Deutscher Gewerkschaftsbund

05.07.2010

Brot und Spiele oder: wie neokolonial sich die FIFA geriert

von Dieter Pienkny

Die ARD triumphiert in diesen Tagen. Die Fußball-WM in Südafrika beschert ihr Einschaltquoten von knapp 80 Prozent, 30 Millionen Deutsche sahen die Topspiele. Das Unterschichten-TV wird ausgebremst im nationalen Ranking.

Der ARD-Vorsitzende Boudgoust frohlockt denn auch: “Wir sind eins, vom Kabelhelfer bis zu den Experten. Eine kompakte und erfolgreiche Mannschaftsleistung mit Netzer und Scholl als genialer Doppel-10.“ Wie formuliert der gemeine Berliner in solch einem Fall? Hamset nich ´ne Nummer kleener? Was verschweigt uns der ARD-Chef? Dass offensichtlich die Rechercheure nicht mal auf der Reservebank Platz nehmen dürfen. Dass ehemalige Schwimmköniginnen uns mit ihren Trivialitäten peinigen beim Erkunden südafrikanischer Wirklichkeit. Und dass trotz des gigantischen Personalaufgebots durch ARD und ZDF in Südafrika uns leider nur ein eindimensionales Bild von Land und Leuten geliefert wird. Wie ernst nimmt die ARD ihren Programmauftrag bei Sportsendungen, Hintergründiges zu liefern und Analyse zu wagen? Und zwar nicht nur von Podolskis Pässen! Wie politisch sollten Berichte über ein Land sein, dass sich erst vor 15 Jahren auf den Weg machte, die menschenfeindliche Apartheid abzuschütteln und dass eigentlich immer noch zur sog. Dritten Welt gehört, auch wenn die meisten Weißen dort in Saus und Braus leben? Gerade die WM wäre eine günstige Gelegenheit unser Bild über Südafrika zu prägen und diese Aufgabe nicht nur den peinlichen deutschen Spielfilmen zu überlassen, die in den vergangenen Jahren fast alle am Kap spielen mussten.

Der Neokolonialismus kommt in Südafrika auf leisen Sohlen: Der Weltfußballverband bestimmt die Lage der Stadien, lässt Pretoria rd. 1 Mrd. Euro allein für die überdimensionierten Sportanlagen verbauen, setzt horrende Kartenpreise durch, die für kaum einen Schwarzen erschwinglich sind (die Hälfte lebt unterhalb der Armutsgrenze); die Verkehrsinfrastruktur kommt vor allem den Weißen zugute, nicht den Armen in den Townships; die Bauarbeiter mussten sich ihre Lohnerhöhungen erstreiken (Mindestlohn liegt bei umgerechnet 200 Euro im Monat laut IG BAU), um ihre Existenz zu sichern. Und dank der exklusiven Werbeverträge von FIFA und westlichen Getränkeherstellern werden die heimischen Verkäufer ausgeschlossen. Vielen fehlt so der Broterwerb. Die Bevormundung durch weiße Funktionäre schlüpft in ein neues Gewand. Die Milliarden für die WM fehlen dem Land bspw. für eine dringend notwenige Bildungsoffensive. Schert das die FIFA? Der einzige Akteur, der garantiert an der WM verdient, ist die FIFA, urteilen die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: Allein durch den Verkauf der Fernsehrechte werden 2010 mehr als 2 Mrd. Euro eingenommen. Die DIW-Experten haben jüngst in einer Studie dargelegt, dass die WM die Ungleichheit im Lande zementieren und Südafrika letztlich nur eines aus der WM herausziehen werde: ein stärkeres Identitätsgefühl.

Was erfährt man bei der ARD darüber? Kaum etwas. Sie ergötzt sich an Exklusivberichten über Joachim Löws Schlafzimmer, überschüttet uns mit langatmigen Ausführungen beim Doppelpass Delling/Netzer und schickt zu allem Überfluss dann noch Waldemar Hartmann als mediale Geheimwaffe ins Gefecht. So siegt der Boulevard über kritisch-reflektierenden Journalismus, der eigentlich auch der Sportberichterstattung gut täte. Auch Fußballbegeisterte sollen ja inzwischen anspruchsvoller geworden sein.

Aber dank der hervorragenden Spielfilmserie über Südafrika auf ARTE und solch intelligenter WM-Beilagen wie „11 Freunde“ im Berliner Tagesspiegel braucht der geneigte Leser seinen politischen Verstand nicht auszuschalten während der WM. Hier wird er mit vielen Facetten bedient. Womöglich reicht die „Nachspielzeit“ nicht aus, damit sich die ARD wieder auf ihre alten Stärken besinnt.


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Kurzprofil

Dieter Pienkny
ist Vorsitzender des Programmausschuss des Rundfunkrates des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Bis 2015 war er Pressesprecher beim DGB Bezirk Berlin-Brandenburg.

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