Deutscher Gewerkschaftsbund

12.12.2018

Eine zweite Chance für Großbritannien

Die Argumente gegen "Europa" haben sich seit 1950 nicht verändert, die EU und die Welt aber schon. Dennoch betrachten Ideologen in Jeremy Corbyns Labour Party die Europäische Union immer noch als eine kapitalistische Verschwörung. Und die Brexiteers träumen auf der rechten Seite noch von der Großmacht Großbritannien. Auch angesichts dessen sollten die BritInnen über den Brexit-Deal, wenn er denn beschlossen wird, abstimmen dürfen.

Von Ian Buruma

Karikatur mit Theresa May, die einen zerfallenden roten Doppeldeckerbus fährt.

DGB/Klaus Stuttmann

Am 9. Mai 1950, zu einer Zeit, da die Länder Europas gerade ihre Wiedererstehung aus den Trümmern des Krieges begannen, verkündete der französische Staatsmann Robert Schuman seinen Plan zur Schaffung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Mit der Bündelung dieser entscheidenden Kriegsmaterialien unter einer gemeinsamen europäischen Zuständigkeit würden gewaltsame Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland unvorstellbar werden. Die Deutschen zeigten sich hocherfreut. Die Benelux-Staaten und Italien wollten ebenfalls teilnehmen. Somit war ein erster Schritt in Richtung einer europäischen Union getan. Kurz nach Schumans Ankündigung wurden auch die Briten zur Teilnahme an den Diskussionen eingeladen.

Die Briten hielten die Europäische Gemeinschaft für ein französisches Komplott

Die Briten reagierten mit einer Mischung aus Entsetzen und Verachtung, ja sie argwöhnten, es handle sich wohl um ein französisches Komplott, um ein pragmatisches Volk in ein utopisches Auslandsprojekt zu locken. Die damals in Großbritannien regierende Labour Party konnte sich nicht vorstellen, souveräne Rechte an den maßgeblichen Industrien des Vereinigten Königreichs mit anderen Ländern zu teilen. Und die Konservativen konnten nicht erkennen, wie eine Weltmacht wohl Teil eines so eng gefassten europäischen Klubs sein könnte. Für die Länder auf dem Kontinent war es ja schön und gut, sich zusammenzuschließen. Aber Großbritannien würde weiterhin gemeinsam mit anderen englischsprachigen Völkern im Commonwealth und den Vereinigten Staaten Herrscher der Weltmeere bleiben.

Im Nachhinein ist es leicht, die Briten dafür zu verspotten, die Abfahrt des europäischen Schiffs mit derart nonchalanter Arroganz verpasst zu haben. Aber es ist zumindest verständlich. Schließlich hatten sich die Briten mit ihrer stolzen Demokratie allein gegen Hitler-Deutschland gestellt und bei der Befreiung europäischer Länder geholfen, die vor den Nazis kapituliert hatten. Man kann es ihnen nicht verdenken, dass sie sich ein wenig überlegen fühlten.

Theresa May steht nachts vor ihrem Amtssitz an einem Mikrophon, Scheinwerfer erhellen von der Seite die Szene.

Sie wird es mit dem Brexit nun richten - oder sie wird scheitern. Die Folgen sind so oder so schwer zu ermessen. DGB/Tiocfaidh ár lá 1916/Flickr/CC BY-ND 2.0

Bedrückend an diesem Brexit-Desaster, das die britische Politik momentan in ein derartiges Chaos stürzt, ist allerdings, dass sich die grundlegenden Argumente gegen „Europa” seit 1950 überhaupt nicht verändert haben. Die Ideologen in Jeremy Corbyns Labour Party betrachten die Europäische Union als eine kapitalistische Verschwörung, um die Reinheit ihrer sozialistischen Ideale zu untergraben. Und die Brexiteers auf der rechten Seite träumen immer noch von der Großmacht Großbritannien, deren globale Reichweite nicht durch die Mitgliedschaft in europäischen Institutionen beeinträchtigt werden sollte. Eine weitere, eher englische als britische Spielart des Nationalismus ist der romantische Glaube an eine „spezielle Beziehung“ mit den USA.

Unglücklicherweise für die Briten hat sich die Welt seit 1950 doch erheblich verändert. Das British Empire gibt es nicht mehr, der Commonwealth ist wenig mehr als ein sentimentales Überbleibsel der Vergangenheit und die Beziehung zu den USA ist vielleicht für die Engländer sehr speziell, aber für die Amerikaner weit weniger. Und es hat sich noch etwas – womöglich noch Bedeutenderes – geändert. Als die britische Regierung im Jahr 1950 die Einladung ausschlug, an der Gestaltung der Zukunft Europas mitzuwirken, wurde die Labour Party von einigen Konservativen dafür kritisiert, etwas übereilt entschieden zu haben. Als damalige Oppositionspartei mussten die Tories das sagen. Allerdings kam es nicht aus ganzem Herzen, denn – wie die New York Times damals berichtete – war die Position der Regierung "ungeachtet der Parteizugehörigkeiten zu einem Gutteil Ausdruck des britischen Gefühls gegenüber Europa."

Mittlerweile hat sich London zur inoffiziellen Hauptstadt Europas entwickelt

Mittlerweile ist Großbritannien – wenn auch nicht alle Teile Englands – ein weitaus europäischeres Land geworden. Im Jahr 1950 präsentierte sich London als eine vollkommen britische Stadt, in der „Ausländer” die ausgesprochene Minderheit bildeten. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich London zur inoffiziellen Hauptstadt Europas. Über drei Millionen Londoner sind nicht in Großbritannien geboren, und hunderttausende junge Europäer arbeiten in den Bereichen Bankwesen, Recht, Mode, Gastronomie, Kunst und vielen anderen Branchen. In London leben mehr Franzosen als in vielen französischen Städten.

Kein Wunder also, dass die Mehrheit der Londoner für einen Verbleib in der EU stimmte. Ebenso wie auch die Mehrheit der jungen Menschen in Großbritannien, die am Referendum teilnahmen. Das Großbritannien des Jahres 1950 würden sie nicht wiedererkennen.

Der britische Politiker Nigel Farage von der rechten Ukip steht vor einem großen Plakat mit einer Schlange von fremd aussehenden Menschen, auf dem steht: "We must break free of the EU "

Mit diesen und ähnlich rassistischen Plakaten warben Rechtspopulisten und Nationalisten wie hier Nigel Farage für den Brexit. Das Foto wurde übrigens weit entfernt von England aufgenommen - und zwar in Kroatien. DGB/Archiv

Wer sind nun also jene 51 Prozent, die für den Austritt aus der EU stimmten? Und warum taten sie das? Der Schutz des Sozialismus besitzt als Motiv wohl eine ebenso begrenzte Attraktivität wie die Ideale der reinen nationalen Souveränität oder die Fantasien von einer Weltmacht Großbritannien. Es scheint, als wäre die Angst vor Zuwanderung der Hauptgrund dafür gewesen, warum sich die Menschen für einen Austritt aus der EU entschieden. In einigen Fällen war dies wohl auf echte Sorgen zurückzuführen, da osteuropäische Bauarbeiter es den britischen Bürgern erschwerten, für die gleichen Jobs einen angemessenen Lohn zu erzielen. In vielen Fällen jedoch leben die Menschen, die sich am meisten vor einer „Ausländerflut“ fürchten, in Gegenden, wo es sehr wenige Einwanderer gibt.

Gleichzeitig halten es die meisten britischen Bürger für selbstverständlich, dass sie in Krankenhäusern von Einwanderern gepflegt und behandelt, in Supermärkten von ihnen bedient und in Banken, Postämtern, Sozialzentren, auf Flughäfen und im öffentlichen Verkehr von ihnen betreut werden. Ohne Einwanderer würden die britische Wirtschaft und der Dienstleistungssektor zusammenbrechen.  Einige Pro-Brexit-Politiker schürten die Ängste vor der Zuwanderung dreister als andere. Das berüchtigtste, während der Brexit-Kampagne verwendete Bild war ein Plakat, auf dem eine Kolonne junger Männer mit entfernt nahöstlichem Aussehen abgebildet war. Darunter stand zu lesen: "Wir müssen uns aus der EU befreien und die Kontrolle wiedererlangen." Tatsächlich befanden sich die jungen Männer auf dem Bild überhaupt nicht in der Nähe der Grenzen Großbritanniens. Das Foto wurde in Kroatien aufgenommen.

Leute wie Boris Johnson sind so machtgierig wie anachronistisch

Die seriöseren Brexiteers sprechen mehr über Souveränität als über Einwanderung. Ihre Angst vor Kontrollverlust mag durchaus echt sein. Persönlichkeiten wie Boris Johnson mit seiner churchillianischen Anmaßung oder Jacob Rees-Mogg, der einer Nebenfigur in einem P.G-Wodehouse-Roman ähnelt, sind anachronistische Figuren. Früher wären sie vielleicht an der Spitze eines Empires gestanden. Heute sind sie bloß Politiker in einem Staat mittleren Ranges.

Für Leute wie Johnson oder Rees-Mogg ist der Brexit mehr ein illusionärer Griff nach der Macht, der im Namen der gewöhnlichen Menschen und im Rahmen einer angeblichen Revolte gegen die Eliten unternommen wird, der die beiden jedoch selbst unübersehbar angehören. Ihre Nostalgie für erhabenere Herrschaftsformen hat dem Land, von dem sie behaupten, es zu lieben, bereits enormen Schaden zugefügt. Nun, da die potenzielle Katastrophe eines Brexit so deutlich zutage tritt, ist dies ein Grund mehr, warum die gewöhnlichen Menschen eine zweite Chance bekommen sollten, sich für die Abwendung dieser Katastrophe zu entscheiden.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2018


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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