Deutscher Gewerkschaftsbund

27.01.2012

Unausgewogene Wirtschaftsstruktur

Einige Überlegungen zur industriellen Exportorientierung Deutschlands

raeder

lama-photography / photocase.com

Die Globalisierung hat neben zahlreichen positiven Effekten auch einige Entwicklungen hervorgerufen, die durchaus kritisch zu sehen sind. Zum Einen fällt hierunter der Einfluss, den die Globalisierung auf die empirisch gut belegte Ungleichheit der Einkommensverteilung ausgeübt hat, die sich auch in jüngster Zeit weiter fortgesetzt hat.[1] Zum anderen sind im Zuge der internationalen Arbeitsteilung globale Leistungsbilanzungleichgewichte entstanden, die auf Dauer keinen Bestand haben können. Deutschland hat hierzu mit seinen chronischen Exportüberschüssen in den letzten Jahren in starkem Maße beigetragen. Die gegenwärtige Krise der EWU, die in ihrem Kern als eine Leistungsbilanzkrise angesehen werden muss, ist ein eindrucksvoller Beleg für Probleme, die sich aus lang anhaltenden Handelsungleichgewichten ergeben können.

Die industrielle Exportorientierung Deutschlands hat hierzulande eine Wirtschaftsstruktur entstehen lassen, die sich von derjenigen in vielen anderen entwickelten Ländern unterscheidet. Da das hiesige BIP-Wachstum in der vergangenen Dekade im Wesentlichen exportgetrieben war und die deutschen Exporte in der Mehrzahl Industriegüter sind, hat Deutschland im Vergleich zu vielen anderen entwickelten Ländern einen großen Industrie- und spiegelbildlich dazu einen relativ kleinen Dienstleistungssektor.

Während in der deutschen Öffentlichkeit die Auffassung vorherrscht, dass die jüngsten Exporterfolge der deutschen Industrie Ausdruck der Stärke der deutschen Volkswirtschaft seien und es diese unbedingt zu verteidigen gelte[2], heben Kritiker dagegen die problematischen Voraussetzungen und die langfristigen Risiken dieser industriellen Exportorientierung hervor.

Wandel im Muster des exportbasierten Wachstums

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Exporterfolge Deutschlands auch darauf beruhen, dass die deutsche Wirtschaft bei vielen hochwertigen Investitions- und Konsumgütern komparative Vorteile besitzt und von der kräftigen Nachfrage der Schwellenländer nach diesen Gütern profitiert. Zunächst einmal ist es daher überhaupt nicht als ungewöhnlich oder gar als problematisch anzusehen, wenn ein Land im Zuge der internationalen Arbeitsteilung einen überdurchschnittlich großen Industrieanteil aufweist. Dieser Anteilswert ist jedoch insoweit als überhöht zu bezeichnen, da ein Teil der relativen Stärke der Industrie auf Faktoren beruht, die auf Dauer keinen Bestand haben können und die zudem an anderer Stelle „Kollateralschäden“ verursacht haben. Denn die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse der vergangenen Jahre basieren auch auf einer durchaus problematischen Lohnentwicklung. Die Lohnmoderation der vergangenen Jahre hat zwar die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrien deutlich erhöht, hat aber im Verbund mit der hohen Arbeitslosigkeit eine Schwächung der Konsumnachfrage bewirkt und damit zur Stagnation der Binnenwirtschaft beigetragen.[3] Die Tatsache, dass Deutschland seit dem Eintritt in die Europäische Währungsunion zu den Ländern mit den im Durchschnitt niedrigsten Wachstumsraten in der Europäischen Union gehört sowie die trotz der jüngsten positiven Entwicklungen immer noch unbefriedigende Beschäftigungslage, sind Ausdruck von Fehlentwicklungen der letzten Dekaden. Zu dieser Negativbilanz eines deutschen Geschäftsmodells, das primär auf Exportüberschüsse setzt, gehören auch die enormen deutschen Kapitalexporte, die zum Teil fehlinvestiert wurden und abgeschrieben werden müssen. Die seit geraumer Zeit zu beobachtende mangelnde inländische Absorption kann daher als Ausdruck eines nicht nachhaltigen wirtschaftpolitischen Konzepts angesehen werden; sie hat in diesem Sinne eine unausgewogene Wirtschaftsstruktur in Deutschland hervorgerufen, die in dieser übermäßigen Ausprägung langfristig keinen Bestand haben wird.[4]

Die deutsche Wirtschaftsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg war immer wieder durch Phasen hoher Exportüberschüsse geprägt. Hierzu trugen zum einen die bereits in der frühen Industrialisierungsphase entstandenen industriellen Kerne in den Investitionsgüterindustrien bei. Nicht zu vernachlässigen ist zum anderen aber auch der hilfreiche Einfluss der tendenziell unterbewerteten D-Mark in der Zeit des Bretton-Woods-Systems. Dieser hat seine historische Fortsetzung in der gegenwärtigen realen Abwertung erfahren, von der die deutschen Exportgüter innerhalb der Europäischen Währungsunion profitiert haben.

Insofern stellen die Exporterfolge des Industriesektors prinzipiell keine neuartige Situation dar. Zum traditionellen Muster des erfolgreichen export-led growth in Deutschland gehörte jedoch in früheren Zeiten ein anschließendes spill-over des außenwirtschaftlichen Impulses auf die Binnenwirtschaft, der in einen binnenwirtschaftlichen Dreiklang – bestehend aus einem Anstieg der Inlandsinvestitionen, gefolgt von einem Zuwachs der Löhne und schließlich des Konsums – mündete. Erst in der jüngeren Globalisierungsphase ist diese Prozesskette abgerissen: Die Lohneinkommen blieben tendenziell hinter dem Anstieg des gesamtwirtschaftlichen Einkommens zurück, was sich unter anderem in einer deutlich verringerten Lohnquote niedergeschlagen hat.[5] Dadurch fehlte kaufkräftige Nachfrage für den Konsum, der ansonsten zu einem nicht unerheblichen Teil den inländischen Dienstleistungen zugute gekommen wäre. Da auch die inländischen Investitionen unter anderem wegen der unzureichenden nationalen Wachstumsperspektiven weitestgehend stagnierten, konnte die Binnenwirtschaft die Produktion nicht vollständig absorbieren, so dass sich wachsende Leistungsbilanzüberschüsse aufgebaut haben.

Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Ausrichtung der Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrien die Wachstumschancen anderer Wirtschaftsbereiche – vor allem des Dienstleistungssektors – beeinträchtigt hat und damit zur Herausbildung einer Wirtschaftsstruktur geführt hat, die als unausgewogen und nicht nachhaltig angesehen muss.

Strukturwandel hin zu Dienstleistungen

Da die derzeitigen Leistungsbilanzungleichgewichte nicht nachhaltig sind, bedeutet dies in der Konsequenz, dass mittelfristig entweder die Exporte aus Deutschland zu drosseln sind, unsere Importe zu steigen haben oder eine Kombination von beidem eintreten muss.

Ökonomen wie Hans-Werner Sinn oder auch die Mehrheit des Sachverständigenrates sehen in einer fortgesetzten Lohnzurückhaltung die wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich die Investitionsbedingungen im Inland verbessern und damit das Kapital nicht mehr weiter aus Deutschland ins Ausland abfließt, so dass die Binnenwirtschaft neue Wachstumsimpulse erfährt. In einer nachfrageorientierten Sichtweise sind dagegen gerade kontinuierliche Lohnsteigerungen im Gleichschritt mit der Produktivität notwendig, um in einem ersten Schritt den privaten Konsum anzuregen. Dies würde dann einerseits die Binnennachfrage stimulieren, andererseits die Importnachfrage steigern, so dass sich der Leistungsbilanzüberschuss allmählich wieder zurückbilden könne.[6]

Auf welchem Weg eine Rückführung des deutschen Exportüberschusses auch immer zustande kommt, klar ist, dass dies mittelfristig eine spürbare Restrukturierung der deutschen Wirtschaft herbeiführen wird. Zwei zentrale Argumente sprechen dafür, dass diese Umstrukturierung weg von der Industrie und hin zu den Dienstleistungen gehen würde. Erstens würde der Industriesektor, der durch die nicht nachhaltigen Exporterfolge in Deutschland unangemessen groß geworden ist, wahrscheinlich in Richtung eines international üblichen Anteilswertes schrumpfen. Basiert die Entwicklung auf einer Abkehr von der Lohnmoderation kann zweitens erwartet werden, dass aufgrund des Einkommensanstiegs die privaten Haushalte überproportional Dienstleistungen nachfragen werden, wie dies auch den Erfahrungen der Vergangenheit entspricht.[7]

Vorbehalte gegenüber Dienstleistungen

Die Perspektive eines schrumpfenden Industriesektors ist in Deutschland allerdings nicht sonderlich populär. Generell wird die zentrale Bedeutung der industriellen Kerne einer Ökonomie für Wohlstand und Beschäftigung eines Landes hervorgehoben. Dagegen wird dem Dienstleistungssektor eine solche Eigenschaft generell nicht zugesprochen. Häufig ist man beispielsweise der Ansicht, dass nur mittels physischer Güter Werte und damit Einkommen geschaffen werden könnten, während immaterielle Dienstleistungen wertverbrauchend seien.

Aus diesem und aus einigen anderen Gründen ist es um das Ansehen von Dienstleistungen trotz der dynamischen Entwicklung des Dienstleistungssektors der Vergangenheit und trotz positiver Wachstumsprognosen häufig nicht gut bestellt. Es muss festgehalten werden, dass Dienstleistungen in der öffentlichen Debatte häufig als kein vollwertiger Ersatz für den schrumpfenden Industriesektor angesehen werden. Die gängigen Vorbehalte, die gegenüber Dienstleistungen geäußert werden, halten aber einer näheren Analyse nicht stand.[8]

Den Strukturwandel flankieren

Man kann davon ausgehen, dass der Strukturwandel zu den Dienstleistungen ohnehin stattfinden wird, ob er nun mit einer bewusst herbeigeführten Abkehr vom bisherigen exportorientierten Geschäftsmodell einhergeht oder nicht. Dieser Trend wird unter anderem durch Veränderungen von Technologien, Konsumentenpräferenzen oder sozialen Strukturen vorangetrieben. Der Gang in die Dienstleistungswirtschaft erscheint aus einer Vielzahl von Gründen unaufhaltsam; es gibt keinen Anlass ihn aufzuhalten.

Bei jeder Form des Strukturwandels kommt es darauf an, die entsprechenden Übergangsprozesse gesellschafts- und sozialpolitisch zu begleiten und mögliche Verlierer des sektoralen Wandels in geeigneter Weise aufzufangen. Akzeptiert man die Auffassung, dass der sektorale Strukturwandel weder langfristig zu unterbinden noch per se etwas Schlechtes ist, dann lässt sich die Ansicht vertreten, dass es vorteilhafter ist, den ablaufenden Strukturwandel wirtschaftspolitisch zu flankieren und ihn nicht zu behindern. Zu solchen flankierenden Maßnahmen im Rahmen des Strukturwandels zur Dienstleistungsgesellschaft gehört vor allem eine zukunftsorientierte Bildungspolitik, die den hohen Qualifikationsanforderungen der wissensintensiven Dienstleistungen entspricht. Auch das bewährte duale Ausbildungssystem muss fortentwickelt werden, indem neue Ausbildungsberufe für die Dienstleistungswirtschaft geschaffen werden. Darüber hinaus sollten Handelsbarrieren beseitigt werden, die gegenwärtig noch dafür sorgen, dass im internationalen Handel mit Dienstleistungen zahlreiche ungenutzte Potenziale nicht ausgeschöpft werden.[9]

 


[1]     Aktuelle Tendenzen der funktionalen und personellen Einkommensverteilung sowie der Vermögensverteilung sind dargelegt in: R. Hauser und H. Krämer, H. (2011), Zunehmende Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung. Empirische Entwicklungen in ausgewählten OECD-Ländern, in: Jürgen Kromphardt (Hrsg.), Keynes‘s „General Theory“ nach 75 Jahren, Marburg, S. 21-57.

[2]     So hat sich die deutsche Bundesregierung im Rahmen der Verhandlungen zur Eurokrise erfolgreich bemüht, alle Vorschläge zu unterbinden, die darauf abzielen, dass auch die Überschussländer einen aktiven Beitrag zum Abbau der innereuropäischen Leistungsbilanzungleichgewichte leisten.

[3]     Vgl. G. Horn, H. Joebges, R. Zwiener (2009), Von der Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise (II), Globale Ungleichgewichte. Ursache der Krise und Auswegstrategien für Deutschland. IMK Report Nr. 40, Juli 2009, Düsseldorf.

[4]     Der Begriff lehnt sich an Keynes an, der den durch außenwirtschaftliche Einflüsse verursachten Strukturwandel in Großbritannien sehr kritisch sah. Seine Sichtweise lässt sich durchaus auch auf ein Überschussland wie Deutschland übertragen. Vgl. H. Krämer (2011), Keynes, Globalisierung und Strukturwandel, in: H. Hagemann und H. Krämer (Hrsg.), Keynes 2.0. Perspektiven einer modernen keynesianischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftpolitik, Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft 23, Marburg, S. 183-215.

[5]     Vgl. H. Krämer (2011), Die Entwicklung der funktionalen Einkommensverteilung und ihrer Einflussfaktoren in ausgewählten Industrieländern 1960–2010, IMK Studies Nr. 1/2011, Düsseldorf.

[6]     Ein weiterer Effekt von Lohnsteigerungen wäre, dass dies tendenziell die preisliche Wettbe­werbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft verschlechtern würde. Die dadurch bewirkte Drosselung der Exporte, ist eine öffentlich nicht so leicht zu vermittelnde Konsequenz, die in den wirtschaftspolitischen Positionierungen der Befürworter einer expansiven Lohnpolitik nicht so gern erwähnt wird, aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist.

[7]     Nicht vernachlässigt werden darf jedoch, dass die Schrumpfung der Industrie die qualitativ und quantitativ bedeutsame Nachfrage nach unternehmensbezogenen Dienstleistungen beeinträchtigen würde. Vgl. P. Kalmbach (2005), Die Interdependenz von Industrie und Dienstleistungen: Zur Dynamik eines komplexen Beziehungsgeflechts, Berlin.

[8]     Siehe zu einer Auseinandersetzung mit typischen Vorbehalten gegen Dienstleistungen: H. Krämer (2011), Dienst­leistungen im Strukturwandel. Entwicklung und Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung in Europa, in: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 2/2011, S. 269-291.

[9]     Vgl. G. Nerb et al. (2006), Chancen und Risiken veränderter Rahmenbedingungen für die Dienstleistungsunternehmen durch die EU-Dienstleistungsrichtlinie, ifo Forschungsbericht Nr. 29, München 2006.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Hagen Krämer
Professor für Economics an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft
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