspiel zwischen England und Bulgarien und auch in der Zeit danach zutage. Beide Seiten behaupteten, von den Handlungen der jeweils anderen moralisch abgestoßen zu sein. Obwohl man in Großbritannien in den letzten 30 Jahren von der impliziten Duldung des Rassismus zur Preisung des Multikulturalismus überging, will eine Mehrheit keine Einwanderung von EU-Bürgern aus Mittel- und Osteuropa. Bulgarien hingegen möchte sehr gerne in der EU bleiben, fürchtet sich jedoch vor einem weiteren demografischen Wandel durch die Auswanderung und den Zustrom von Neuankömmlingen aus dem Nahen Osten und anderen Ländern.

Für einen Betrachter aus dem Jahr 1989 würde sich die aktuelle Situation zweifellos absurd präsentieren. Wer hätte gedacht, dass Großbritannien aus der EU fliehen würde oder dass die Befürworter dieses Schritts ihre Argumentation mit ethnischer Vielfalt begründen? Und wie viele Mittel- und Osteuropäer hätten vorhergesehen, dass ihre Regierungen versuchen würden, die EU zu einem illiberalen Projekt umzugestalten?

Wie so oft zeigen sich tiefgreifende historische Veränderungen zuerst in der Populärkultur und erst später in der formellen Politik. Aus diesem Grund sollten wir das komplexe Erbe des Jahres 1989 nicht nur aus der Perspektive der Feierlichkeiten in Berlin betrachten, sondern auch im Lichte der Vorkommnisse auf den Tribünen eines Fußballstadions in Sofia.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Mark Leonard
ist Direktor des Europäischen Rates für auswärtige Beziehungen (ECFR), einer pan-europäischen Denkfabrik, die er 2007 mitgegründet hat.
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