Deutscher Gewerkschaftsbund

29.05.2011

Gewerkschaften im geteilten Deutschland

von Nicholas John Williams

Mit seiner 2008 eingereichten Dissertation legte der Kollege Jens Hildebrandt 2010 eine detailreiche Studie zur Entwicklung der deutsch-deutschen Gewerkschaftsbeziehungen vor, die vom Inhalt und vom Ansatz her einzigartig ist, denn allein eine quellenbasierte, akribische Studie des FDGB fehlte bislang.

Standen frühere Forschungen zur Gewerkschaftsgeschichte – die unberechtigterweise als Forschungsgegenstand in den letzten Jahren aus der Mode gekommen ist – noch in der strukturgeschichtlichen Tradition, besticht die Studie Hildebrandts mit einem innovativen akteurszentrierten Ansatz. Dieser Ansatz ruft ein ums andere Mal in Erinnerung, dass Gewerkschaften – und Gewerkschafter –  keine Objekte, sondern Subjekte der Geschichte sind, wenn auch deren Handlungsfreiheiten im Rahmen des Systemwettstreits zwischen Ost und West gewisse Grenzen gesetzt waren, wie Hildebrandt an mehreren Stellen deutlich macht.

Es kristallisieren sich mehrere größere Entwicklungslinien im Verhältnis zwischen DGB und FDGB, und damit auch in der Theoriebildung der Studie heraus. Beide Gewerkschaftsverbände versuchten für ihr eigenes Verständnis der Arbeitsbeziehungen und damit auch für ihre politische Grundauffassung zu werben. Detailliert arbeitet Hildebrandt heraus, dass Gewerkschaftsfunktionäre in beiden deutschen Staaten gesamtdeutsch dachten, und entsprechend zu handeln versuchten. Hier liegt sicher eines der spannendsten Momente der Studie, denn es entsteht eine deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte auf mehreren Ebenen und damit eine „Histoire Croisée“ im Werner’schen und Zimmermann’schen Sinne. Bedauerlich ist höchstens, dass Hildebrandt diesen fruchtbaren Ansatz, der vielleicht auch erst im Laufe der Arbeit entstandenen ist, als solchen nicht benennt.

Gewerkschaften unter der Avantgarde

Als weitere Entwicklungslinie zeigt sich, dass der FDGB in der Deutschlandpolitik gerne versucht hätte, mehr politische und organisatorische Eigenständigkeit zu entwickeln und Handlungsspielräume gegenüber der SED auszureizen. Hier jedoch zeigten sich schnell die Grenzen einer Diktatur, nach deren Selbstverständnis die Partei die „Avantgarde“ war, deren Zielen sich alle anderen Organisationen, allen voran die Gewerkschaften, unterzuordnen hatten. Bis zur Neuen Ostpolitik Ende der 1960er Jahre kam es auf offizieller Ebene zu keinen Beziehungen zwischen DGB und FDGB, was vonseiten des DGB in erster Linie daran lag, dass mit der Aufnahme offizieller Kontakte zum FDGB eine unnötige Anerkennung der DDR und ihres politischen Systems erfolgt wäre. Die Diffamierungs- und Schmutzkampagnen des FDGB gegen einzelne DGB-Funktionäre taten hierzu ihr Übriges. So lassen sich die deutsch-deutschen Gewerkschaftsbeziehungen bis 1969 als recht lang anhaltende, stellenweise statische Perpetualisierung eines Status Quo bezeichnen, innerhalb dessen höchstens einzelne und persönliche Kontakte auf Funktionärsebene entstanden, die eher alten Freundschaftsnetzwerken und der gemeinsamen Erfahrung der Verfolgung vor 1945 geschuldet waren. In anderen Worten, wo Kontakte bestanden, existierten diese eher trotz der organisatorischen Verwurzelung ihrer Träger, als dass der institutionelle Gewerkschaftsrahmen zum Aufbau dieser Kontakte genutzt worden wäre.

Der Zehnerkreis

Besonders bestechend ist Hildebrandts Analyse der Sozialisation einzelner Gewerkschaftergenerationen. Hier sticht der Zehnerkreis um Sigmund Neumann, zu dem auch Otto Brenner gehörte, besonders hervor. Noch zu Weimarer Zeiten im linkssozialistischen Milieu sozialisiert, entwickelten diese Protagonisten der späteren Auseinandersetzung mit dem FDGB eine weitestgehend unabhängige Theorie und Programmatik, die Hildebrandt als „demokratischen Antikommunismus“ beschreibt und die von einer gewissen Offenheit gegenüber radikalreformerischem Gedankengut geprägt war. In der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus führte sie jedoch zu einer immer weiteren Abgrenzung von Moskau und seinen Satelliten. Diese These – neben der Entdeckung dieser weitgehend unbekannten Facette Otto Brenners – ist hochgradig interessant und sollte in der weiteren Forschung diskutiert werden, denn es bleibt noch zu differenzieren, inwiefern es sich hier um „Antikommunismus“ handelte, der begrifflich an die undemokratische Hexenjagd unter den Vorzeichen des Kalten Krieges erinnert. Diese wurde im Sinne der deutschen Elitenkontinuität von jenen vorangetrieben, die zum Teil auch schon vor 1945 mit der Verfolgung von Kommunisten beschäftigt waren (und deren Motivation nicht in demokratischem Gedankengut wurzelte), so dass der Begriff „antikommunistisch“ vorbelastet und damit selbst in dem Kompositum „demokratischer Antikommunismus“ nicht unproblematisch ist. Aus diesem Grund handelte es sich beim „Zehnerkreis“ wohl eher um einen demokratisch-sozialistisch motivierten Antistalinismus, den gerade jene entwickelten, die mit dieser pervertierten Form des Marxismus in praktischer Hinsicht konfrontiert worden waren, und die (wie Otto Brenner) erkannt hatten, dass der Stalinismus mit dem XX. Parteitag der KPdSU  mitnichten tot war. Es ist daher ein Verdienst Hildebrandts, diese Spielart des demokratischen Sozialismus als solche analysiert und herausgearbeitet zu haben, wobei genaue Begrifflichkeit und Differenzierung des „demokratischen Antikommunismus“ Gegenstand weiterer Debatten und Forschung werden sollte.

Was bleibt?

In welcher Form bleibt Hildebrandts Studie und ihr Untersuchungszeitraum heute relevant? Die Integration linkssozialistischer Kräfte, die bis hin zur demokratischen Einbindung kommunistischer Elemente reicht, funktioniert heute im DGB wesentlich besser, wenn auch nicht ganz konfliktfrei. Dies liegt sicher am Wegbrechen des Kalten Krieges samt seiner ideologischen Korsette sowie, trotz aller Vorbehalte gegenüber einzelnen Protagonisten, an der in den letzten Jahren stattgefundenen und letztlich begrüßenswerten Differenzierung des politischen Spektrums in Deutschland. Die Festlegung gemeinsamer gewerkschaftlicher Ziele, in der gewerkschaftliche Auseinandersetzungen weder sozialdemokratischer Deutungshoheit unterstehen noch als imaginäre Plattform mit eingebauter Klassenkampfteleologie dienen, wird sicher anhalten. Auf welchen Werten und auf welchem Fundament diese Ziele in der Vergangenheit beruhten, hat Hildebrandt aufgezeigt. Welche Richtung diese Auseinandersetzungen in der Zukunft nehmen, sollte daher eng mit zur innergewerkschaftlichen Diskussion um diese Pionierstudie gehören. Eine stark gekürzte, leichter lesbare und nicht allein auf ein wissenschaftliches Publikum zugeschnittene Neuauflage wäre schlussendlich bestens geeignet, diese Debatte weiter anzustoßen.

Jens Hildebrandt: Gewerkschaften im geteilten Deutschland. Die Beziehungen zwischen DGB und FDGB vom Kalten Krieg bis zur Neuen Ostpolitik 1955-1969. Mannheimer Historische Forschungen Band 31, St. Ingbert 2010.

Nicholas John Williams ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität des Saarlandes


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