Deutscher Gewerkschaftsbund

15.07.2020

Gewerkschaften als Influencer? Warum nicht!

Wer seine Leistungen bekannt machen will, kommt um soziale Medien heutzutage nicht herum. Das gilt auch für Gewerkschaften. Sie könnten hier noch mutiger agieren, denn sie haben etwas zu bieten, was Influencer nicht haben: sinnvolle Tipps, die einem wirklich helfen in Alltag und Beruf.

 

Von Peter Kern

Durch eine Fotokamera wird eine Frau aufgenommen, die in der Küche in knapper Sportbekleidung steht und etwas zubereitet.

So ähnlich zeigt sich auch Pamela Reif in ihren Videos, in denen sie ihre fast sechs Millionen Follower mit Tipps zu Sport, Ernährung oder Ratschlägen für allerlei sonst versieht. DGB/ammentorp/123rf.com

Als Pam sich auf Weibo, dem chinesischen Instagram, erstmals präsentiert, hat sie innerhalb von sechs Minuten 1.800 neue Fans. Google übersetzt, und bald schon knackt sie global die Marke von sechs Millionen Follower. Wenn Dan, alias Magic Fox, am Wochenende seinen Porsche 911 mit 280 km/h über die Zielgerade des Nürburgrings jagt, folgen mehr als zwei Millionen seinem gefilmten Spaß. Dan hat so viel Follower wie die stolze IG Metall Mitglieder aufweist, Pam gar so viel wie alle im DGB organisierten Gewerkschaften. Könnten die sich vom Auftritt der beiden etwas abschauen? Durchaus, eignen sich doch Pamela Reif und Daniel Fuchs eine gewerkschaftliche Idee an. Die Influencer simulieren Solidarität; sie tun so, als ob zwischen sie und ihre Follower kein Blatt passt.

Influencer nutzen "Solidarität" als Masche, um Geschäfte zu machen

Solidarität als Masche, schließlich ist das Instagram-Konto der Influencer mit ihrem Bankkonto verbunden. Das Geschäft funktioniert über den Link und als Provisionsgeschäft. Das Outfit, das Dan so toll steht, verspricht auch dem Follower einen tollen Auftritt. Der kann sich zwar keinen Porsche leisten, aber das Brillenmodell, die Outdoor-Jacke oder die gelöcherte, Armut simulierende Jeans. Pam vertickt Alnaturas gesunde Kost, die schicke Strumpfhose von Calzedonia, das Bustier von Puma oder die Hits der Warner Brothers. Um im Geschäft zu bleiben, so Pam in einem ihrer zahlreichen Interviews, „geht viel Zeit drauf, Instagram-Bilder und -stories zu produzieren, damit meine Fans immer etwas zu gucken haben.“

Werbung, die nicht als Werbung erscheint, gilt als besonders erfolgreich. Pam und Dan sind sich ihrer Wirkung als Early Adopter wohl bewusst. So heißen im Marketingdeutsch die frühen Konsumenten all des Must Have, das später alle aus der Altersgruppe haben wollen. Ihre Zielgruppe sind die 18 bis 25jährigen. Die sind mit der klassischen Werbung in Rundfunk, Fernsehen und Zeitschriften nicht zu erreichen. Pam und Dan verkaufen auch einen Lebensentwurf. Das ganze Leben ist ein einziger Freizeitspaß, man muss nur Unternehmer in eigener Sache.

Pam und Dan haben die ihnen vorgezeichnete Laufbahn als Angestellter der Firma Trumpf oder als Verkäuferin in der langweiligen elterlichen Karlsruher Boutique ausgeschlagen. Dan hat Maschinenbau studiert, Pam ihr Abi mit einer Eins gemacht. Diese Details ihrer Biografien sind wichtig, sind quasi der Markenkern der Marken Pam und Dan. Dem Influencer ist es gelungen, einem Berufsleben auszuweichen, dem auch der Follower gerne ausweichen würde. Das Realitätsprinzip lässt aber nicht mit sich handeln, folglich bleibt nur die Phantasie. Wenigstens dem bewunderten Vorbild scheint es geglückt, ein Leben zwischen den Stränden Balis, den Geysiren Islands und den mit den neuesten Geräten bestückten Gym zu führen.

Ein Bodybuilder stemmt mit jeder Hand eine Kurzhantel hoch, was seinen muskulösen Körper unterstreicht.

Die Körper von Influencern sind oft unerreichbare Vorbilder für ihre Follower. Sie vergrößern so nur die Probleme der nicht ganz so fitten Menschen. DGB/Andrei Bandarchyk/123rf.com

Influencer und Follower können jederzeit die Rollen tauschen, gaukelt das Bild vor. Pam und Dan haben einen ausgeklügelten Medienapparat im Rücken, tun aber so, als gingen ihnen außer einem Bruder oder einer befreundeten Fotografin niemand zur Hand. Vor den Kulissen muss es nach Heimarbeit aussehen. Jeder könnte Influencer sein, man braucht nur eine Smartphone-Kamera und einen Laptop, vermitteln sie. Dan und Pam erscheinen als Amateure, das macht ihre Professionalität aus.

Influencer übernehmen zum Teil die Rolle von Familie

Sie treten als großer Bruder und Schwester auf, sind daher als Ratgeber gefragt. Dan berät implizit und führt einfach vor, was modisch ‚angesagt‘ ist. Pam füllt die Rolle explizit aus und erweitert sie zur Lebensberatung. Auf ihrem Podcast geht sie, ganz „Girlboss“, ihre Fans sehr bestimmt an: "Ich habe euch die Aufgabe gestellt, mir Fragen zu stellen". Und dann kommen die typischen Probleme junger Mädchen: Akne, Blähungen und die Ratlosigkeit, wenn die Schulmedizin funktionelle Störungen diagnostiziert und zum Psychologen rät. Pam spricht über die "Disbalance im Darm und depressive Verstimmungen". Mobbing, Stress, Partnerschaftsprobleme, alles kommt zur Sprache.

Der private, selbst der intime Bereich wird öffentlich ausgeleuchtet, auch Pams Beziehungsgeschichten. Wer einmal den Strukturwandel der Öffentlichkeit von Habermas gelesen hat, erinnert sich: "Öffentlichkeit scheint in dem Maße die Kraft ihres Prinzips, kritische Publizität, zu verlieren, in dem sie sich als Sphäre ausdehnt und noch den privaten Bereich aushöhlt." Habermas hat vor bald 60 Jahren den Zusammenhang zwischen der zerfallenen Öffentlichkeit und der kraftlos gewordenen Familie analysiert. Familien vermitteln nicht mehr, was zu tun und was zu lassen wäre. Die Funktion der "personalen Verinnerlichung" übernehmen außerfamiliale Instanzen. Pam und Dan sind solche Instanzen.

Die beiden geben mit ihren Körpern zudem ästhetische Normen vor. Dan präsentiert stolz seine muskulösen, tätowierten Oberarme und seinen Waschbrettbauch. Wenn Pam per Smartphone ihren Auftritt kontrolliert und ihr digitales Spieglein befragt, ist sie zweifellos „die Schönste im ganzen Land.“ Solches Posing übt einen tyrannischen Effekt aus. So muss der Körper einer jungen Frau, eines jungen Mannes aussehen. In den von Pam veröffentlichten Fragen ihrer jungen Leserinnen kommt mitunter Verzweiflung zum Ausdruck: „Wie werde ich bloß meinen Muffin Top los?“ (Das Wort steht für eine Figur, bei der das Bauchfett über die Hose quillt, wie der Muffinteig über die Backform) Pam ist Ratgeber in solchen Nöten und verschärft sie zugleich. Das von ihren weiblichen Fans empfundene Ungenügen ist ja ihr Geschäftsmodell. Sie rät zu ihren gymnastischen Übungen und zu kalorienarmen, in ihrem Bestseller nachzulesenden Gerichten.

Influencer Daniel Fuchs erklärt, was er tut - recht länglich und redundant. Doch die Widersprüche werden deutlich: Es geht um Reichweite und Verkaufen, nicht darum, den Followern etwas Gutes zu tun.

Wer solchen Influencer auf Instagram folgt, müsste spätestens nach einer Woche von Langeweile geplagt sein vor lauter Tuesday-Workout und Sportwagen-Tuning, Backvorbereitung und Ernährungstipps. Die Welt der Pam und Dan ist arm an wirklicher Erfahrung. Die jungen Follower suchen nach Sinn, und ihre Influencer bieten nichts – außer einer verdrehten Schlaraffenland-Kulisse, die bloß den Will-ich-haben-Sinn kennt.

Follower suchen Inspiration und Sinn - das können Gewerkschaften bieten

Es ist zum trübsinnig werden, dass acht Millionen Menschen dennoch den beiden folgen. Doch es hilft nichts: Eine an kritischer Öffentlichkeit interessierte gewerkschaftliche Publizistik muss die Frage beantworten, wie sie sich zu Instagram & Co verhält. Bloßes Ignorieren ist keine Option; auch Gewerkschafter nutzen die sozialen Medien. Und es ist ja auch nicht zu monieren, dass junge Mädchen das Schminken lernen und andere sich mit Instagram entspannen nach Feierabend. Nur: Dass dies alles sein soll, der vor dem Feierabend liegende Arbeitstag ausgeblendet wird, wäre zu kritisieren. Auf die Schnapsidee, das Geschäftsmodell der Influencer zu kopieren, sollte man jedoch gar nicht erst kommen. Ein Gewerkschaftsmitglied als Follower, der Erste Vorsitzende als Influencer? Das würde beide deformieren.

Wo die Influencer aber an Grenzen stoßen, sollten sich für die Gewerkschaften Räume öffnen. Die jungen Follower melden Autonomieansprüche an, die in die Phantasie und in die Konsumsphäre abgedrängt werden, weil ihnen die Produktionssphäre verschlossen bleibt. Eine ihnen Selbstbestimmung vorenthaltene Arbeitswelt wartet auf sie, allem Gerede von New Work zum Trotz. Das haben sie aus ihren Praktika oder ihrer Ausbildung mitgenommen, und die Gespräche mit ihren Eltern bestätigen diese Erfahrung. Der Weg in diese Berufswelt ist vorgezeichnet und treibt viele in die Arme der phantastische Fluchtwege versprechenden Influencer. Es ist allerdings keineswegs klar, dass deren Follower damit für gewerkschaftspolitische, die betriebliche Realität bearbeitende Lösungen unzugänglich sind.

Nur auf Instagram lässt sich herausfinden, ob diese Plattform als Forum genutzt werden kann. Falls nicht, welche eignet sich dann? Ob der Pudding schmeckt, lässt sich nur durchs Essen herausfinden. Eine gewerkschaftliche Publizistik darf keine Scheu haben, alle möglichen sozialen Medien, Podcasts und Videos zu nutzen. Nicht die Versinnlichung von aufklärenden Texten ist das Problem, sondern ihre Versimpelung. Warum soll der DGB nicht junge Filmemacher*innen beauftragen, beispielsweise seine Vorstellung einer humanen, auf Industrie 4.0 umgestellten Produktion zu bebildern? Beschäftigte, die mit Tablets und Datenbrillen Produktionsanlagen steuern, statt als Anhängsel der Anlage dequalifizierte, menschenunwürdige Restfunktionen auszuüben – das sollte sich gut darstellen lassen. Und gut gemacht wäre es, wenn ein Video seine eigene Formsprache entfallen kann. Die Programmatik darf der Ästhetik keine Vorschriften machen. Politische Aufklärung und Filmkunst gehen gut zusammen. Auf dem Web-Kanal des Altmeisters Alexander Kluge kann man dies sehen.

Plattformen wie Instagram sind nicht per se nur für seichte Unterhaltung vorgeformt. Als George Floyd Opfer der Polizeigewalt wurde, hatte sich auf Instagram eine Solidaritätsbewegung formiert. Dank der sozialen Medien war die Empörung weltweit zu vernehmen. Kommentare in bester, aufklärender Manier tauchten blitzschnell auf. Die Regierung, so ein US-Blogger, braucht Monate, um die Bevölkerung vor einem Virus zu schützen, aber Sekunden, um die Polizei auf die Protestierenden los zu hetzen. Black Lives Matter unterbrach selbst Pams und Dans Werbeprogramm. Bei Daniel Fuchs war Sendepause: Mit Blackout Tuesday brachten viele Nutzer ihre Solidarität zum Ausdruck. Pamela Reif gab einer "Rassismus zerstört" betitelten Videobotschaft Raum – einem Statement voller Wut und Aufklärung, vorgetragen von einer älteren Dame.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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