Deutscher Gewerkschaftsbund

27.11.2019

Ein Patriot gegen Präsident Trump

Der Ukraine-Skandal in den USA wird immer mehr zu einem Kampf zwischen den Republikanern, die Donald Trumps korrupte Amtsführung um jeden Preis verteidigen, und den Demokraten, die Amerikas Werte hochhalten. Das wurde besonders deutlich als letzte Woche Oberstleutnant Alexander Vindham im Kongress aussagte. Gewinnen dennoch die Republikaner, ist der Niedergang besiegelt.

 

Von Ian Buruma

Donald Trump steht gemeinsam mit Mike Pence vor seinem Schreibtisch im Oval Office. Neben Pence liegt ein Malinois, ein belgischer Schäferhund, auf dem Boden.

Einwanderer als Helden sind Präsident Trump und Vize Pence nicht willkommen - es sei denn, es ist ein belgischer Schäferhund (Malinois), der geholfen hat, den IS-Chef-Terroristen al-Baghdadi zu töten. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Es war ein außergewöhnliches Spektakel. Oberstleutnant Alexander Vindman, ein hochdekorierter Offizier der US-Streitkräfte, sagte am 19. November im Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump in Paradeuniform vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses aus. Vindman wusste, dass seine Aussage seine militärische Karriere ruinieren könnte. Doch er sah es als seine Pflicht an, der Besorgnis Ausdruck zu verleihen, dass Präsident Donald Trump versucht hat, die nationalen Interessen der USA zu untergraben, um seine eigenen politischen Interessen zu verfolgen.

Die Republikaner beleidigen einen amerikanischen Vorzeigehelden

Alle wichtigen US-Medien berichteten detailliert, wie Trump sich monatelang bemühte, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dazu zu bringen, eine strafrechtliche Untersuchung seines politischen Gegenspielers Joe Biden und dessen Sohn Hunter öffentlich anzukündigen. Auch die Auswirkungen dieser Bemühungen auf die US-Politik in der Region wurden erschöpfend, wenn auch oft in parteilicher Weise dargestellt. Oberstleutnant Vindmans Zeugenaussage begann seine Aussage sehr patriotisch. "Als junger Mann", so Vindman gegenüber dem Ausschuss, "entschloss ich mich, den Rest meines Lebens in den Dienst dieser Nation zu stellen, die meiner Familie Zuflucht vor autoritärer Unterdrückung bot. In den letzten 20 Jahren war es eine Ehre für mich, dieses großartige Land zu vertreten und zu schützen."

Dies hätte Vindman für die Republikaner Vorzeigehelden machen müssen, da ja sonst stets die Liebe zum Vaterland und militärische Tapferkeit in höchsten Tönen preisen. Obendrein hat Vindman noch immer Granatsplitter aus seinen Kampfeinsätzen im Irak im Körper. Doch die Republikaner beleidigten ihn, indem sie seine Loyalität gegenüber den USA in Zweifel zogen. Vindman wurde als Kind jüdischer Eltern in der Ukraine geboren und emigrierte im Alter von nur drei Jahren mit seinem Vater und seinen Brüdern nach Amerika. Der Rechtsberater der Republikaner jedoch unterstellte, dass er besonders loyal gegenüber der Ukraine empfinden könnte. Vindman musste sogar das ranghöchste Republikanische Ausschussmitglied, Devin Nunes, korrigieren, weil Nunes ihn nicht mit seinem Dienstgrad angesprochen hatte; und Fox News unterstellte sogar zynisch, er ein sei womöglich ein Doppelagent.

Oberstleutnant Alexander Vindman steht hinter einem Tisch in einem Raum des US-Repräsentantenhauses und wartet auf seine Aussage, währenddesen fotografieren ihn Fotografen.

Früher hätten die Republikaner einen patriotischen Militär wie Alexander Vindman hofiert, heute verspotten sie ihn, weil er Donald Trump in der Ukraine-Affäre belastet. DGB/dah

Es fiel den Demokraten zu, Vindman für seinen Dienst gegenüber den USA und die von ihm erbrachten Opfer zu danken. Die Gründe für diese profunden Unterschiede in den Äußerungen gegenüber einem Offizier mit makelloser Dienstakte waren natürlich politischer Art. Die Republikaner versuchten, Trump gegen den Vorwurf eines Fehlverhaltens in Schutz zu nehmen, das ein Amtsenthebungsverfahrens rechtfertigt. Und Vindman wiederum untergrub diese Bemühungen, indem er den Vorwurf bestätigte.

Patriotismus aus Dankbarkeit ist der beste Patriotismus

Trotz der Republikanischen Bemühungen, Vindmans Treue zu den USA in Zweifel zu ziehen – eine gängige Angriffstaktik gegenüber Juden –, scheint sein Patriotismus außer Zweifel zu stehen. Er erinnerte mich an meinen Großvater mütterlicherseits, einen britischen Patrioten, der in London als Kind deutsch-jüdischer Einwanderer zur Welt kam. Obwohl er kein Berufssoldat war, meldete sich Bernard Schlesinger erstmals 1915 noch als Schüler und dann letztmals wohl während der Kubakrise 1962 freiwillig zum Wehrdienst. 1962 teilte man ihm jedoch freundlich mit, dass er seine Treue zur Königin und zu seinem Land ausreichend unter Beweis gestellt habe.

Der Grund für die patriotische Inbrunst meines Großvaters war nicht nur, dass er als Sohn jüdischer Einwanderer das Gefühl hatte, er müsse seine Treue unter Beweis stellen, weil diese sonst möglicherweise von Antisemiten in Frage gestellt würde. Wie bei Vindman rührte sein Patriotismus zugleich aus einem Gefühl der Dankbarkeit her. Großbritannien – sein Land – hatte ihm Sicherheit vor der Verfolgung durch die Nazis gewährt. Es gab auch in Großbritannien Antisemitismus – bestimmte Vereine, die sich weigerten, Juden aufzunehmen, Krankenhäuser, die keine jüdischen Praktikanten akzeptieren undsoweiter. Aber ich hörte nie, dass er sich darüber beklagte. Stattdessen empfand er außergewöhnliche Treue gegenüber den Institutionen, die ihn akzeptierten, darunter dem medizinischen Kops der britischen Armee, und diese Treue erstreckte sich auch auf sein Geburtsland.

Marmorplattte mit einem Gedicht am Fuß der Freiheitsstatue, die nicht zu sehen ist.

Auf dieses Gedicht bezogen und beziehen sich viele in den USA, die Amerika als tolerantes und offenes Einwanderungsland verteidigen. Trumps engster Berater Stephen Miller gehört nicht dazu. DGB/Enrico Santagati/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Wenn für jemanden die eigene Nationalität selbstverständlich ist und nicht von anderen in Frage gestellt wird, kommt er nicht auf die Idee, so dankbar dafür zu sein wie Oberstleutnant Vindman und mein Großvater. Wer nie Diskriminierung in voller Härte zu spüren bekommen hat, empfindet diese Dankbarkeit womöglich sogar als leicht anstößig. Warum sollte man dankbar sein, wenn man einer bestimmten Nation angehört? Stolz vielleicht, aber dankbar? Tatsächlich jedoch könnte ein Patriotismus aus Dankbarkeit die stärkste Form des Patriotismus überhaupt sein.

Man sollte Patriotismus aus Dankbarkeit nicht mit dem chauvinistischen Eifer verwechseln, den manchmal Angehörige nationaler Minderheiten oder Menschen aus Grenzregionen an den Tag legen: Napoleon aus Korsika, Hitler aus dem österreichischen Grenzland, Stalin aus Georgien. Einige der fanatischsten Nazis stammten aus deutschsprachigen Gebieten wie der Tschechoslowakei und Südtirol. Derartige Menschen sind weniger von Dankbarkeit bestimmt als vom Wunsch nach Akzeptanz durch die Bevölkerungsmehrheit.

"Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen"

Die USA boten Vindmans Familie Zuflucht vor einem autoritären Regime. Ein stärkeres Band der Zugehörigkeit kann es nicht geben. Wer Vindman bei seiner Aussage sah, schöpft Hoffnung für Amerika. Denn er glaubt noch immer, dass ihm trotz der Drohungen und Verleumdungen und der vergifteten Atmosphäre von Trumps Washington "nichts passieren wird, weil er die Wahrheit sagt".

Gern wird die Inschrift zitiert, die auf einer Tafel am Sockel der Freiheitsstatue eingraviert ist: "Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren". Doch richtig verstanden wird sie keineswegs immer. Trumps wichtigster Berater in Einwanderungsfragen Stephen Miller, der selbst einer Familie jüdischer Einwanderer stammt, hat diese Worte verächtlich gemacht. Einwanderer müssten Englisch sprechen, meinte er, und Emma Lazarus’ Gedicht "Der neue Koloss", aus dem die Inschrift stammt, repräsentiere nicht die "amerikanischen Werte".

Tatsächlich ist Lazarus' berühmtes Gedicht – im Idealfall – die Essenz amerikanischer Werte. Jene geknechteten Massen, die die Freiheit begehren, sind die wahren Patrioten. Sie sind traditionell Amerikas größte Stärke, da sie jene Art Loyalität verkörpern, die am schwierigsten zu untergraben ist. Wenn der Ansatz gegenüber müden, armen Flüchtlingen allerdings darin besteht, sie als Diebe, Mörder und Vergewaltiger zu verteufeln, sie einzusperren und von ihren Kindern zu trennen – dann wird diese unverbrüchliche Treue bald Feindseligkeit, Gewalt und sogar Terrorismus Platz machen. So wird die traditionelle Stärke der USA mit jedem Tag ein bisschen mehr aufgezehrt, bis nichts mehr übrig ist, nach dem man sich sehnen kann.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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