Deutscher Gewerkschaftsbund

07.05.2021

Verantwortung übernehmen für Lieferketten

Wir müssen uns für soziale und ökologische Mindeststandards entlang der Wertschöpfungsketten und damit für eine gerechte globale Wirtschaft einsetzen. Denn nur so können wir die eigene oder die Ausbeutung der nächsten Generation verhindern. Bei uns und für die Arbeitenden entlang der Lieferketten.

 

Von Caspar Dohmen

Ein Containerschiff wird in einem Hafen beladen.

67 Prozent der Wertschöpfung entfallen auf die 37 Industriestaaten der OECD und nur 33 Prozent auf die restlichen 154 Schwellen- und Entwicklungsländer, einschließlich China. DGB/jvdwolf/123rf.com

Rana Plaza ist für Lieferketten, was Fukushima für die Energiewende war. Vor beiden Ereignissen hatte es schon kleine und große Unfälle gegeben, aber erst nach der Katastrophe steuerte die Politik um. (...) Infolge des mit dem Einsturz von Rana Plaza in Bangladesch schwersten Unglücks in der Geschichte der Textilindustrie unternahmen einige Regierungen erste Schritte zur Regulierung grenzüberschreitender Lieferketten ihrer Unternehmen. Einer sozialen und sauberen globalen Arbeitsteilung im umfassenden Sinne hat dies indes nicht zum Durchbruch verholfen. (…)

Industrieländer sind extrem abhängig von Lieferketten, wie die Corona-Krise zeigt

Unzählige Frauen, Männer und Kinder arbeiten entlang von Lieferketten. Sie pflanzen Nahrung an, schrauben Konsumgüter zusammen oder säubern soziale Medien von digitalem Müll. In Europa profitieren fast alle von dieser globalen Arbeitsteilung: Unternehmen sowie deren Eigentümer durch hohe Gewinne, qualifizierte Beschäftigte durch hohe Löhne und die Konsumenten in Form niedriger Preise. Jetzt aber droht mit dem Vormarsch digitaler Wertschöpfungsketten eine weitere gewaltige Zerstörung von Sozial- und Umweltkapital. Und immer mehr Menschen auch in den wohlhabenden Ländern werden einer mörderischen Konkurrenz ausgesetzt. Wie reimte ein Manager in einem meiner Interviews: "Je weiter nach Osten, desto niedriger die Kosten." Heute kommen der Westen, Süden und Norden hinzu.

Bislang ergattern die Industriestaaten den Löwenanteil der Wertschöpfung aus den globalen Lieferketten: 67 Prozent der Wertschöpfung entfallen auf die 37 Industriestaaten der OECD und nur 33 Prozent auf die restlichen 154 Schwellen- und Entwicklungsländer, einschließlich China. Gleichzeitig sind die Industrieländer extrem abhängig von Lieferketten, wie das rohstoffarme Europa vom Rohstoffimport, aber auch schon vom Import von beispielsweise Atemschutzmasken, Desinfektionsmitteln oder Antibiotika, wie während der Corona-Pandemie offenkundig wurde.

Manche Unternehmen haben sich mittlerweile vollständig aus der eigenen Fertigung und damit ihrer diesbezüglichen Verantwortung verabschiedet. Von den weltweiten Belegschaften der 50 größten Unternehmen sind 94 Prozent der Arbeitenden in Lieferketten versteckt, "in denen die Undurchsichtigkeit von Geschäftsverträgen diese Ausbeutung und allzu oft eine entmenschlichende Unterdrückung begünstigt".

Näher sitzen an Nähmaschinen in einer Halle mit Neolampen an der Decke. Sie blicken zur Kamera.

Von den weltweiten Belegschaften der 50 größten Unternehmen sind 94 Prozent der Arbeitenden in Lieferketten versteckt, in denen sie oft gnadenlos ausgebeutet werden. DGB/Paul Presscott/123rf.com

Es lässt sich aber auch konstatieren, dass die Manager in Entscheidungspositionen starken Gegenkräften im finanzkapitalistischen Wirtschaftssystem ausgesetzt sind. Warum sollten sie die Lebensbedingungen von Mensch und Natur entlang der Lieferketten ihrer Unternehmen verbessern, wenn ihr eigener persönlicher Erfolg und der des Unternehmens am Shareholder Value bemessen wird? Anders sähe es natürlich aus, wenn sich das Gehalt und der Bonus von Managern danach bemessen würden, ob sie entlang ihrer Lieferketten menschenrechtliche Sorgfaltspflichten einhalten. Dafür bräuchte es aber ein radikales Umdenken, und die Eigentümer müssten auf einen Teil ihres Gewinns verzichten, wozu kaum jemand bereit sein dürfte. Und die Arbeitenden selbst? Sie sind vielerorts zu schwach organisiert, um sich einen höheren Anteil an der Wertschöpfung zu erkämpfen.

Damit die Ausbeutung entlang der Lieferketten verschwindet, müssten viele Staaten an einem Strang ziehen

Gleichzeitig findet zumindest eine zaghafte Repolitisierung statt, um die schlimmen Zustände in den Wertschöpfungsketten zu verbessern. Einige Staaten haben mittlerweile Lieferkettengesetze verabschiedet oder arbeiten daran. (…) Damit die Ausbeutung entlang der Lieferketten verschwindet, müssten viele Staaten an einem Strang ziehen. Auf der Ebene der Vereinten Nationen beraten mehr als hundert Staaten seit 2014 über ein völkerrechtliches Regelwerk für Unternehmen. Ein Erfolg läge im Interesse vieler Arbeitenden in den globalen Lieferketten, auch in Deutschland. Denn immer mehr Beschäftigte geraten auch hier im Zuge der digitalen Plattformökonomie in eine direkte Konkurrenz mit anderen Menschen.

Wer nicht direkt als Arbeitender von der Ausbeutung entlang der Lieferketten betroffen ist, ist häufig indirekt betroffen, beispielsweise als indigener Bewohner einer Region, in der Rohstoffe ausgebeutet werden und dabei die Umwelt zerstört wird, oder als Bürger eines Gemeinwesens, welches kaum Steuern generieren kann, um Sozialleistungen und Infrastruktur aufzubauen. Alleine um die eigene oder die Ausbeutung der nächsten Generation zu verhindern, sollte sich jeder für soziale und ökologische Mindeststandards entlang der Wertschöpfungsketten und damit für eine gerechte globale Wirtschaft einsetzen.

 


 

Buchumschlag von Caspar Dohmens Buch "Lieferketten", auf dem aus der Vogelperspektive ein Containerschiff mit vielen farblich unterschiedlichen Containern zu sehen ist.

Wagenbach Verlag

Der Text ist ein Auszug aus der Einleitung von Caspar Dohmens neuem Buch „Lieferketten. Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur“. 176 Seiten, Wagenbach Verlag 2021, 18 Euro.


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Kurzprofil

Caspar Dohmen
ist freier Wirtschaftsjournalist, Buchautor und Dozent, schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Deutschlandfunk und SWR.
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