Deutscher Gewerkschaftsbund

13.09.2010

Brotlose Spiele

Als sich Angela Merkel anno 2005 – mit Mühe – zur Kanzlerin aufschwang, lag dichter publizistischer Pulverdampf über der Hauptstadt. Leitmedien von Bild bis Spiegel, von Zeit bis Superillu, hatten aus allen Rohren gefeuert, um ihr an die Macht zu verhelfen. Weil sie sich als marktradikale Küchenchefin anpries.

Und diese Rezepturen waren gerade schwer en vogue: Den Staat „verschlanken“, die Wunderkraft der Märkte entfesseln, weg mit den Regeln, runter mit den Steuern. Schon ihr Vorgänger Gerhard Schröder, mit reichlich Testosteron, aber schwindendem gesellschaftspolitischen Esprit am Werk, hatte solches Denken immer öfter als „alternativlos“ empfunden.

Vereint wie selten zuvor gruselten sich Deutschlands Alphajournalisten also vor dem „rot-grünen Desaster“ (Spiegel) und lärmten für eine zügige Auswechselung an der Spitze. Das öffentliche Merkel-Bild, zuvor von einer Topffrisur und traurig-tiefen Mundwinkeln geprägt, wandelte sich nun ins Strahlende. Plötzlich lächelte sie von den Titelseiten, als sei sie just dem Heiland begegnet. Wo kamen auf einmal alle diese Bilder her? Hatte sie ein Feuer in sich entfacht? Oder war doch Photoshop im Spiel?

Umso härter die Strafe, als sich diese Kanzlerin, eingebunden in eine Große Koalition, nicht als Reinkarnation der Margaret Thatcher entpuppte. Alsbald mäkelte das notorische Talkshow-Personal aus dem rhetorischen Fuhrpark der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wieder auf allen Kanälen: Noch mehr Markt! Auch der deutsche Leitartikler schimpfte zunehmend gereizt: Weg mit der Krake Staat! So wurde die schwarz-rote politische Konstellation ebenso wuchtig niedergeschrieben.

Zwischen den Wahlen 2005 und 2009 lag die große Krise. Die nicht nur die Weltwirtschaft erschütterte, sondern auch die Kathedrale des Neoliberalismus zum Einsturz brachte. Das Marktgeschrei ist seither nicht verstummt, aber doch deutlich gedämpft. Selbst der FDP, der letzten deutschen Weihestätte der Marktanbetung, spielt das Spiel der freien Kräfte nun übel mit. Was kein Jammer ist. Das Dilemma ist ein anderes: Die Niedergang des Neoliberalismus macht die Visionslosigkeit komplett. Kein akzeptierter Entwurf einer besseren Welt scheint mehr übrig. Es gibt kein Modell mehr, nur den schwer humpelnden Kapitalismus, vor dem jetzt alle ein bisschen zittern.

Der Ton hat sich spürbar verändert. 2005 konnte man aus dem Krach des publizistischen Blasorchesters, mit viel gutem Willen, noch ein Verlangen nach dem Neuem heraushören, nach der besseren Idee und einer sie umsetzenden Kraft. Seit 2009 hingegen herrscht der grundgelangweilte Überdruss. Immer häufiger zeigen sich Journalisten und die von ihnen mit Vorliebe zitierten Zeitgenossen angewidert vom politischen Betrieb und ihrer Akteure an sich, ganz pauschal. Immer öfter heißt es, ,die Politiker“ seien ohnehin alle nutzlos, „die Politik“ könne dieses und jenes wohl niemals richten. Sofern sie nicht schon als prinzipiell verlogen, unheilbar verdorben, als sowieso dumm, korrupt und kriminell abgehakt ist.

Man mag nicht Weimar schreien. Weil das immer falsch klingt. Wir weinen keinem Monarchen hinterher. Auch der Gleichschritt ist nicht wirklich populär. Und doch ist der aktuelle Polit-Ekel, diese zunehmende Verachtung des politischen Prozesses schlechthin, eine Gefahr für die Demokratie. Weil hier eine irrationale Heilserwartung lauert, die Sehnsucht nach dem Erlöser, dem Retter mit der einfachen Zauberformel, dem starken Mann mit der harten Hand.

Das ist just der Humus, auf dem Populisten rundum gut gediehen sind. Schon Österreichs Jörg Haider wurde auf einer Welle des Politikverdrusses nach oben gespült. Auf den Trümmern der Parteiendemokratie machte sich in Italien mit geballter Medienmacht ein Berlusconi breit, der in der Rolle des virilen Anti-Politikers schon dreimal siegen konnte. Ein Postdemokrat wie Nicolas Sarkozy braucht die Medien gar nicht zu besitzen. Es reicht ihm, ein paar gute Freunde einzuladen, um Frankreichs veröffentlichte Meinung an einem Tisch zu versammeln. In der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, Ungarn und anderswo in Europa fahren Rechtspopulisten immer wieder reiche Ernte ein. Gemeinsam ist all diesen Kräften die Fähigkeit, mit ihren Parolen und Gestalten den Diskurs zu kapern, mit simplen Slogans und starken Emotionen die Öffentlichkeit in ihren Ländern zu dominieren.

Deutschland scheint – trotz eines „Aufregers“ wie Sarrazin (brought to you by Bild und Spiegel) – noch weit entfernt von solcherart Verrohung. Hier zeigt sich der Verfall von Öffentlichkeit zunächst im zunehmenden Blutverlust bei der Vermittlung demokratischer Prozesse. Alles reduziert sich auf Gesichter, auf Talk, Show und Streit. Wir Journalisten scheinen immer weniger in der Lage, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge wirklich zu erfassen und auf den Punkt zu bringen. Fehlt uns inzwischen die Sprache, die Begrifflichkeit, mangelt es uns an brauchbaren Kategorien und Rastern? Gar an einer halbwegs kohärenten "Weltanschauung"? Es bleiben nur Sachzwang und Zynismus. Dürr ist das Stroh, das wir dreschen.

Ein Zeichen hierfür ist die wachsende Beliebigkeit, mit der Sujets wie Akteure in Medien abgehandelt werden. Der nassforsche Gleichklang im Urteil. Zum Beispiel über Angela Merkel. Gestern noch galt sie den Meinungsführern als kluge, kühle Physikerin der Macht. Heute heißt es, sie sei konzeptlos und entscheidungsschwach. Jetzt ist sie die Dumpfnudel aus der Uckermark, die ihren rundum kindischen Kabinetts-Haufen nicht ruhigzustellen vermag. Und morgen?

Dieser Art von Kritik geht es nicht um Inhalte, nicht um die konkreten Themen, nicht um all die ganz real misslungene Politik  – von Atom über Mindestlohn bis Zuwanderung. Sie sieht nicht, dass hinter den Konflikten auch dieser Regierung heftig widerstreitende Interessen stehen. Sie will sich nur ein bisschen lustig machen über das Ganze – um sich darüber zu erheben. Dahinter steckt tiefe Ratlosigkeit. Die sich Bahn bricht als Lust auf mehr Aura und Grandiosität, mehr Glanz und Lametta. Nach ganz großen, wärmenden Worten. Nach Bedeutung und Kraft. Es sind brotlose Spiele. Sie wirken letztlich zerstörerisch.


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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
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