Deutscher Gewerkschaftsbund

16.03.2020

Menschen- und Tierrechte in Zeiten von Corona

Auf Chinas Märkten werden wie in Vietnam oder auf den Philippinen oft Tiere frisch geschlachtet. Das ist nicht nur hygienisch ein Problem und Ursache für Pandemien wie Covid-19, sondern obendrein Tierquälerei. Wenn Länder wie China Menschen und Tieren Leid ersparen wollen, muss diese Praktik sofort aufhören - und zwar weltweit.

 

Von Paola Cavalieri und Peter Singer

Lebende Hühner stehen in Käfigen auf einem Marktstand in China. Der Verkäufer hält ein Huhn an den Krallen in der Hand. Schilder geben die Preise an.

Auf Frischfleich- Märkten (wet markets oder auch Feuchtmärkte genannt) werden Tiere lebendig angeboten, geschlachtet und verkauft. Sie sind höchst wahrscheinlich Ausgangspunkt von Pandemien wie Sars und Covid-19. DGB/Baloncici/123rf.com

Die Welt hält den Atem an wegen der Verbreitung des neuen Corona-Virus Covid-19. Die Regierungen ergreifen oder bereiten drastische Maßnahmen vor, die zwangsläufig die Rechte und Freiheiten des Einzelnen dem allgemeinen Wohl opfern werden. Einige konzentrieren ihre Wut auf Chinas anfängliche Intransparenz über den Ausbruch. Der Philosoph Slavoj Žižek hat von "rassistischer Paranoia" gesprochen, die bei der Besessenheit mit Covid-19 am Werk ist, wenn es viele schlimmere Infektionskrankheiten gibt, an denen täglich Tausende sterben. Diejenigen, die zu Verschwörungstheorien neigen, glauben, dass das Virus eine biologische Waffe ist, die auf Chinas Wirtschaft abzielt. Nur wenige erwähnen die Ursache der Epidemie, geschweige denn, dass sie sich mit ihr auseinandersetzen.

Immer wieder kommt ein Virus von Märkten, wo Tiere frisch geschlachtet werden

Sowohl die Sars-Epidemie (Schweres Akutes Atemwegssyndrom) von 2003 als auch die aktuelle Epidemie lassen sich auf Chinas "Feuchtmärkte" zurückführen - Märkte unter freiem Himmel, auf denen Tiere lebend gekauft und dann an Ort und Stelle für die Kunden geschlachtet werden. Bis Ende Dezember 2019 hatte jeder, der von dem Virus betroffen war, eine Verbindung zum Huanan-Markt in Wuhan.

Auf Chinas Feuchtmärkten werden viele verschiedene Tiere verkauft und zum Verzehr getötet: Wolfswelpen, Schlangen, Schildkröten, Meerschweinchen, Ratten, Otter, Dachse und Zibet. Ähnliche Märkte gibt es in vielen asiatischen Ländern, etwa in Japan, Vietnam und den Philippinen.

In den tropischen und subtropischen Gebieten der Erde werden auf Feuchtmärkten lebende Säugetiere, Geflügel, Fische und Reptilien verkauft, die zusammengepfercht sind und ihren Atem, ihr Blut und ihre Exkremente teilen. Wie der Journalist des US National Public Radio, Jason Beaubien, kürzlich berichtete, ist der Markt für Säugetiere in tropischen und subtropischen Gebieten der Erde ein wichtiger Markt: "Lebende Fische in offenen Wannen spritzen Wasser über den ganzen Boden. Die Arbeitsplatten der Stände sind rot vor Blut, wenn die Fische direkt vor den Augen der Kunden ausgenommen und filetiert werden. Lebende Schildkröten und Krustentiere klettern in Kisten übereinander. Das schmelzende Eis trägt zum Schneematsch auf dem Boden bei. Es gibt eine Menge Wasser, Blut, Fischschuppen und Hühnerdärme". Feuchte Märkte, in der Tat.

Vier tote Hühner liegen gerupft, aber sonst im ganzen, auf einem Holztisch.

Für die Tiere sind Feuchtmärkte die Hölle auf Erden - mit einem absehbar grausamen Ende. DGB/Maurizio Biso/123rf.com

Wissenschaftler sind sich einig: Die Haltung verschiedener Tiere auf engstem Raum über längere Zeit und nahe von Menschen schafft eine ungesunde Umgebung. Sie ist wahrscheinlich die Quelle der Mutation, die es Covid-19 ermöglichte, den Menschen zu infizieren. Genauer gesagt: Ein hier schon länger existierender Corona-Virus mutierte, als es vom nichtmenschlichen Wirt zum nichtmenschlichen Wirt wechselte. Es erlangte die Fähigkeit, sich an menschliche Zellrezeptoren zu binden und sich so an den menschlichen Wirt anzupassen.

Bei der Sars-Epidemie wurden Wildtiermärkte in China geschlossen - für nur sechs Monate

Dies veranlasste China am 26. Januar, ein vorübergehendes Verbot des Handels mit Wildtieren zu verhängen. Es ist nicht das erste Mal, dass das Land so auf eine Epidemie reagiert. Auch nach dem Sars-Ausbruch 2002 verbot China die Zucht, den Transport und den Verkauf von Zibetkatzen und anderen Wildtieren. Das Verbot wurde jedoch sechs Monate später schon wieder aufgehoben.

Heute verlangen viele eine dauerhafte Schließung der "Wildtiermärkte". Der Leiter der chinesischen Stiftung für Artenvielfalt und grüne Entwicklung Zhou Jinfeng fordert, den "illegalen Handel mit Wildtieren" auf unbestimmte Zeit zu verbieten, und verweist darauf, dass der Nationale Volkskongress einen Gesetzentwurf zur Ächtung des Handels mit geschützten Arten diskutiert. Die Konzentration auf geschützte Arten ist jedoch ein Trick. Sie soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den schrecklichen Umständen ablenken, unter denen Tiere auf Feuchtmärkten leben und sterben müssen. Was die Welt wirklich braucht, ist ein dauerhaftes Verbot dieser Märkte.

Für die Tiere sind sie die Hölle auf Erden. Tausende empfindungsfähiger Lebewesen ertragen stundenlanges Leiden und Qualen, bevor sie brutal abgeschlachtet werden. Dies ist nur ein kleiner Teil des Leidens, das die Menschen den Tieren in jedem Land systematisch zufügen - in den Fabrikfarmen, den Labors und der Unterhaltungsindustrie.

Die aktuelle Weltkarte mit den Zahlen der Corona-Infizierten. Rote Kreise markieren die betroffenen Regionen.

Die aktuelle Karte der Corona-Infizierten zeigt erste Besserung in China und Südkorea, während in Italien, den USA oder Deutschland die Zahlen noch erheblich steigen. DGB/Johns Hopkins University

Wenn wir nicht darüber nachdenken, was wir tun – so wie meistens – rechtfertigen wir es. Wir gehen von der angeblichen Überlegenheit unserer Spezies aus, ähnlich wie die Weißen früher an die angebliche Überlegenheit ihrer Rasse glaubten, um die Unterwerfung "minderwertiger" Menschen zu rechtfertigen. Doch in diesem Augenblick, in dem lebenswichtige menschliche Interessen so eindeutig den Interessen der nichtmenschlichen Tiere entsprechen, sollten wir unsere Einstellung gegenüber den Angehörigen der nichtmenschlichen Spezies ändern und ihr Leiden vermindern.

China muss die "Feuchtmärkte" schließen. Das mindert Leid für Mensch und Tier

Um ein Verbot der Feuchtmärkte zu erreichen, müssen wir einige spezifische kulturelle Präferenzen überwinden. Und wir müssen mit Widerstand rechnen, weil ein Verbot wirtschaftliche Härten für diejenigen verursachen würde, die ihren Lebensunterhalt auf den Märkten verdienen. Aber selbst ohne die moralische Rücksichtnahme auf nichtmenschliche Tiere werden letztlich diese Bedenken eine geringe Rolle spielen. Entscheidend wird sein, welch katastrophale Auswirkungen immer häufigere Epidemien und vielleicht Pandemien haben werden.

Der Hongkonger Schriftsteller Martin Williams, der sich auf Naturschutz und Umwelt spezialisiert hat, trifft es genau: "Solange es solche Märkte gibt, werden wahrscheinlich immer wieder neue Krankheiten entstehen. Es ist für China an der Zeit, diese Märkte zu schließen. Mit einem Schlag würde es Fortschritte bei den Tierrechten und beim Naturschutz machen und gleichzeitig das Risiko verringern, dass eine Krankheit 'Made in China' Menschen weltweit schadet".

Wir möchten jedoch noch weiter gehen. Tragödien haben in der Geschichte schon manchmal zu wichtigen Veränderungen geführt. So müsste es auch hier sein. Daher sollten Märkte, auf denen lebende Tiere verkauft und geschlachtet werden, nicht nur in China, sondern auf der ganzen Welt verboten werden.

 


Aus dem Englischen von Daniel Haufler / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Paola Cavalieri
ist eine italienische Philosophin.
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Peter Singer
ist ein weltweit bekannter australischer Philosoph und Ethiker. Er lehrt am Center for Human Values der Princeton University
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