Deutscher Gewerkschaftsbund

10.05.2013

Wäre ich doch länger im Büro geblieben

Schuften für die Kamera: den Mythos Arbeit dekonstruieren.

von Jürgen Kiontke
Schalfender Mann auf Klo

w-film

Der Mann liegt im Bett. Kein Wecker klingelt. Gut so. Er dreht sich um und verkriecht sich in die Kissen. Arbeitszeit = Schlafenszeit. Der Einstieg von Konstantin Faigles Dokumentarfilm „Frohes Schaffen“ ist eine Absage an eben dieses: das eigentümliche Massenvergnügen, sich in mehr oder weniger sinnlosen Tätigkeiten zu verlieren, die im gemeinen Sprachgebrauch als „Arbeit“ daherkommen. Deswegen trägt er auch den Untertitel „Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“.

Allerdings hat sich der Regisseur eine Menge Arbeit gemacht und seine Faulenzer-Apologie auf 98 Minuten Länge gebracht. Die Mühe hat sich gelohnt: Beim Max-Ophüls-Filmfestival lief er, beim Kasseler Dokumentarfilmfest war das Opus magnum gar der Eröffnungsfilm. Faigles Ziel ist: Er will der Arbeit ein für alle Mal die Luft rauslassen. Dafür hat er eine Schar Gesellschaftsexperten interviewt. In zugespitzten Statements kommen Philosophen, Journalisten und Ökonomen zu Wort.

Dazwischen ergeht man sich in kleinen Spielszenen: Den Ingenieur haben sie rausgeschmissen, aber er soll sich nicht grämen. Mit dem freundlichen Nachbarn könnte er zum Beispiel Mofas zusammenschrauben. Man begleitet die freischaffende Film-Producerin durch ihr elektronisches Leben: Computer, Handy, Email - aber so sehr sie sich anstrengt, es springt kein Job dabei heraus. Arbeit macht nicht glücklich, schon gar nicht, wenn sie nicht kommt.

Mit einer gewissen unernsten Lockerheit besucht Faigle den einsamen Rentner, der als „Phantomkunde“ den Baumarkt unsicher macht, den Sozialversicherungsfachangestellten, das Burnout-Opfer. Arbeit ist kreativ. Sie produziert Langeweile, Monotonie, Überdruss, bipolare Depression und Krisen. Man fühlt sich nicht gut, das kann man sehen. Dem Typen auf dem Weg in die kassenfinanzierte Psychiatrie hängen die Schultern auf die Knie, nichts, was der Krankenkassen-Mensch an guter Laune versprüht, bleibt an dem niedergeschlagenen Individuum hängen.

Als nächstes kommt die Umfrage: „Arbeit macht Spaß“, sagt die Frau, „ohne Arbeit gibt’s kein Leben.“ - „Es ist schön, morgens aufzustehen und nette Kollegen zu haben“, kommentiert der nächste. „Ich brauche den sozialen Kontakt. Ich muss einfach arbeiten“, meint Befragter Nummer drei. Der Journalist Franz Schandl kommentiert: „Das Irrenhaus Arbeit zerfällt. Aber die Verrückten wollen nicht raus.“

Arbeit dient nicht nur dem Broterwerb, sondern erfüllt auch grundlegende Funktionen. Sie biete vermeintliche Sicherheit, sei Selbstbestätigung, gar Existenzberechtigung. „Kommst du heute Abend mit ins Theater?“ - „Nö, muss arbeiten. Schreib mir ne Mail.“ Eine Sucht sei sie, ein Fetisch, „ein Mantra, das uns tagtäglich umgibt“.

Heilig sei die Arbeit in Deutschland, ein übergeordneter Lebenssinn. Der Kern des Films ist angesprochen, der quasireligiöse Charakter des rohen Schaffens. Eine Prozession ist auch zu sehen: am Ersten Mai mit den Gewerkschaften. Trillerpfeifen, Mützen, Fahnen. Länger dem Götzen dienen wollen die Kollegen aber nicht, eher weniger: 35 Stunden Anbetung die Woche halten sie laut Transparent für völlig ausreichend.

Dann sind die theoretischen Überlegungen dran. Der Philosoph Michael Schmid-Salomon und der amerikanische Sozialhistoriker Benjamin Hunnicut rechnen durch, was die arbeitsversessene Gesellschaft für den einzelnen alles bedeutet - und wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ergebnis: Arbeit ist Strafe für die Ursünde. Adam und Eva mussten aus dem Paradies, fortan fielen ihnen die Früchte nicht mehr von selbst in den Mund.

Beziehungsweise: Der Frondienst ist ein Meister aus Deutschland: Vor der Reformation hat es 156 kirchliche Feiertage gegeben, danach nur noch zwei. Die Vorstellung greift von nun an um sich: Wer malocht, ist auserwählt. Die Profis jedenfalls versuchen seit geraumer Zeit das Rad zurückdrehen. Die Arbeitszeitverkürzung steht schon seit 1820 auf der Fahne nationaler Arbeiterbewegungen und das sind nur die aktuellen Bemühungen.

Als Jäger und Sammler in der Steinzeit jedenfalls ging man nur drei Stunden täglich arbeiten. Dann kamen die wichtigen Dinge dran: Kinder machen und hüten, Alte versorgen, mit kleinen Tieren spielen. Tom Hodgkinson, britischer Experte für Muße, Genuss und Gelassenheit, nimmt Reporter Faigle mit auf die Wiese zum Grasmähen und rumtoben. Der Dandy ist den ganzen Tag gut gekleidet und wohnt auf dem Land, wo es ihm nach eigenem Bekunden gut geht. Nun, die Sense ist auch eine Maschine.

Schnitt. Exkurs in die europäische, wenn nicht weltweite Krise der Finanzen, die auch eine Krise der Arbeit ist. Den französischen Manager hat man hinausgeworfen, er hat sich am Tisch festgekrallt. Personalüberhang hieß es. Wie das bei Krisen so ist: Wahrscheinlich wird die Arbeit verschlankt und verbessert daraus hervorgehen - mit noch längerer Arbeitszeit und noch weniger Lohn.

Und wo wir gerade bei Gott sind: Den Beelzebub hat Faigle auch auf Lager. Es ist der Lebenssinn, Unsinn, Wahnsinn - Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts für Weltwirtschaft. Der ist in der Lage an drei Talkshows zugleich teilzunehmen und in allen den immer gleichen neoliberalen Mist abzusondern. Hauptsache keiner kommt auf die Idee, dass die Welt eine andere eventuell werden könnte. „Vollbeschäftigung ist machbar“, sagt der Sinn. „Man muss nur das Sozialsystem so umstellen, dass das Mitmachen und nicht das Wegbleiben bezahlt wird.“

Der Gegenpart ist der US-Ökonom Jeremy Rifkin. Der hatte schon 1995 das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen, vorausgesagt. Bis 2020 sollen nur noch zwei Prozent der Weltbevölkerung in der Produktion tätig sein. Und dann? „Jobverlagerung gibt es nicht. Es gibt diese Jobs einfach nicht mehr“, sagt er. Dafür haben sich neue Jobmärkte etabliert. Aber wozu führt diese ganze neue Arbeit? „Ich möchte nicht mehr von Arbeitskraft, sondern von kreativer Spielkraft sprechen“, sagt Rifkin. Das Marktkapital möge bitte zum sozialen Kapital werden, Geld sei nie ein Selbstzweck.

Der Wertkritiker Norbert Trenkle hält dagegen. Das sei ja alles richtig, aber: „Ohne Kredit und Spekulation wäre man schon vor 30 Jahren platt gewesen.“ Sein Einwand kommt zur rechten Zeit. Längst ist das „frohe Schaffen“ in diesem Film in die eine oder andere Plattheit gekippt. Ruhe, Muße, frische Luft: Es gibt auch eine Menge Leute, die arbeiten, weil sie sonst verhungern. Arbeit in den vollprekären Gebieten spielt in diesem Film weniger eine Rolle. Gestalterisch ist dem Regisseur auch schon länger nichts mehr eingefallen. Die eingespielten Szenen rocken nicht mehr so richtig, die Experten wiederholen sich ein wenig.

Dennoch: Ein Bildungsprogramm war das hier allemal, eine Fleißarbeit. Und wie das mit der Schule ist, das ein oder andere rutscht auch mal durch. Faigle hat einen imposanten Film gedreht, der nicht immer die rechten Bilder findet. Da wird es wortlastig, ein Spielfilmregisseur ist Faigle nicht. Aber seine filmische Reise bringt durchaus interessante, unerwartete Weisheiten an den Tag bzw. an den Abend: Auf Hans-Werner Sinns Drohung: „Wir werden immer arbeiten müssen, weil die menschlichen Bedürfnisse nie befriedigt werden. Nicht in den nächsten tausend Jahren!“ kontert der lustige Rifkin mit einem lebensnahen Zusammenhang zwischen Religion und Arbeitszeit, vor allem ihrer Verkürzung: „Meine Frau hat mal bemerkt: Wer würde auf dem Sterbebett sagen: Wäre ich doch länger im Büro geblieben.“

Aber wie schon Georg Büchner wusste: Wenn die armen Leute in den Himmel kämen, müssten sie glatt beim donnern helfen. Im tausendjährigen Reich der Arbeit des Hans-Werner Sinn jedenfalls dürfte eine Menge Schufterei noch über ein Leben hinaus bereitstehen.

Ob diese Aussicht die Arbeitsmoral, wie beabsichtigt, senkt? Im Film grölt einer: „Jesus war ein glücklicher Arbeitsloser. Früher wurde man dafür wenigstens gekreuzigt.“ Jesus, der Faulenzer: Der hat es immerhin bisher auf ein zweitausendjähriges Reich gebracht.

 

„Frohes Schaffen“. D 2012. Regie: Konstantin Faigle. Kinostart: 2. Mai 2013


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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