Deutscher Gewerkschaftsbund

24.09.2019

Transformation zu Guter Arbeit

Hans-Jürgen Urban bietet in seinem Buch zur Transformation der Wirtschaft zahlreiche Hinweise für die Zivilisierung und Regulierung der kapitalistischen Markt- und Profitlogik. Das schafft er jenseits anachronistischer Verstaatlichungsrezepte und biederer altsozialistischer Illusionen. Absolut lesenswert.

 

Von Rudolf Walther

Fließbandproduktion bei Ford im Jahr 1913. Links Autos, rechts Reifen, die auf einem Band von oben herab transportiert werden.

Die Steigerung der Produktivität kennzeichnet den Kapitalismus. Die Fließbandproduktion moderner Ausprägung setzte zuerst Ford für sein Modell T ein. DGB/Archiv

So viel "Wende" auf einmal war noch nie. Schlag auf Schlag folgen Klimawende, Energiewende, Mobilitätswende, Verkehrswende, Digitalisierungswende. Doch Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Soziologie-Dozent in Jena, lässt sich nicht ein auf das Schlagwort Wende, das buchstäblich am medialen Schwungrad hängt. Er bevorzugt für die ökonomischen und sozialen Prozesse, die sich momentan abspielen, den sozialwissenschaftlich nüchternen Terminus "Transformation", den der ungarisch-britische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1963) mit seiner einflussreichen Studie "The Great Transformation" (1944) in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingeführt hat. Er beschrieb damit Folgen und Fehlentwicklungen des Übergangs vormoderner ("integrierter") Gesellschaften in liberale, schwach regulierte Marktgesellschaften, aber auch deren Umkippen in faschistische Regime. Diese überführten Arbeitskraft, Boden und Geld in nicht mehr regulierte Nutzung und Übernutzung.

Heute findet, so Urbans Ausgangsthese, im Zeichen von postdemokratischem Autoritarismus und neoliberal unterlegtem Populismus, eine vergleichbare "Entbettung" der kapitalistischen Marktwirtschaft aus staatlicher Regulierung statt. Diese Entbettung wird begleitet von der schleichenden Enteignung des Sozialeigentums, etwa in der Rentenversicherung, der Erosion des Tarifsystems, Niedriglöhnen, Prekarisierung und Altersarmut. Dieser marktgetriebene Prozess wird mit den Schlagworten Digitalisierung und Globalisierung nur sehr ungenau umschrieben und das Resultat pauschalisierend als Wende bilanziert.

"Gute Arbeit" ist autonom, sozial und nachhaltig

Die Gewerkschaften – und allen voran die IG Metall – begegnen der Herausforderung der Transformation des Kapitalismus mit dem gewerkschaftspolitischen Strategiebegriff "Gute Arbeit". Gemeint ist damit nicht etwa eine Rückkehr zu den "guten alten Zeiten" des fordistisch geprägten Normalarbeitsverhältnisses, sondern eine situativ angemessene Neujustierung von kollektiven Arbeitsrechten und individuellen Autonomie- und Emanzipationsansprüchen.

In diesem Sinne ist Gute Arbeit eine "regulative Idee" (Kant) oder "reale Utopie" (E.O.Wright). Das heißt: Sie ist eine nach dem Stand der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung mögliche, aber von den herrschenden Machtverhältnissen vorerst blockierte Kombination von sozialer Sicherheit, individueller Autonomie und ökologischer Nachhaltigkeit. Ob und wann es zu einer solchen Kombination kommt, hängt von den Interessen- und Machtverhältnissen zwischen den Akteuren Staat, Kapital und Arbeit ab, vor allem aber von der Solidarität und Konfliktbereitschaft der Gewerkschaften und ihrer Mitglieder.

Produktion eines VW Golf in moderner Fabrikhalle ohne Arbeiter.

Die gläserne Manufaktur Dresden, wo heute der E-Golf produziert wird, gilt als Modell für die moderne effektive Fabrik. Zudem ist ein Ort, wo das das Unternehmen ein "Center of Future Mobility" eingerichtet hat und Digitalisierung feiert. DGB/VW

Spätestens seit dem Gewerkschaftstag 2007 ist Arbeit oder eben Gute Arbeit wieder ein Thema in der IG Metall und ihrer offensiven Arbeitspolitik. Den einschneidenden Veränderungen, denen Erwerbsarbeit im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung unterworfen ist, kann man weder mit technikzentrierten Lösungen noch mit expertokratischen Rezepten beikommen. Vielmehr geht es um eine Verschränkung der arbeits- und lebensweltlichen Erfahrungen und Perspektiven der Beschäftigten. Das Konzept Gute Arbeit revitalisiert in diesem Sinne ein gewerkschaftliches Programm, dass in den 1980er-Jahren unter dem Titel "Humanisierung der Arbeitswelt" aufgelegt worden war. Wie dieses sträubt es sich nicht prinzipiell gegen innovative Technologien, will diese jedoch nicht nur als Wettbewerbszwängen geschuldete Effizienzreserven, sondern alters- und alternsgerecht sowie gesundheitszuträglich nutzen. Zudem sollen Pfade zu qualifizierterer, weniger entfremdeter und weniger heteronom regulierter Arbeit geöffnet werden.

Bessere Arbeitsbedigungen und Verteidigung von Arbeitsplätzen gehören zusammen

Aus breit angelegten Umfragen weiß die IG Metall, dass sich ihre Betriebsarbeit einem schwierigen Dilemma gegenüber sieht. Einerseits beklagen Mitglieder, Betriebsräte und Vertrauensleute den hohen Leistungsdruck, den Gesundheitsverschleiß, Stress und lange Arbeits- und Überstundenzeiten. Andererseits rangiert die Angst vor Personalabbau, Betriebsverlagerung und Arbeitsplatzverlust ganz weit oben. Eine Hierarchisierung der beiden Problemlagen verbietet sich, aber "das Risiko, Arbeitsbedingungen und qualitative Ansprüche an die Arbeit hinter die Verteidigung von Arbeitsplätzen zurückfallen zu lassen, ist groß" (Urban). Das ist für die gewerkschaftliche Arbeitspolitik eine Falle, denn es hieße der Spaltungspolitik der Neoliberalen auf den Leim zu gehen.

Transformationskonflikte ergeben sich für die Gewerkschaften besonders auch aus dem Rückzug des Staates aus der Verantwortung für die Erhaltung und Anpassung der Sozialversicherungssysteme, etwa in der Rentenversicherung. Betriebliche und tarifliche Leistungen können das staatliche Engagement nicht ersetzen. Gewerkschaften wären überfordert, wenn sie auf diesem Feld zu Ausfallbürgen verurteilt würden.

Älterer Arbeiter schiebt eine Stahlplatte in eine Presse.

Da die Belegschaften altern, ist es wichitig, die Arbeitsverhältnisse und die Gesundheitsvorsorge entsprechend zu gestalten. DGB/auremar/123rf.com

Angesichts des demografischen Wandels, d.h. des Alterns der Belegschaften, werden Gesundheitsprobleme und vor allem auch durch die Arbeit bedingte psychische Belastungen (Stress, Burnout) immer wichtiger. Zwar postulieren das deutsche Arbeitsschutzrecht und die EU-Arbeitszeit-Richtlinie einen "ergonomischen Imperativ" im Sinne eines präventiven Gesundheitsschutzes. Aber die Erhebungen der Krankenkassen bleiben alarmierend. Zwischen 2008 und 2017 stiegen die Ausfallzeiten für Burnout-Fälle unter 1000 AOK-Mitgliedern von 39,8 auf 116,7 Tage.

Die Grundlage für Gute Arbeit ist kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung

Betroffen waren 116.000 Menschen mit zusammen 3,7 Millionen Fehltagen. Urban konstatiert deshalb eine "große Lücke" zwischen dem öffentlich artikulierten Anspruch, die moderne Arbeitswelt gesundheitserhaltend zu gestalten und den Realitäten in den Betrieben. In vier Fünfteln der Betriebe wird der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastungen nicht nachgekommen. Gegen solche Rechtsverweigerung richtete sich die IG Metall-Initiative für eine "Anti-Stress-Vorordnung".

Urban lässt keinen Zweifel über die normative Grundlage des Konzepts Gute Arbeit: "kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung". Ohne sie ist "eine solidarische Verteilung des Arbeitsvolumens" auf alle Erwerbspersonen unmöglich. Obendrein ist die Entbindung von Mobilisierungspotenzialen der Produktivitätssteigerung nur möglich, wenn die Wirtschaft demokratisiert und die grundgesetzlich garantierte Sozialbindung des Eigentum aktualisiert wird. Das Buch bietet eine Fundgrube von Hinweisen für die "Zivilisierung und Regulierung der kapitalistischen Markt- und Profitlogik" jenseits anachronistischer Verstaatlichungsrezepte und biederer altsozialistischer Illusionen. Man kann dem Buch innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften nur viele Leser wünschen.

 


 

Buchumschlag "Gute Arbeit in der Transformation" von Hans-Jürgen Urban.

VSA Verlag

Hans-Jürgen Urban: Gute Arbeit in der Transformation. Über eingreifende Politik im digitalisierten Kapitalismus. Hamburg 2019, VSA Verlag, 264 Seiten, 19.80 Euro.


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Kurzprofil

Rudolf Walther
ist Historiker und hat als Redakteur wie Autor des Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" gearbeitet. Seit 1994 ist er als freier Autor und Publizist tätig.
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