Deutscher Gewerkschaftsbund

13.06.2019

Ein Kampf gegen Monster

Weltweit steigen in den großen Städten die Mieten dramatisch. Wer nicht genug Geld hat, wird an den Rand gedrängt. Lässt sich dieser Prozess stoppen? Der Dokumentarfilm "Push" gibt zumindest ein wenig Hoffnung.

 

Von Daniel Haufler

Drei Frauen mit schwarzen Fahnen protestieren vor einem Hochhausrohbau gegen Immobilienspekulation.

Protest gegen Immobilienspekulation in Valparaíso, Chile. Szene aus "Push". Mindjazz Pictures

"Können Sie uns Zuversicht geben und versprechen, dass unsere Situation zur Sprache kommt?", fragt die Frau verzweifelt. Fast ein Jahr zuvor hat sie Freunde, Nachbarn und auch ihre Wohnung verloren, als der Grenfell Tower in London abgebrannt ist. 72 Menschen kamen bei der Tragödie ums Leben, hunderte wurden verletzt, 223 Menschen haben immer noch kein neues Zuhause, als Leilani Farha nun mit ihnen spricht.

Notting Hill ist schön, wenn man genug Geld hat

Farha ist die UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen. Sie reist um die Welt, um zu erfahren welche Probleme Menschen beim Wohnen haben, und um zu überlegen, wie man ihnen helfen könnte. Sie kämpft für menschenwürdige Unterkünfte und gegen Immobilienspekulation, sie gibt denen eine Stimme, die sonst nicht gehört würden, und sie organisiert eine Bewegung der Bürgermeister großer Metropolen, um den Mietwucher einzudämmen. Doch im Gespräch mit den Überlebenden des Grenfell-Brandes seufzt selbst sie nur.

Ja, sie wird die Situation zur Sprache bringen gegenüber Politikern in England, in den Vereinten Nationen oder bei der EU. Schnelle Abhilfe kann aber selbst sie nicht versprechen. Neue Wohnungen in der Umgebung kann sich keiner der ehemaligen Bewohner des Grenfell Towers leisten, denn er steht in North Kensington, nicht weit vom idyllischen Notting Hill. Die Gegend ist längst gentrifiziert, eine hippe Nachbarschaft für Menschen mit Geld. Der Brand des großen Hochhauses für kleine Leute und ihre heutige Lage dokumentiert auf besonders dramatische Weise die gesellschaftliche Spaltung, die seit Jahren in Großstädten immer weiter zunimmt. Nicht nur in London.

Das ausgebrannte Hochhaus Grenfell Tower in London.

Die meisten Überlebenden der Katastrophe des Grenfell Tower haben heute noch keine neue Wohnung. Janice d'Avila/Mindjazz Pictures

Der Dokumentarfilm "Push – Für das Grundrecht auf Wohnen" begleitet Leilani Farha bei einigen ihrer Reisen, wo sie immer wieder mit den selben Problemen und Sorgen konfrontiert wird, egal ob in Toronto, Valparaíso oder New York, Seoul, Madrid oder Berlin. Regisseur Fredrik Gertten ergänzt Farhas Geschichte mit weiteren Fallbeispielen und mit Interviews, in denen vor allem die Soziologin Saskia Sassen und der Ökonom Joseph Stiglitz den Hintergrund der weltweiten Wohnungskrise erklären.

"Gentrifizierung ist Schuld? Schön wär's"

Die Struktur des Problems ist einerseits komplex, andererseits ganz einfach. Einfach und überall zu beobachten, ist: Gentrifizierung. Studenten, Künstler, Kreative ziehen in billige Wohnviertel, machen sie hip; ihnen folgen Wohlhabendere, die das Flair schätzen; dann werden Häuser saniert, Mieten steigen, die ursprünglichen Bewohner, in der Regel arm, werden verdrängt. Diesen Prozess erleben wir in Metropolen schon seit Jahrzehnten. Doch das allein, ist es nicht, meint Saskia Sassen: "Wenn ich höre, dass die Gentrifizierung Schuld wäre, sage ich nur: Schön wär's". Denn heute treibe vor allem Spekulation die Verdrängungsprozesse der armen und weniger Habenden voran.

Beispiele dafür finden Farha und Regisseur Gertten reichlich. In Valparaíso werden Luxuskomplexe hochgezogen, die sich kaum jemand dort leisten kann. Wer neben einer der Baustellen wohnt, muss damit rechnen, dass sein Haus durch die Erschütterungen der Maschinen fast zusammenbricht. In New Yorks Stadtteil Harlem werden Mieten von einem zum anderen Monat um 900 Euro erhöht. Für manche Mieter wären dann monatlich 90 Prozent des Einkommens für ihre Wohnung fällig. In Seoul wird für ein gigantisches Projekt ein ganzes Viertel platt gemacht, dabei stirbt sogar ein Mensch. In London stehen 80 Prozent der Luxuswohnungen leer, die ausländischen Investoren gehören, weil sie so leichter wieder verkauft werden können. Gleichzeitig können sich immer weniger Londoner überhaupt noch eine Wohnung in der Stadt leisten. So wie die Bewohner des Grenfell Towers.

Leilani Farha auf der Straße in New York.

Leilani Farha kämpft energisch und rund um die Uhr für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen. Das ist ihr Beruf und ihre Mission. Janice d'Avila

Wie soll Leilani Farha das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen unter diesen Bedingungen erreichen? Wohnungen sind zu einer Ware geworden; die Wohnenden kein Faktor. Und ihre Gegner sind mächtig. Sie sind "ein Monster, das niemand sehen kann, dessen Sprache nicht zu verstehen ist". Jedenfalls für die Mieter. Sie wissen nicht, wer hinter all den Gesellschaften steht, die Wohnungen, Wohnkomplexe und manchmal ganze Stadtviertel kaufen, sanieren und mit ihnen spekulieren. Doch wer wie Farha genau recherchiert, kann das Monster finden, genau genommen: die vielen Monster. Es sind Private Equity Firmen (Beteiligungsgesellschaften). Sie verwalten das Geld von Großinvestoren wie Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen oder superreichen Familien und legen es vielfältig an, seit der letzten Finanzkrise verstärkt in Immobilien.

Das hat Monster hat einen Namen: Blackstone

Jonathan Gray, der Chief Operating Officer von Blackstone – des weltweit größten Monsters – erzählt ganz offen auf die Frage, wie man denn schnell an 50.000 Wohnungen komme: "Dafür braucht man eine globale Finanzkrise. Man sitzt 2011 herum und fragt sich, welche Vermögenswerte von Geldhäusern in großer Zahl mit großen Nachlässen auf die Anschaffungskosten verkauft werden." Und siehe da, es waren erst Einfamilienhäuser, später Apartment-Komplexe. Blackstone und andere große Private Equity-Fonds waren die großen Gewinner der Finanzkrise, sagt auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Denn statt den Hausbesitzern zu helfen, die in Not geraten waren, schlug sich vor allem die US-Regierung auf die Seite der Banken und unterstützte Zwangsvollstreckungen. Das Geld wanderte schließlich zu den Hedgefonds und Private Equity-Fonds, die belastete Immobilien kauften und damit bis heute spekulieren. "So hat die Krise von 2008 wesentlich dazu beigetragen, die Vermögensungleichheit zu vergrößern", bilanziert Stiglitz. Und das nicht nur in den USA.

Karte von London mit roten Punkten, die Häuser markieren, die ausländischen Investoren gehören.

Die Punkte auf dieser Karte markieren Häuser, die ausländischen Investoren wie Blackstone gehören. 80 Prozent von ihnen stehen leer. Mindjazz Pictures/dah

Immobilien sind global zur bald wichtigsten Geldanlage geworden. Der Wert aller Immobilien weltweit beläuft sich auf 227 Billionen Dollar, das ist mehr als der Wert aller Aktien oder des Welt-Bruttoinlandsprodukts, das es auf nur 78 Billionen bringt. Es ist also kein Wunder, dass Wohnungen zum Spekulationsobjekt für Großinvestoren geworden sind. Politiker tun sich schwer gegen gegen das Monster, haben aber auch dessen Macht wachsen lassen, indem sie entweder selbst Wohnungen in ihren Kommunen an Konzerne verkauften oder nicht genug dafür taten, bezahlbaren Wohnraum in Großstädten zu schaffen. Erst spät, wie jetzt in Berlin, sind die Politiker aufgewacht und versuchen mit Mietpreisbremse und – deckelung, Rückkauf und Neubau der sozialen Verdrängung entgegenzuwirken.

Der Kampf ist mühsam, aber Farha führt ihn unermüdlich

Leilani Farha trägt ihren Teil dazu bei. Sie schreibt nicht nur beachtliche Berichte für die Vereinten Nationen, sie hat obendrein die Bewegung "The Shift" ins Leben gerufen, in der sie Bürgermeister von überall auf der Welt zusammengebringt, um gegen die Immobilienspekulation und für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen einzutreten. Wie mühsam dieser Kampf ist und wie beharrlich sich Farha trotz alledem für die Menschen einsetzt, zeigt "Push" auf berührende Weise. Und auch wenn sie die Probleme der Betroffenen nicht sofort lösen kann – sie bringt sie eindrücklich zur Sprache, auch in diesem Film. Er sollte in allen zuständigen Behörden und Ministerien Pflichtprogramm sein.

 


 

Der Film "Push" läuft in ausgewählten Kinos und erscheint auch als DVD. Mehr Informationen zu dem Film und den Vorführungen finden sich hier. Die europäische Bürgerinitiative "Housing for all" sammelt mit Unterstützung des DGB Unterschriften, um das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen zu erreichen. Hier können Sie unterschreiben.

Wer mehr über Leilani Farha und ihre Arbeit erfahren will, kann sich auf ihrer Internetseite informieren.

PUSH dt. Trailer - Für das Grundrecht auf Wohnen - Ab 6. Juni im KINO from mindjazz pictures on Vimeo.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai 2017 verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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