Deutscher Gewerkschaftsbund

13.12.2018

Frustrierte Männer, führungsstarke Frauen

Frauenfeindlichkeit ist einerseits real, aber anderseits eine Chiffre, die nicht nur für die verletzte Männlichkeit der vermeintlich enteierten Männer steht. Sie muss herhalten für einen gesellschaftlichen Wandel, der sie erschüttert und ängstigt, und der sich, zumindest gefühlt, immer mehr ihrer Kontrolle entzieht. Auf dieses Gefühl der Ohnmacht reagieren diese Männer reaktionär.

 

Von Daniel Haufler

Annegret Kramm-Karrenbauer sitzt auf dem Podium beim CDU-Parteitag.

AKK kurz nach ihrer Wahl zur neuen CDU-Vorsitzenden, entspannt und ernst zugleich. Reuters/Fabrizio Bensch

Entweder ist die neue CDU-Vorsitzende nun der größte Fehler der Partei oder ihre Rettung. Da gehen die Meinungen weit auseinander. Wobei mehr über die inhaltliche Nähe Annegret Kramm-Karrenbauers (AKK) zu Angela Merkel oder ihre katholische Konservativität nachgedacht wird als über das Merkmal, das womöglich weit bedeutsamer sein dürfte als alles andere: ihr Frausein. Es ist „wieder ein Mädchen“ titelte zu Recht die taz selbstreferenziell nach AKKs Wahl zur CDU-Chefin. Schließlich hatte die Zeitung im Jahr 2005 mit der Schlagzeile „Es ist ein Mädchen“ aufgemacht, als Angela Merkel zur ersten Kanzlerin des Landes gewählt worden war.

Der gesellschaftliche Wandel bereitet etlichen Männern großes Unbehagen

AKK hat allerdings nur knapp über Merz gesiegt, dem Traum der älteren weißen Männer, dem großen, kantigen Mann aus der Vergangenheit. Merz Beinah-Erfolg sagt viel über die Bedürfnisse in der CDU und vor allem die Wünsche der konservativen Männer aus. Sie fühlen sich nämlich schon lange nicht mehr so richtig heimisch in der Union. Diese Entfremdung hat, realistisch betrachtet, weniger mit der Parteiführung durch eine Frau zu tun als mit dem gesamten gesellschaftlichen Wandel. Doch das Unbehagen kristallisiert sich in dem Unwillen, sich von einer Frau führen zu lassen. Kurz gesagt: Viele Männer fühlen sich dadurch enteiert.

Diese Misogynie zeigt sich seit einer Weile selbst in kultivierten Kreisen ganz offen. So konnte man 2011 lesen, wie der Philosoph Peter Sloterdijk den französischen Spitzenpolitiker Dominique Strauss-Kahn gegen Vorwürfe der sexuellen Belästigung auf kuriose Weise verteidigte. Er meinte tatsächlich, der Fall des damaligen IWF-Chefs und Beinah-Präsidentschaftskandidaten sei in einer monarchischen Tradition zu sehen, in der die Mädchen aus dem Volk schon immer Kontakt mit dem geheiligten und Wunder wirkenden Sperma der französischen Könige gesucht hätten. Der renommierte Publizist Jean-François Kahn kam sogar auf die Idee, die mögliche Vergewaltigung im New Yorker Sofitel als „troussage de domestique“ zu rechtfertigen, also als eine Art harmlose Schürzenjägerei bei einem Hausmädchen, was auf das mittelalterliche „droit de seigneur“ (Herrenrecht) anspielt.

Zeichnung von einer glücklichen Familie auf dem Rasen vor ihrem Haus, vermutlich in den Fünfzigerjahren.

Ja, damals in den Fünfzigerjahren schien die Welt noch in Ordnung zu sein - zumindest für das stolze Familienoberhaupt... DGB/retroclipart/123rf.com

Der ehemalige Wirtschaftschef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Rainer Hank wiederum sah sich kürzlich bemüßigt, das Hausfrauendasein zu feiern. Die fünfziger und sechziger Jahre seien doch "als 'goldenes Zeitalter der Familie' in die Geschichte eingegangen: viele Eheschließungen, viele Kinder, wenige Scheidungen, wenige Alleinerziehende. Die Rollen waren vorgegeben. Man muss das nicht zwangsläufig spießig finden." Was man jedoch nur kann, wenn man den gesellschaftlichen Kontext außer Acht lässt. "It’s a Man’s World" sang James Brown damals sehr erfolgreich.

Mittlerweile gibt Donald Trump den Ton in Sachen Frauenverachtung an

Mittlerweile blickt man auf all das schon fast so nostalgisch wie auf Friedrich Merz‘ Wiederkehr. Die Maßstäbe setzt jetzt Donald Trump. Er verachtet Frauen zutiefst und drückt dies brutal direkt aus. Wenn ihm eine Frau intellektuell und politisch überlegen ist – und das passiert schnell –, qualifiziert er sie mit Hinweisen auf ihre vermeintliche Hässlichkeit oder Dummheit ab. Bei schwarzen Frauen kommt das besonders oft vor. Er geriert sich als weißer Macho-Mann und gewinnt damit vor allem eine große Zahl frustrierter weißer, vornehmlich älterer Männer für sich.

Diese Misogynie ist einerseits real, aber anderseits eine Chiffre, die nicht nur für die verletzte Männlichkeit der vermeintlich enteierten Männer steht. Sie muss herhalten für einen gesellschaftlichen und politischen Wandel, der sie erschüttert und ängstigt, der sich, zumindest gefühlt, immer mehr ihrer Kontrolle entzieht. Auf dieses Gefühl der Ohnmacht reagieren diese Männer reaktionär: Sie kämpfen für überholte Vorstellungen, für „tradierte Werte“ einer Welt, die es nur in ihrer geschönten Erinnerung gibt. Sie wollen schlicht einen überschaubaren Rahmen ihres Lebens, den sie selbst kontrollieren können. Diese Illusion kann ihnen keiner nehmen.

"Biblisch chauvinistisch" nannte der Rolling Stone zu Recht den Song von James Brown, der sich seit 1966 in immer neuen Cover-Versionen gut verkauft.

Wo Nachfrage existiert, gibt es im Kapitalismus auch ein Angebot: In Frankreich reüssiert schon lange der Front National, in Italien die Lega (Nord), in den USA Donald Trump mit seinen Republikanern und in Deutschland eben die AfD. Diese politischen Angebote sind Männervereine sind – Le Pens Front National ist nur eine Ausnahme, da dynastisch die Tochter vom Vater die Führung übernommen hat. In keinem der Länder jedoch sind die Männer real enteiert worden. Man muss kein Statistik-Fuchs sein, um zu erkennen, dass die große Mehrheit der einflussreichen Posten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nach wie vor von – meist älteren weißen – Männern besetzt sind. Wäre es anders, müssten wir nicht noch immer über Quoten für Gremien und Institutionen streiten.

Wenn sich also viele Männer beschweren, dass sie benachteiligt würden, dass sie leiden unter schlechter Führung, unter der Bevorzugung von Frauen, unter Kontrollverlust, unter wasauchimmer – dann lenken sie ihren Zorn in die falsche Richtung. An ihrer gefühlten Misere sind nicht die Frauen Schuld, sondern sie selbst. Es sind die fast allerorten herrschenden Männer, die den unaufhaltsamen Wandel offenkundig nicht gut gestalten, die keine Rezepte finden für eine sozial gerechte Globalisierung, ja nicht einmal für eine sozial gerechte Gesellschaft, die auf Nationalismus und Isolation setzen statt auf transnationale Lösungen und Kommunikation.

Politische Konzepte von Frauen unterscheiden sich nur punktuell von denen ihrer männlichen Kollegen

Erstaunlicherweise jedoch haben die vergangenen Jahre uns auch gelehrt: Frauen agieren in verantwortungsvoller Position nicht groß anders als Männer. Ihre politischen Konzepte unterscheiden sich nur punktuell. Insofern sollte man das Klischee von der besseren weiblichen Politik lieber schnell begraben. Es können mithin nur vernünftige Männer und Frauen gemeinsam eine lebenswerte, sozial gerechte, vielfältige Gesellschaft und globale Gemeinschaft schaffen – wenn überhaupt.

Was Frauen allerdings von Männern lernen mussten und erfolgreich gelernt haben, hat AKK mit ihrer Wahl-Kampagne vorgeführt: Sie hat virtuos Bündnisse gebildet und Seilschaften aktiviert, um den von sich selbst überzeugten Merz (und Jens Spahn obendrein) zu schlagen. Allein das schon lässt ihre Führungsqualitäten erkennen. Ob sie zur Rettung der Union oder zu noch mehr reichen, ist dann eine ganz andere Frage.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai 2017 verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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