Deutscher Gewerkschaftsbund

22.05.2011

Wachsam sein!

Eine Ausstellung beim DGB Bundesvorstand erinnert an das Schicksal verfolgter und gefangener GewerkschafterInnen im Dritten Reich

von Heike Runge
Alwin

DGB

Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen gehörten zu den ersten Opfern des nationalsozialistischen Terrors: Kurz nach der Machtergreifung, am 2. Mai 1933, hatten die Nationalsozialisten alle wichtigen Institutionen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes gestürmt, das Vermögen beschlagnahmt und zahlreiche Funktionäre in „Schutzhaft“ genommen. Die anfängliche Politik des Einvernehmens gegenüber dem erstarkenden Nationalsozialismus hatte sich als fatal herausgestellt.

Tausende Gewerkschaftsmitglieder wurden in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, Hunderte verloren ihr Leben. Viele schlossen sich dem Widerstand an oder gingen in die Emigration und beteiligten sich, so sie die Gewalt überlebten, am Neuaufbau der Gewerkschaften nach dem Krieg.

Über das Ausmaß und die Relevanz der gewerkschaftlichen Opposition gegen den Nationalsozialismus aber herrscht nach wie vor Uneinigkeit. Nicht nur innerhalb von Forschung und Öffentlichkeit, sogar innerhalb der Gewerkschaften selbst wird der Widerstand, der in den eigenen Reihen geleistet wurde, relativiert, unterschätzt oder aber gar nicht wahrgenommen.

Eine neue Wanderausstellung schließt Lücken in der Erinnerungskultur

Die Wanderausstellung über Gewerkschafter in Konzentrationslagern in den Jahren 1933 bis 1945 mit dem Titel "Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht hereinbricht" möchte Akteure des gewerkschaftlichen Widerstands vorstellen und einen Beitrag dazu leisten, die Lücke innerhalb der gewerkschaftlichen Erinnerungskultur zu schließen. Die Gedenkstätte Sachsenhausen hat in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung und dem Otto-Suhr-Institut der FU Berlin dazu eine Wanderausstellung erarbeitet, deren erste Station das DGB-Haus am Hackeschen Markt in Berlin ist. Dokumentiert werden sechzehn Biografien, die das Verfolgungsschicksal der Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen und die aktive politische Gegnerschaft zum "Dritten Reich" präsentieren. Ausdrücklich erwünscht ist es, dass die Ausstellung auf ihrer Deutschland-Tournee lokal ergänzt wird. Um sechs weitere Biografien kann die Dokumentation pro Station erweitert werden. Weitere 28 Porträts aus dem gewerkschaftlichen Widerstand sind in dem zur Ausstellung erschienenen Begleitband enthalten.

Mehr als gelungen ist die graphische Gestaltung der Schau. Verpackt sind die Lebensgeschichten der Frauen und Männer in ein expressives, ganz in Rot und Grau gehaltenes Ausstellungsdesign, das Aufmerksamkeit einfordert und den zwischen aktiver politischer Gegenwehr und entwürdigender Gewalterfahrung zerrissenen Biografien eine plakative Form gibt. Eine keilförmige graue Tafel, auf der die Stationen der Verfolgungsgeschichte festgehalten sind, "zerschneidet" die großformatige Fotografie der porträtierten Persönlichkeit in zwei Hälften. Auf der einen Tafel wird der persönliche und politische Werdegang dokumentiert, auf der anderen der Widerstand und, sofern sie mit dem Leben davon gekommen waren, das politische und gewerkschaftliche Engagement nach 1945. Ein Zitat rundet die Vita jeweils ab. Das ist wirklich gut gemacht: Dass die Stelltafeln unbeachtet irgendwo der Ecke stehen bleiben, muss man also nicht befürchten.

Einzelschicksale dokumentieren die Pluralität des Widerstands

Der Tischler und Gewerkschaftsjournalist Hermann Scheffler, der vergleichsweise früh vor der anschwellenden nationalsozialistischen Bewegegung gewarnt hatte, wird mit einer Aussage zitiert, in der er versuchte, den gewerkschaftlichen Widerstand retrospektiv zu bewerten: "Im Vergleich zu der Größe des nazistischen Übels", so lautete sein Resümmee, "war unsere Arbeit gewiss bescheiden. Dennoch glaube ich, dass wir getan haben, was unter den damaligen Verhältnissen möglich war."

Dieses Zitat war zunächst als titelgebendes Zitat für die  Ausstellung vorgesehen, weil es den geleisteten Widerstand würdigt, aber zugleich die Asymmetrie von Terror und Gegenwehr deutlich werden lässt. Dies erklärte der Historiker Günter Morsch, der das Forschungs- und Ausstellungsprojekt gemeinsam mit dem am Otto Suhr Institut lehrenden Sozialwissenschaftler Siegfried Mielke leitet, auf der Eröffnungsveranstaltung im DGB Haus. Dann aber, so Morsch, wurde es doch als leicht missverständlich verworfen. „Viel zu lange“, so der Historiker, „ist der Terror gegen Gewerkschafter unterschätzt worden.“ Morsch kritisierte, dass in der bundesdeutschen Erinnerungskultur die Geschichte des Widerstand gänzlich auf die Protagonisten des 20. Juli reduziert wird, während die Gegnerschaft der Arbeiterbewegung marginalisiert wird. Er verwies in diesem Zusammenhang auf den Gewerkschafter und SPD-Politiker Wilhelm Leuschner, dessen Lebenswerk in der Ausstellung gewürdigt wird. Zwar gehört Leuschner zu den wenigen Widerstandskämpfern, dessen Name im gesellschaftlichen Mainstream nicht komplett vergessen ist. Immerhin sind zahlreiche Straßen und Schulen in Deutschland nach dem 1944 in Plötzensee hingerichteten Leuschner benannt. Allerdings wird die NS-Gegnerschaft dieser führenden Persönlichkeit der Gewerkschaftsbewegung vor allem wegen ihrer Kontakte zur bürgerlichen Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ und damit zu den Hitler-Attentäter um Stauffenberg gewürdigt. „Leuschner wurde auf den 20. Juli reduziert", so Morsch.

Die Biografien der Männer und Frauen, die die Ausstellung rekonstruiert, sind so unterschiedlich wie es die gewerkschaftliche Bewegung der damaligen Zeit war. Da ist der aus einer protestantischen, großbürgerlichen Familie stammende KPD-Mann Rudi Goguel, der seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus als Klassenkampf verstand. Da ist die Frauenrechtlerin und Quäkerin Marie Pleißner, die als gewerkschaftlich organisierte Lehrerin aus ihrer pazifistische Gesinnung keinen Hehl macht und in das KZ Ravensbrück kommt. Da ist Fritz Husemann, populärer Bergarbeiterführer und SPD-Mitglied, der nach der Zerschlagung der freigewerkschaftlichen Bergarbeiterbewegung seine ehemaligen Kameraden unter großem persönlichen Risiko weiter unterstützt und 1935 im KZ Esterwegen erschossen wird. Obgleich amerikanische Verbandskollegen ihm den Weg ins Exil geebnet haben, hatte er seine Kumpel in der Zeit der Bedrängnis nicht im Stich lassen wollen. Da ist der national gesinnte SPD-Genosse und Gewerkschaftsjournalist Lothar Erdmann, der proklamiert „Wir sind Sozialisten, weil wir Deutsche sind“ und bis zuletzt im Kampf gegen den Terror auf Zivilcourage setzt: Nachdem er bei seiner Einlieferung im KZ Sachsenhausen gegen die Misshandlung des älteren Gewerkschaftskollegen und Genossen Erich Flataus aufbegehrt hat, wird er von SS-Leuten gequält und gefoltert und stirbt wenige Tage später an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Es sind Lebensgeschichten, die erschüttern und bewegen. Nicht zuletzt erinnern die so unterschiedlichen politischen Biografien der Männer und Frauen in dieser Ausstellung aber auch daran, dass die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung der damaligen Zeit zu sehr zersplittert war, um als wirkungsvolle Gegenmacht zum Nationalsozialismus agieren zu können.

Heike Karen Runge lebt in Berlin und ist Feuilletonredakteurin der Wochenzeitung Jungle World

Die Ausstellung ist noch bis 30. Juni 2011 zu sehen im DGB-Haus am Hackeschen Markt, Henriette-Herz-Platz 2, 10178 Berlin von Mo-Sa 10-18 Uhr.

Im Begleitband werden die Schicksale von 34 GewerkschafterInnen dargestellt, zehn davon sind derzeit in der Ausstellung zu sehen:

"Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht hereinbricht." - Gewerkschafter in Konzentrationslagern 1933–1945 

Herausgegeber: Siegfried Mielke und Günter Morsch

Metropol Verlag BerlinISBN 978-3-86331-031-8
240 Seiten
19,00 Euro

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