Deutscher Gewerkschaftsbund

22.05.2019

Dienerinnen. Mägde. Sklaven

Die Zukunft gehört der Künstlichen Intelligenz, die modern, sicher und gemeinwohlorientiert sein soll. Welches Geschlecht wird aber der oder die oder das deutsche Roboter bekommen? Geschlechtslose Intelligenz gibt es nicht. Ein feministisch-queeres Ideal wäre da die Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft.

Von Marlene Streeruwitz

Roboter hält ein Tablett mit einem Zettel darauf in die Kamera.

Was für ein Geschlecht hat der oder die oder das Roboter? Der dienende, unterwürfige wird wie hier gern weiblich dargestellt. DGB/Scott Betts/123rf.com

Es kann auch auf Vergewaltigungsmodus geschaltet werden. Der oder die oder das Sexroboter hat viele Programme zur Verfügung der Person, die den oder die oder das Roboter einschaltet. Und wie immer. Das allgemeine Interesse für die technical aliens, die die Roboter sind, beginnt mit Sex. Die deutsche Bundesregierung jedenfalls hat die Sexroboter auf Krankenkasse schon einmal abgelehnt. Wer weiß auch schon, was da für Kosten auf die Krankenkassen zugekommen wären. Und wie immer. Es geht vor allem um den Verkauf weiblicher Roboter. Beim Sex. Willfährige, sprachlose Weiblichkeit...

Der Traum von der willfährigen und nichts fragenden Frau

Aber. Was hat so ein technisches Objekt eigentlich für ein Geschlecht. Da gibt es anatomische Hinweise. Ja. Aber welcher Vorstellung von Geschlecht folgt die Programmierung dann. Wer legt denn fest, was eine Frau ist und wie sie reagiert. Und wenn es ums Marketing eines Produkts geht. Die abgebrauchtesten Stereotypen tauchen da wieder auf. Neu verpackt. Und wieder. Der Traum von der willfährigen und nichts fragenden Frau. Im Roboterformat lässt er sich nachstellen. Die Sexsklavin. Die Sklavin überhaupt. Über Weiblichkeitsphantasien lässt sich das Modell der Sklaverei auf diese technischen Objekte übertragen. Eine Unterstufe von Existenz und industriell hergestellt. Das lässt Dominanzphantasien zu.

Nun soll Künstliche Intelligenz das Markenzeichen für Deutschland werden. Moderne, sichere und gemeinwohlorientierte Künstliche Intelligenz soll das sein. Der europäische Wertekanon wird die Grundlage bilden, wird in der Regierungserklärung geschrieben. Was heißt das nun, wenn der oder die oder das Roboter eine Straftat im Programm hat. Der Strafrahmen für Vergewaltigung reicht in Deutschland von mindestens 6 Monaten bis zu 15 Jahren. In Österreich von mindestens 1 Jahr bis 10 Jahre. Der oder die oder das Sexroboter ist da das beste Beispiel, welch grundlegende Folgen mit den Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz auf uns zukommen. 

Bild aus dem Film Wall-E mit den Robotern Wall E und Eve.

Die Frage der Geschlechterrollen beschäftigt auch Science-Fiction-Filme seit einer Weile. In dem Film WALL-E wird sie spielerisch umgekehrt, ohne dass es groß thematisiert würde. disneypictures.net

Also. Es geht darum, technische Objekte demokratisch willkommen zu heißen. Ja. Demokratisch und willkommen. Der oder die oder das Roboter wird in nicht allzu langer Zeit in der Lage sein, selbstständig zu lernen und zu netzwerken und daraus wieder zu lernen. Der oder die oder das Roboter wird von Personen so gemacht, dass sie selbstständig lernen und netzwerken können. Das ist eine neue Form der Fortpflanzung. Die Personen, die herstellen. Es sind die Persönlichkeiten dieser Personen, die auch ihr Unbewusstes miteinbringen. Die so hergestellten Roboter tragen die vielen bewussten und unbewussten Anteile der, sie hergestellt habenden Personen weiter.

Und was bedeutet das nun für das Geschlecht, das nun bewusst oder unbewusst bei der Herstellung mitgedacht worden war. Oder mitgefühlt. In gewisser Weise ist dieser Vorgang, mit dem zu vergleichen, wie diese Überfülle an Informationen in Kunstwerken angelegt werden kann. Es geht um jene Kommunikation, die in den Verknüpfungen selbst der Mitteilungen verwoben ist. Eine Überfülle ist das, die für sich genommen keine Freiheit bedeutet. Erst eine Anordnung dieser Überfülle mit dem Ziel der Freiheit macht dann die Bezeichnung Kunst möglich.

Mit dem Erfolg rechter Parteien kehren vormoderne Geschlechterstereotypen wieder

Künstliche Intelligenz beruht wie ein Kunstwerk auf den Voraussetzungen und Prägungen der herstellenden Person. Da spielt das Geschlecht die Hauptrolle. Aber. Die europäischen Werte der Gleichberechtigung der Geschlechter haben noch lange nicht genug gewirkt, enthaltsame Sprache zuzulassen. Und. Die Wirkung des europäischen Wertekanons wird in jeder der europäischen Kulturen eine andere Entfaltung erfahren. Der Rechtsruck in so vielen Ländern Europas lässt sich ja gerade an der Wiedereinführung vormoderner Geschlechterstereotypien ablesen.

Welches Geschlecht wird also der oder die oder das deutsche Roboter bekommen. Und. Geschlechtslose Intelligenz gibt es nicht. Es kann nur über die Vorstellung der Gleichberechtigung aller Geschlechter zu einer demokratisch vielfältigen Politik gefunden werden. Der oder die oder das Roboter wird das Geschlecht offenlegen müssen. Beziehungsweise. Und damit kommen wir auf die Sklaventräume sexueller Perversionen zurück. Es wird zu bestimmen sein, welchem Geschlecht der oder die oder das Roboter zuzurechnen wäre. Eine Zuweisung wird das sein, die dann immer noch mehr über das Geschlecht der Herstellenden erzählen wird als über den oder die oder das Roboter.

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Künstliche Intelligenz beruht wie ein Kunstwerk auf den Voraussetzungen und Prägungen der herstellenden Person. Da spielt das Geschlecht die Hauptrolle - auch wenn sie in der Matrix verborgen ist.

Das wiederum bedeutet, dass wir uns alle mit der Herstellung Künstlicher Intelligenz beschäftigen müssen. Und. Dass wir mitbestimmen dabei. Und. Darin läge eine unglaubliche Möglichkeit in einem Prozess des Erkennens des Eigenen die Grundlagen für das zu bildende Neue und Andere der technischen Objekte durchzuarbeiten. Dann. Was für eine Bildung liegt dann etwa der zu schaffenden Künstlichen Intelligenz zugrunde. Welches Bild von den Geschlechtern stellt sich dann daraus her. Wie offen für anderes Wissen wird dieses Denken dann sein. Werden wir also wieder mit dem überkommenen "Speckrockwissen" der hegemonialen Eliten konfrontiert werden, das in vollkommener Gefühllosigkeit weitergegeben werden kann. Denn auch das Erlernen von Gefühlen wird von Personen einprogrammiert. Nach Modellen wird das gehen. Welche Modelle werden da die Vorlage bilden.

Nun haben wir lernen müssen, dass die Voraussagen technischer Entwicklungen ziemlich zutreffend sind. Der oder die oder das Roboter wird zu einer Wirklichkeit werden. Diese Wirklichkeit wird die Arbeitswelt besonders betreffen. Wird der Betriebsrat mitbestimmen, welche Modelle der Personenbildung Grundlage für die mitarbeitenden Roboter werden sollen. Wie wird der oder die oder das Roboter denken dürfen. Die Erfahrungen mit dem Internet sollten uns beigebracht haben, dass es vom Anfang einer technischen Entwicklung an notwendig ist, die Richtung mitzubestimmen. Im Fall der Roboter wird es notwendig werden, eine Art Ideal zu entwickeln, nach dem die Einbindung der Künstlichen Intelligenz stattfinden soll. Ein feministisch-queeres Ideal wäre da die Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft.

Wir sollten an der Bildung dieser netzwerkenden technischen Objekte beteiligt sein

Nur demokratisch mitgedachte technische Objekte können uns davor bewahren, die Künstliche Intelligenz als Waffe ansehen zu müssen. Oder als Straftäter. Oder als unverständliche Feinde. Wir sollten an der Bildung dieser lernenden und netzwerkenden und mitarbeitenden technischen Objekte beteiligt sein. Und. Wir könnten damit an der Bildung unserer Demokratie arbeiten, weil die persönlichen Beziehungen noch einmal anders in Frage stehen, wenn wir die Selbstverständlichkeit unseres Gewordenseins befragen müssen. Und wenn wir durch Roboter irgendeines Geschlechts ersetzbar werden. Privat und öffentlich.

Eine Befragung könnte das sein, die all die Ungereimtheiten unseres persönlichen Werdens offenlegte. Und. Die politischen Interessen beschreiben könnte, die uns zu denen machen, die wir dann auch sein müssen. Ein großer, gesellschaftlich analytischer Prozess könnte das sein. Die Wahrheit könnte sich herausstellen. Die Wahrheit über die tief verwurzelten Hierarchien der Geschlechterpolitik. Und wie die Ungerechtigkeit der Welt auf diesen Hierarchien aufbaut. Wie Sklaverei zustande kommt und wie sie abgeschafft werden kann.


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Kurzprofil

Marlene Streeruwitz
Geboren in Baden bei Wien (Niederösterreich). Studium der Slawistik und Kunstgeschichte. Freiberufliche Autorin und Regisseurin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Lebt in Wien, London und New York.
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