Deutscher Gewerkschaftsbund

09.01.2012

Gute Arbeit und gute Dienstleistungen

Elemente einer gewerkschaftlichen Dienstleistungspolitik

von Dr. Martin Beckmann
leute

TimToppick / photocase.com

Ein wesentliches Element des ökonomischen Strukturwandels der letzten Jahrzehnte ist die Tertiarisierung: Die Anteile von Beschäftigung und Wertschöpfung, die auf den Dienstleistungssektor entfallen, sind stark gestiegen. Heute entfallen über 2/3 der Beschäftigungsverhältnisse auf ihn und sein Wertschöpfungsbeitrag liegt in einer vergleichbaren Höhe. Manche sahen angesichts dieser Entwicklung schon die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft am Horizont erscheinen.

In Kontrast zu dieser quantitativen Bedeutung von Dienstleistungen und ihrer positiven Bewertung steht die häufig im politischen und wissenschaftlichen Diskurs formulierte Position, dass Dienstleistungen nicht wertschöpfend, sondern abhängig von den Leistungen der Industrie seien. In der Wirtschafts- und Finanzkrise hat diese Haltung erneut an Gewicht gewonnen. Gerade das Fehlen einer wettbewerbsfähigen industriellen Basis mache im Vergleich mit Deutschland das zentrale Problem vieler europäischer Volkswirtschaften aus. Darum sei eine Renaissance der Industriepolitik erforderlich.

Industrie vs. Dienstleistung?

Diese hier zugespitzt dargestellten, kontrastierenden Positionen erweisen sich beide in bestimmter Hinsicht als problematisch. Erstens geht die Gegenüberstellung von Produktion und Dienstleistungen an der Realität vorbei. Beide Bereiche sind auf vielfältige Weise aufeinander bezogen und voneinander abhängig. Dies gilt selbstverständlich im Sinne gesamtwirtschaftlicher Nachfrage: in einem der Sektoren erzieltes Einkommen wird zu kaufkräftiger Nachfrage auch im anderen Sektor. Dies gilt vor allem aber auch für den Herstellungsprozess: Dienstleistung und Produktion sind entlang von Wertschöpfungsketten vielfach aufeinander bezogen, Dienstleistungen wie Forschung und Entwicklung, Beratung oder Finanzierung sind zentral für die Wertschöpfung auch in der Industrie.

Zweitens ignoriert die abwertende Kritik von Dienstleistungen ihre Bedeutung für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Der Umgang mit den Herausforderungen durch den Klimawandel etwa erfordert einerseits technische Innovationen, wie den Übergang zu einer regenerativen Energiewirtschaft oder die Entwicklung neuer Antriebssysteme für Fahrzeuge. Andererseits sind Dienstleistungen, sei es im Bereich der Energieberatung oder seien es Mobilitätsdienstleistungen, die für die optimale Verknüpfung unterschiedlicher Verkehrsträger sorgen und dem Leitgedanken von „Nutzen statt Besitzen“ folgen, ebenso wichtig. Ähnliches gilt für die Gestaltung des demografischen Wandels. Hier geht der Bedarf über Gesundheits- und Pflegedienstleistungen weit hinaus und betrifft unterschiedlichste Dienstleistungen, die ein möglichst langes, selbstständiges Leben in der gewohnten Umgebung unterstützen. Schließlich erfordert die Förderung gesellschaftlicher Integration verschiedenste Dienstleistungen, insbesondere in den Bereichen Bildung und Soziales.

Die Wertschätzung der Dienstleistung

Es geht also strukturpolitisch in den nächsten Jahren nicht um ein entweder Dienstleistungen oder Industrie. Es geht aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di darum, dass Dienstleistungen umfassend gesellschaftlich aufgewertet werden. Dies steht nicht im Widerspruch zu einer auf ökologische Modernisierung setzenden Industriepolitik. Dienstleistungspolitik in diesem Sinne will die Bedeutung der Dienstleistungen für die Erwerbstätigen, für die wirtschaftliche Wertschöpfung, für die Gesellschaft und vor allem den Wert der Dienstleistungsarbeit hervorheben. Dienstleistungsarbeit hatte zu lange das Image von sogenannter „einfacher“ Arbeit, für die angeblich nur geringe Qualifikationen notwendig seien. Verbunden mit der Politik der Arbeitsmarktliberalisierung insbesondere der Schröderregierung wurde gerade in verschiedenen Dienstleistungsbereichen, etwa im Einzelhandel, der Gastronomie oder dem Sicherheitsgewerbe, einem ausgedehnten Niedriglohnsektor der Boden bereitet. Die Identifikation des Dienstleistungssektors mit geringqualifizierter, wenig wertgeschätzter und gesellschaftlich nachrangiger Beschäftigung wird der Dienstleistungsarbeit aber in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht.

Denn zu dieser „low road“-Strategie der Förderung von Dienstleistungsbeschäftigung durch Liberalisierung und Privatisierung bestehen Alternativen. Insbesondere die skandinavischen Länder zeigen, wie der Ausbau von Dienstleistungen über vermehrte öffentliche Investitionen Umfang und Qualität von Dienstleistungen erhöhen kann und gleichzeitig nichtprekäre Arbeitsverhältnisse schafft. Doch selbst unter den gegebenen Bedingungen in Deutschland wird die dominante gesellschaftliche Wahrnehmung von Dienstleistungen als vornehmlich einfache, kaum Wertschöpfung schaffende Leistungen, der Realität nicht gerecht. Vielmehr ist der Dienstleistungssektor äußerst heterogen. Er umfasst soziale und ökologische, personen- und unternehmensbezogene sowie private und öffentliche Dienstleistungen.

Die Heterogenität der Dienstleistungsarbeit

So vielfältig wie die Dienstleistungen, so vielfältig sind auch die Arbeitsformen, -bedingungen und Beschäftigungsverhältnisse in Dienstleistungsbranchen. Es gibt einerseits in Teilen das Problem des Niedriglohnsektors und von prekärer Beschäftigung. Andererseits gibt es auch viele Dienstleistungsbereiche, in denen die Beschäftigten gut verdienen. Die Arbeitsbedingungen in Dienstleistungsbranchen werden von den Beschäftigten entsprechend sehr unterschiedlich bewertet: Laut DGB-Index Gute Arbeit haben 14 Prozent der Beschäftigten eine gute, 55 Prozent eine mittelmäßige und 32 Prozent eine schlechte Arbeit.

Trotz dieser Heterogenität lassen sich doch auch branchenübergreifende Gemeinsamkeiten von Dienstleistungsarbeit benennen. Denn im Gegensatz zur sachbezogenen Industriearbeit ist Arbeit in Dienstleistungsbranchen entweder Wissensarbeit, also Umgang mit Symbolen oder interaktive Arbeit, also Umgang mit anderen Menschen. Eine Auswertung von ver.di auf Basis der Erhebungen des DGB-Indexes Gute Arbeit von 2009 und 2010 hat ergeben, dass 76 Prozent der in Dienstleistungsbranchen tätigen Menschen interaktive Arbeit leisten. Die Beschäftigten in interaktiver Arbeit schätzen insbesondere den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit. Viele aber leiden an schlechten Arbeitsbedingungen. Fast 40 Prozent der Beschäftigten fühlen sich permanent in ihrer Arbeit gehetzt und müssen deshalb Abstriche bei der Arbeitsqualität machen.

Was ist Dienstleistungspolitik?

Angesichts der großen gesellschaftlichen Bedeutung von Dienstleistungen ist eine Dienstleistungspolitik, die ihren Beitrag zu Wertschöpfung und Beschäftigung anerkennt und sich für die Bereitstellung hochwertiger Dienstleistungen und die Förderung guter Arbeit in Dienstleistungen einsetzt, überfällig. Gewerkschaftliche Dienstleistungspolitik geht dabei von den Interessen der Beschäftigten an sinnvoller Arbeit, guten Arbeitsbedingungen, gutem Entgelt, aber auch Anerkennung und Wertschätzung aus. Diese Interessen lassen sich verbinden mit den Interessen der Menschen, für die Dienstleistungen erbracht werden. Eine solche Dienstleistungspolitik hat im Wesentlichen folgende Inhalte:

Damit hochwertige Dienstleistungen angeboten werden können, müssen die Bedingungen für eine gute und professionelle Arbeit gegeben sein. Zur Professionalisierung von Dienstleistungsarbeit gehören die Förderung von Beruflichkeit durch Ausbildung, eine verstärkte akademische Ausbildung für Arbeit in Dienstleistungen, sowie der Ausbau von Möglichkeiten zur Weiterbildung. Die Schaffung von guter Arbeit in Dienstleistungen bedeutet vor allem, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung gefördert wird. Diese muss sich insbesondere in einer Bezahlung niederschlagen, die anspruchsgerecht ist und ein Leben in Würde ermöglicht.

Dafür muss eine breite Debatte über Dienstleistungsarbeit, ihre gesellschaftliche Bedeutung und die vielfältigen Anforderungen an eine qualifizierte Dienstleistungserbringung geführt werden. Diese Debatte muss von den Gewerkschaften in Tarifauseinandersetzungen und auch von den Interessenvertretungen in den Betrieben und Verwaltungen aufgegriffen werden.

Was muss die Politik tun?

Aber eine dienstleistungspolitische Initiative kann sich nicht auf Aktivitäten auf tariflicher und betrieblicher Ebene beschränken. Es bedarf auch veränderter politischer Rahmenbedingungen, damit gute Arbeit und gute Dienstleistungen entstehen.

Erstens müssen der Niedriglohnsektor eingedämmt und nichtprekäre Arbeitsverhältnisse gefördert werden. Hierfür sind ein gesetzlicher Mindestlohn ab 8,50 Euro, weitere Branchenmindestlöhne und die Regulierung aller Arbeitsverhältnisse notwendig.

Zweitens muss eine Verteilungspolitik betrieben werden, die die Massenkaufkraft erhöht. Eine gerechtere Verteilung durch die Stärkung unterer und mittlerer Einkommensgruppen und eine höhere Belastung Vermögender und Gutverdienender schafft auch die Grundlage für mehr kaufkräftige Nachfrage nach Dienstleistungen. Gefordert sind hier eine Korrektur der Primärverteilung durch höhere Entgelte und der Sekundärverteilung durch die Steuerpolitik und höhere Sozialleistungen. Eine solche Politik der Stärkung der deutschen Binnenwirtschaft trägt auch dazu bei, die für die Krise des Euroraums mitverantwortlichen Ungleichgewichte zwischen Deutschland und seinen Handelspartnern abzubauen.

Zu einer auf hochwertige Dienstleistungen zielenden Dienstleistungspolitik gehört drittens ein verbessertes Angebot an öffentlichen Dienstleistungen. Die Sparpolitik der letzten Jahrzehnte hat der Qualität öffentlicher Leistungen massiv geschadet. Die jährlichen Investitionsbedarfe allein für Bildung, Gesundheit und Pflege liegen im dreistelligen Milliardenbereich. Darum ist der Staat gefordert, die öffentlichen Investitionen und das Angebot an öffentlichen Dienstleistungen umfassend auszubauen.

Viertens muss die Dienstleistungsforschung ausgebaut werden. Zu ihrem Ausbau gehört finanziell die Aufstockung der zur Verfügung stehenden Mittel und inhaltlich ihre konsequente Ausrichtung an den Interessen der Menschen, sowohl der Erwerbstätigen als auch der Nutzerinnen und Nutzer von Dienstleistungen.


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Dr. Martin Beckmann
Gewerkschaftssekretär beim Ver.di Hauptvorstand in der Abteilung Politik und Planung
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