Deutscher Gewerkschaftsbund

27.11.2020

Kolonialgeschichte als Auftrag für wertorienierte Politik heute

Während in Deutschland CDU und Unternehmer noch verhindern, dass Menschenrechte, ökologische und soziale Minimalstandards bei Zulieferbetrieben in den Ländern des Südens eingehalten werden, stimmt die Schweiz am Sonntag über eine Konzernverantwortungsinitiative ab. Da lohnt sich ein Blick auf eine Geschichtsschreibung, die Folgen des Kolonialismus lange geleugnet hat.

 

Von Rudolf Walther

Schwarzweiß-Bild von dunkelhäutigen angeketteten Sklaven in Sträflingskleidung auf einem Schiff.

Am Sklavenhandel und an Sklavenarbeit haben nicht nur die großen Kolonialmächte und die USA gut verdient, sondern auch Deutschland und die Schweiz. DGB/Archiv

Für die ernstzunehmende historische Forschung steht außer Zweifel, dass zwischen der Sklaverei (Baumwolle) und dem Träger und Motor der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert in der Schweiz ein Zusammenhang besteht. In den zwei schweizerischen Volksabstimmungen am kommenden Sonntag, den 29. November 2020, über die "Konzernverantwortungsinitiative" und die Initiative "Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten" geht es natürlich nicht direkt um Sklaverei und Sklavenhandel. Es geht aber sehr wohl um die Tilgung einer über zwei Jahrhunderte andauernden, mehr oder weniger verdrängten Disparität zwischen dem, pauschal gesagt, reichen Norden und dem armen Süden. Im Norden sind die Einhaltung von Menschenrechten, ökologischen und sozialen Minimalstandards längst eine Selbstverständlichkeit, zudem in rechtlichen Normen fixiert, die kontrolliert und sanktioniert werden bei Missachtung. Die kostengünstige Auslagerung von Produktionsprozessen in den Süden, wo es geringere, mangelhaft kontrollierte oder gar keine menschenrechtlichen und ökologischen Standards gibt, ist dagegen bis heute ein fast rechtsfreier Raum – fast wie zu Zeiten der Sklavenwirtschaft auf Baumwoll- und Kaffeeplantagen.

Wohlstand und kulturelle Blüte Europas wurden mit Blut bezahlt

Unter dem Namen "Wertschöpfungskettengesetz" wird auch in der Bundesregierung ein Gesetzvorhaben diskutiert, das von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Entwicklungsminister Gerhard Müller (CSU) zu einer Kabinettsvorlage ausgearbeitet wurde. Das Bundeskanzleramt und das Wirtschaftsminister Peter Altmaier blockieren jedoch die Vorlage seit März 2020. Bereits 2011 wurden "UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte" verabschiedet, die 2016 in den "Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung" eingingen und 2018 in den Koalitionsvertrag. Allerdings lehnen auch Arbeitgeberverbände, BDI, Handelskammern, das Auswärtige Amt und der Wirtschaftsrat der CDU dieses Lieferkettengesetz ab. Sie setzen auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen zur Einhaltung von menschenrechtlichen und ökologischen Standards. Kirchen, Gewerkschaften und NGOs in der Entwicklungs-, Menschenrechts- und Umweltpolitik sind dagegen für eine gesetzliche Regelung, gründeten dafür die "Initiative Lieferkettengesetz" und sammelten eine Viertelmillion Unterschriften.

Erst in jüngster Zeit hat sich in der Geschichtswissenschaft und in den meisten Medien die Einsicht durchgesetzt, wie wichtig die transnationale Vernetzung von Wirtschaft und Banken – einschließlich des Sklavenhandels und der Sklavenwirtschaft und der damit verbundenen Gewalt – schon für die Industrialisierung und damit für die Wohlstandsentwicklung und kulturelle Blüte Europas und Nordamerikas seit rund 300 Jahren gewesen ist. Dass buchstäblich Blut an Wohlstand und Kultur klebt, ist keine neue Einsicht. Aber wie erfolgreich die Übermalung und Überschreibung dieser Einsicht historisch war – besonders von den Zeiten des Kolonialismus bis zum Kalten Krieg –, wird erst heute  Stück für Stück sichtbar. Und das gilt auch für ein Binnenland wie die Schweiz, die direkt keine Kolonien besaß und im Inland keine Sklavenhaltung betrieb, wie ein Gutachten von drei jungen Schweizer Historikern belegt. Insofern besteht Hoffnung, dass die Vernebelung der Köpfe im Kalten Krieg langsam endet und das Licht der Aufklärung langsam auch das Terrain der Geschichtswissenschaft erreicht.

Ein Kind arbeitet in einer Spinnerei und fädelt Fäden auf.

Initiativen gegen Kinderarbeit in Schwellenländern wie Indien waren zumindest in Teilen schon erfolgreich. Doch dadurch ist sie noch längst nicht verschwunden. Die Unternehmen stehen hier in der Verantwortung. DGB/Archiv

"Quod non est in actis, non est in mundo" (frei übersetzt: Was nicht in den Akten steht, existiert nicht), lautet eine Grundregel im Zivilprozess nach dem Römischen Recht. Die Maxime galt aber auch lange und unbestritten für die historische Forschung. Methodisch ist diese Maxime jedoch veraltet, weil sich durchgesetzt hat, dass sich der Rechtsgrundsatz nicht eins zu eins auf die Geschichtswissenschaft übertragen lässt. Es kommt immer auch darauf an, aus welcher Perspektive Historiker Quellen lesen und interpretieren. Hinzu kommt die linguistisch begründete Einsicht, dass viele in den Archiven gelagerte und gedruckte Quellentexte einen Subtext enthalten, der sich nicht direkt aus dem Text, sondern erst aus dem historischen Kontext und spezifischen Eigenschaften der Quellensorte erschließt. Das ist Stoff für das historische Proseminar und darum geht es hier nicht, sondern um den in der Geschichtswissenschaft eigentlich nicht vorgesehenen Fall, dass sich forschende Historiker schon beim Durcharbeiten der Quellen gar nicht erkennen, was in den Akten steht. Zu diesem Ergebnis führt die Lektüre eines ganz jungen und eines älteren Textes.

Auch die Schweiz war früher am Sklavenhandel beteiligt

Vor einigen Wochen erschien ein "Bericht zu Handen des Präsidialdepartements der Stadt Zürich" über "Die Beteiligung der Stadt Zürich sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert". Die Autoren – Marcel Brengard, Frank Schubert und Lukas Zürcher – sind Mitarbeiter am Historischen Seminar  bzw. dem Lehrstuhl der Professorin Gesine Krüger. Der gut 50 Seiten starke Bericht beruht auf der Auswertung von Quellenbeständen im Zürcher Staatsarchiv und der neuesten Literatur. Ganz wichtig und aufschlussreich zum Sklaventransport sind für die Autoren drei Datenbanken, die erst in jüngster Zeit zur Verfügung stehen und  über jeden einzelnen Sklaventransport Auskunft geben, was mit den alten Archivbeständen nicht möglich war. Insofern hatte die ältere Forschung einen erheblichen Nachteil gegenüber der jüngeren. Das liegt in der Natur historischer Forschung.

Das Problem liegt bei einem Schweizer Historiker. Jener erforschte quellenkundig  die wirtschaftliche Verflechtung Zürichs und der Schweiz mit Europa im 18. Jahrhundert, aber er ging mit kategorialen Vorentscheidungen und ideologischer Voreingenommenheit ans Werk, so dass er Vieles gar nicht lesen konnte und wollte, was in den Quellen steht. Der Historiker Herbert Lüthy (1918-2002), der in Zürich und in Basel lehrte, aber lange in Frankreich lebte, legte 1959-1961 in zwei Bänden auf rund 1.500 Seiten die Geschichte der "Banque protestante en France de la  révocation de l’édit de Nantes à la Révolution". Dieses Werk genießt in der Fachwelt bis heute hohe Anerkennung. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn Lüthy näherte sich seinem Thema und den Quellen mit grobschlächtigen Vorurteilen. Damit setzte er sich gar nicht erst der Gefahr aus, wirklich erkennen zu müssen, was das Jahrhundert der Aufklärung unübersehbar mitprägte: Sklaventransporte, Sklavenhandel, Sklavenarbeit.

Buchumschlag in Grün und Blau von Herbert Lüthy Hauptwerk "Banque protestante"

Lange haben Historiker wie Herbert Lüthy den Diskurs über Kolonialismus bestimmt und ihn als „Erschließung, Erforschung und Besiedelung der Welt“ gelobt. DGB/NZZ

Lüthys Essay "Ruhm und Ende der Kolonisation" erschien 1957 – zwei Jahre vor dem ersten Band über die «Banque protestante», mitten im Kalten Krieg und noch während des Algerienkriegs – in der rabiat antikommunistischen Zeitschrift Der Monat, die der amerikanische Geheimdienst finanzierte, wie man heute weiß. Von Sklavenarbeit, Sklaventransporten und Sklavenhandel mochte Lüthy in den Quellen nichts entdecken, denn er ging gleich im ersten Satz des Essays von einer Differenz zwischen "Kolonisation und 'Kolonialismus'" aus. Die Differenz markierte er deutlich, indem er Kolonialismus durchgehend in Anführungszeichen setzte, so als ob es den gar nicht gegeben hätte und das Faktum aus der Welt schaffen ließe, indem er den Begriff zum "Wortbastard" erklärt. Dass die sprachliche Abhebung des Wortes keine bloße Marotte ist, sondern auf eine Unterscheidung in der Sache hinausläuft, wird schnell klar, wenn der Autor dogmatisch dekretiert: "Wo immer Kolonialpolitik über die reine Machtausübung hinaus eine innere Rechtfertigung suchte, hat sie die Kolonisation als Erziehungswerk verstanden, das sein Ende anstrebt: Emanzipation." Lüthy relativierte das zwar umgehend: "Wohl hat die Wirklichkeit nie ganz dieser verklärten Schau entsprochen; die Kolonisation war kein philanthropisches Erziehungsinstitut".

Lüthy aktualisierte letztlich die Position des antisemitischen Historiker Treitschke mit einer zeittypisch, also antikommunistisch grundierten Unterscheidung der Wirklichkeit nach Gut und Böse und Schwarz und Weiß: Er verstand sich 1957 (!) als „Advokat der letzten europäischen Kolonialmächte“ und verweist Kritiker des Kolonialismus als "unbefugte Richter" des Platzes. Für Lüthy reimt sich Kolonisation auf "Erschließung, Erforschung und Besiedelung der Welt"; obendrein sei bei diesem Prozess "der Anteil der Gewalt erstaunlich klein" gewesen. Der Autor spricht – mitten im Algerienkrieg – von widerstandsloser Kolonisierbarkeit der nichteuropäischen Welt".

In dieser Voreingenommenheit las Lüthy die Quellen und schrieb sein Buch über die Banque protestante. Daher überrascht es nicht, dass Sklaven und Sklavenhandel im Sachregister gar nicht vorkommen. Die 1755 gegründete, halbstaatliche Bank Leu & Cie. in Zürich kaufte wie der Kanton Bern Anteile an der Compagnie de la Mer sud/South Sea Company, die nach heutigem Wissen mindesten 35.00 Sklavinnen und Sklaven einkaufte, transportierte und verkaufte. Nirgends jedoch wird bei Lüthy deutlich, dass die Investitionen der Berner und Zürcher zum Sklaventransport dienten und den Boom der heimischen Textilindustrie mit Stoffdrucken belebte, weil die Sklavenhändler diese in Afrika beliebten Stoffe als Zahlungsmittel verwendeten. Grob verschleiernd ist bei Lüthy bloß von „Überseehandel“ oder „sicheren Geschäften“ die Rede. Der jüngste Bericht der Zürcher Historiker dagegen kann die Schweizer Beteiligung an immerhin 100 Sklaventransporten belegen und nennt die Geschäfte beim Namen. Die Monographie des Zürcher Historikers Hans Conrad Peyer, dem 1968 dieselben Quellen zur Verfügung standen wie Lüthy, verzeichnet Investitionen in Sklavenschiffe mit Krediten von der halbstaatlichen Bank Leu & Cie., was dem "Zürcher Staatsschatz einen schönen Erfolg" (Peyer) bescherte. Davon und vom wirklichen Zweck der Schweizer Investitionen wollte die monumentale Studie Lüthys einfach gar nichts wissen.

Sklavenhalter werden bei Lüthy zu "Händlern auf den Antillen", "Eigentümern" oder "Plantagenbewirtschaftern" aufgehübscht. Nur an einer Stelle fallen unter die gehandelten Werte außer Kaffee, Zucker und Textilien auch Sklaven.

Während der jüngste Bericht aufgrund akribischer Forschung zum nuancierten Fazit kommt, dass Schweizer Banken und die Zürcher und St. Galler Textilwirtschaft sehr eng in dem internationalen Handel mit Sklaven und mit Produkten aus Sklavenarbeit verbunden waren, präsentiert Lüthy nur die ebenso triviale wie verzerrende Einsicht: "Die Bank, das ist der Finanzdienst des internationalen Handels".

Die Historie der Sklaverei sollte im Blick haben, wer heute über eine "Konzernverantwortungsinitiative" oder ein "Lieferkettengesetz" redet und auch entscheidet.


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Kurzprofil

Rudolf Walther
ist Historiker und hat als Redakteur wie Autor des Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" gearbeitet. Seit 1994 ist er als freier Autor und Publizist tätig.
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