Deutscher Gewerkschaftsbund

03.12.2019

Die Arbeiter werden nicht mehr Trump wählen

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat 2016 versprochen, Jobs zurück in die USA zu holen. Doch das hat er als Präsident nie getan. Stattdessen hat er die Reichen mit Steuersenkungen beschenkt und Gesetze gegen die Interessen der Arbeiter verabschiedet. Ein Interview mit dem Vize-Vorsitzendes des US-Gewerkschaftsverbanden AFL-CIO Stuart Appelbaum.

 

Interview: Thomas Hackl

Menschen in roten Sweatshirts liegen auf dem Boden in der Flughafen-Halle.

An Thanksgiving machten die Mitarbeiter*innen von Catering-Firmen auf ihre schlechte Bezahlung und unzureichende Gesundheitsversorgung mit Aktionen aufmerksan. DGB/AFL-CIO

Wie ist es unter einem Präsidenten wie Donald Trump Gewerkschafter in den USA zu sein?

Stuart Appelbaum: Ich denke, unsere Rolle als Gewerkschafter ändert sich nich,t je nachdem wer gerade Präsident ist. Wir kämpfen ja immer für die arbeitende Bevölkerung. Und wir wissen: In einer Welt, in der so viel falsch läuft, hat die arbeitende Bevölkerung nur sich selbst, um sich zu schützen. Die Herausforderungen sind größer, aber unsere Mission und unsere Vision bleiben gleich.

Trump sagt, dass die Demokraten zwar die Unterstützung der Gewerkschaftsführer haben, er aber die Unterstützung der einfachen Gewerkschaftsmitglieder hat. Stimmt das?

Trump ist nicht gerade dafür bekannt, die Wahrheit zu sagen. Und das ist wieder so ein Fall, wo er die Menschen anlügt. Die meisten Gewerkschaftsmitglieder, die meisten Arbeiter weigern sich immer noch, Trumps Lügen zu glauben. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat er viele Arbeiter reingelegt. Er hat ihnen gesagt, dass er ihre Sorgen versteht und dass er sie unterstützen wird. Das hat sich aber als falsch herausgestellt. Ja, er hat sogar mehrere Gesetze verabschiedet, die der arbeitenden Bevölkerung geschadet haben. Er hat obendrein Regierungsbeamte bestellt, die sich klar gegen die Interessen der Gewerkschaften und der arbeitenden Bevölkerung stellen. Trump hat 201der Arbeiterschaft versprochen, dass er Jobs in die USA zurückbringen wird. Doch er hat gelogen. Die arbeitende Bevölkerung wird daher 2020 immer noch mehrheitlich gegen Donald Trump stimmen.

Es heißt dennoch bis heute, dass die weiße Arbeiterklasse Trump erst zum Präsidenten gemacht hat. Im Rust Belt hat er die entscheidenden Stimme gewonnen. Warum haben 2016 so viele Gewerkschaftsmitglieder für Trump gestimmt?

Viele Gewerkschaftsmitglieder haben für Trump gestimmt, aber die große Mehrheit hat das nicht getan. Ich bin der Meinung, dass die Demokraten damals nicht genug getan haben, um der arbeitenden Bevölkerung zu zeigen, dass sie etwas für sie machen werden. Trump hat gelogen, als er meinte, er würde sich um ihre Sorgen kümmern. Wir müssen sicherzustellen, dass die Menschen wissen, was bei dieser Wahl auf dem Spiel steht. Trump ist allerdings ein raffinierter PR-Stratege: Er sagt den Leuten nämlich auch, sie sollen nicht nach ihrem wirtschaftlichen Eigeninteresse wähle, sondern sich auf andere Themen konzentrieren, also auf soziale oder gesellschaftliche Themen, also Einwanderung, Einwanderung oder Abtreibung. Dadurch lenkt er von dem ab, was wirklich wichtig für die Arbeitnehmer und ihre Familien ist.

Welche Rolle werden die Gewerkschaften im anstehenden Präsidenschaftswahlkampf in den USA spielen?

Ohne eine starke Gewerkschaftsbewegung würde es keine Demokratische Partei geben. Unsere Kandidatinnen und Kandidaten verstehen das. Wir hatten mehr Diskussion über die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung und die Rolle von Gewerkschaften im aktuellen Wahlkampf als bei irgendeiner anderen Wahl, die ich miterleben durfte. Wenn die Demokraten gewinnen wollen, müssen sie die Sorgen und Ängste der arbeitenden Bevölkerung ansprechen. Es gibt keinen anderen Weg.

Schlichtes rotes Plakat mit englischem Text in drei Zeilen.

Werbebanner der Krankenschwestern-Gewerkschaft NNU, das die Vorteile einer Mitgliedschaft preist: Einsatz für sichere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und Zulagen, Schutz der Arbeitnehmerrechte am Arbeitsplatz durch Tarifverhandlungen und (Streik-)Aktionen. DGB/Archiv

Die Gewerkschaftsbewegung in der USA wächst derzeit wieder schnell. Wieso ist das der Fall?

Die Leute reden darüber, wie gut sich die Wirtschaft entwickelt, aber sie entwickelt sich nicht gut für die arbeitende Bevölkerung. Sie entwickelt sich lediglich für einen kleinen Teil der Bevölkerung positiv. Die arbeitende Bevölkerung kämpft jeden Tag ums Überleben. Vollzeitstellen wurden zu Halbtagsstellen, die Arbeitsverhältnisse sind immer prekärer geworden. Die Menschen sind besorgt. Sie sehen aber auch die unakzeptablen Einkommensunterschiede, die wir in Amerika haben. Ich glaube, dass die Menschen erkennen, dass sie in Gewerkschaften zusammenkommen müssen, wenn sie sich und ihre Familien schützen möchten. Die Unterstützung für Gewerkschaften in den USA ist heute stärker als seit vielen Jahren.

Die Wirtschaft verändert sich gerade stark. Wie müssen sich Gewerkschaften verändern, um damit Schritt zu halten?

Die Wirtschaft verändert sich ständig. Wir müssen daher immer wieder sicherstellen, dass die arbeitende Bevölkerung einen Platz am Tisch hat um mitzubestimmen, wie diese Veränderung ihr Leben beeinflusst. Wir müssen sicherstellen, dass die Profite fair aufgeteilt werden, die durch steigende Produktion entstehen. Arbeiter müssen auch ihren fairen Anteil erhalten. Wir müssen Teil der Diskussion sein, welche Auswirkungen der technologische Fortschritt auf Arbeitsplätze hat.

Die USA ist ein sehr vielfältiges Land. Was müssen die Gewerkschaften tun, um alle Arbeiter zur Zusammenarbeit zu bewegen, trotz ihrer Unterschiede?

Die USA ist auf verschiedene Arten von Vielfalt geprägt – sowohl was die Bevölkerung angeht, als auch was die Jobs angeht, die wir alle haben. Das ist eine Sorge, die teilen wir alle. In dem Moment, in dem wir diese Sorge artikulieren, merken wir: Gemeinsam sind wir stärker! Solidarität ist Grundlage der Arbeiterbewegung. Die Stimme des Einzelnen wird nicht gehört; aber wenn wir zusammenkommen, haben wir die Macht, etwas zu verändern.

 


Das Gespräch führte Thomas Hackl für Kontrast.at.


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Kurzprofil

Stuart Appelbaum
Stuart Appelbaum ist Vize-Präsident der AFL-CIO, dem US-amerikanischen Gegenstück zum DGB.
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